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Appaloosa

USA 2008. R,B: Ed Harris. B: Robert Knott. K: Dean Semler. S: Kathryn Himoff. M: Jeff Beal. P: Groundswell Productions. D: Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Joe Bernier, Jeremy Irons, Lance Henriksen, Rex Linn, Tom Bower u.a.
111 Min. New Line Cinema ab 18.9.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Alternative Szenen, Audiokommentar, Dokumentationen.

The Law and the Land

Von Martin Holtz Der Anfang ist toll. Das Telephoto-Objektiv fängt die raue Steppenlandschaft ebenso wie die bärtigen, zerfurchten Gesichter der zwielichtigen Gestalten, die sie besiedeln, in sonnengebleichten, matten Farben ein, und Jeremy Irons schießt erst mal ohne großes Zögern ein paar Gesetzeshüter vom Pferd. Dann reiten Ed Harris und Viggo Mortensen in die Stadt, mit einer überdimensionalen 8-Gauge Schrotflinte, einem film-noir-verdächtigen Voice Over und einer professionellen Gefühlskälte in der Satteltasche. Engagiert von den Feiglingen der Stadtregierung, die ausbleibende Investoren fürchten, wird den beiden Friedenssöldnern eine gesetzliche Carte Blanche erteilt, damit Recht und Ordnung herrscht. Um zu zeigen, daß in Appaloosa ein neuer Wind weht, ballern die beiden quasi als Begrüßung drei Unruhestifter im Saloon über den Haufen. Wir merken schnell, hier ist jeder auf seine Weise verdorben und das System am allermeisten. Hier gibt es keine fehlerlosen Helden, stattdessen Sadisten, Heuchler und Opportunisten.

Die ersten zwanzig Minuten beeindrucken nicht nur wegen der zeitgenössischen Relevanz der Thematik, der zunehmend schwammigen, relativen, mitunter paradoxen Definition von Gerechtigkeit, die subjektiv ausgelegt jedes noch so fragwürdige Handeln legitimiert. Es werden außerdem wohlige Erinnerungen an revisionistische Genreklassiker wie John Sturges‘ Die fünf Geächteten (1967), Michael Winners Lawman (1971) und Clint Eastwoods Ein Fremder ohne Namen (1973) wach. Auch in jenen Filmen werden Recht und Gesetz verschiedenartig entlarvt als konstruierte Legitimation persönlicher Rachefeldzüge oder als immanent korrupte Farce, die eine unverhältnismäßig brutale Auge-um-Auge-Gewaltspirale produziert. Appaloosa ist sogar einen Tick zynischer. In Ed Harris‘ Film ist das antidemokratische »peacekeeping business« ein dezidiert nüchtern ausgeführter Job, der halt gemacht werden muß, ohne Emotion und ohne Ideale. Dabei ist Legalität ganz offensichtlich nur ein Konstrukt, das jederzeit gewinnbringend von den politisch oder finanziell Mächtigen bestimmt werden kann. Dennoch sind die New-Hollywood-Vorläufer die besseren Filme, weil sie neben allem Zynismus geradlinig erzählt und interessant gefilmt sind. Außerdem haben sie alle eine spezielle, einzigartige Qualität, die bei Harris fehlt. Bei Sturges ist es die psychologische Dichte, bei Winner der Stoizismus von Burt Lancaster und bei Eastwood die übernatürliche Komponente.

In Appaloosa mögen die einzelnen Elemente nicht so recht zusammenpassen. Nachdem Renee Zellweger den Schauplatz betritt und sich eine Dreiecksbeziehung entwickelt, verliert der Film an Präzision. Dabei ist so Vieles an ihm für sich genommen absolut ansprechend. Die Schauspieler, vor allem Ed Harris als mit Fremdwörtern hadernder Revolverheld, sind klasse, ebenso die Dynamik der Männerfreundschaft zwischen Harris und Mortensen mit absolut großartigen Szenen der Non-Kommunikation auf der Veranda, die kurzen, angenehm unspektakulären und realistischen Duellszenen und die Nüchternheit, mit der Zellwegers opportunistisches Balzverhalten von allen Beteiligten letztendlich akzeptiert wird. Die positiven Aspekte leiden allerdings stark unter den Schwächen, wie die Ziellosigkeit, mit der sich der Plot entwickelt, einige schmerzende Klischees, die von der gruseligen Musik (klingt wirklich nach Videopremiere) noch verstärkt werden. Und, am wichtigsten, der Film ist einfach langweilig gefilmt und erzählt, und das ist bei einem Western unverzeihlich. Was vor ein paar Jahren vielleicht noch als charmant lakonischer Genrefilm durchgegangen wäre, ist nach solchen Kunstwestern wie Brokeback Mountain, There Will Be Blood, Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford und selbst prosaischeren Filmen wie Open Range und Todeszug nach Yuma eine wenig interessante Randerscheinung. Was den Western ästhetisch ausmacht, ist die ausdrucksstarke Symbolik der Inszenierung von Charakteren in der Landschaft, und genau die fehlt bei Appaloosa. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß es der Film zumindest in Deutschland nicht auf die große Leinwand schaffte. Es ist kein Verlust. Der kleine Bildschirm reicht eigentlich. 2009-09-18 11:23

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