— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

La Bête – Die Bestie

La bête. F 1975. R,B,S: Walerian Borowczyk. K: Bernard Daillencourt, Marcel Grignon. P: Argos Films. D: Sirpa Lane, Lisbeth Hummel, Elisabeth Kaza, Pierre Benedetti, Guy Tréjan, Roland Armontel, Marcel Dalio, Robert Capia u.a.
94 Min. Bildstörung ab 14.8.09

Sp: Französisch, Deutsch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Kurzfilm L'Escargot de Venus, Kurzdoku - Borowczyks Wahn, Interview mit Walerian Borowczyk, Deleted Scenes u.a.

Erotik mit dem Biest

Von Gerd Naumann Erotik im Kino ist eine delikate Aufgabe, da sie oft zwischen allzu zeigefreudigem Gestus und verhüllter Schamhaftigkeit schwankt. Es gibt daher nur wenige ernstzunehmende Regisseure, die sich diesem Sujet verschrieben haben. Einer der relevantesten ist der polnisch-französische Filmemacher Walerian Borowczyk, der einige der schönsten, zugleich auch verstörendsten erotischen Meisterwerke der Filmgeschichte hervorgebracht hat.

Borowczyks filmische Ambitionen begannen bereits in den späten 1940er Jahren. So entstand sein erster Kurzfilm Mois d’aout bereits 1946; bis weit in die 1960er Jahre hinein befaßte er sich mit experimentellen Animationsfilmen und Kurzfilmformaten. Ein Höhepunkt seiner Animationsexperimente ist sicherlich der Langfilm The Theatre of Monsieur and Madame Kabal (1967). In dieser Phase deuteten sich bereits jene erotischen Darstellungen an, für die Borowczyk in den 70er Jahren berühmt, allerdings bei vielen Kritikern auch berüchtigt werden sollte. Ein nachhaltiger Einstieg in die »Realfilmwelt« gelang ihm mit Goto. I’le d’amour (1968). In den Folgejahren entstanden in konsequenter Folge weitere Animations- und Realfilme, von denen das von Anatole Dauman produzierte Episodenwerk Contes Immoraux (1974) große Popularität erlangte.

Eine zunächst für Contes Immoraux gedrehte siebzehnminütige Episode bildete den Grundstein für La Bête. Noch auf dem London Film Festival 1973 war sie in einer Vorabfassung in den Film integriert. Die Grundidee der sexuellen Begegnung zwischen einer jungen Frau und einer schrecklichen Bestie war zunächst ausschließlich als Traumepisode geplant. Der Erfolg von Contes Immoraux gab Borowczyk die Möglichkeit, seine Idee im Rahmen eines Langfilms einzuflechten – der Weg zu La Bête war nun geebnet. Während der erotisch-animalische Aspekt in früheren Genrefilmen nur indirekt vorhanden war, wie in Die Schöne und das Biest oder die Affen-Mensch-Beziehung in King Kong, stand er in La Bête überraschend unkaschiert im Mittelpunkt. Der Produzent Dauman finanzierte auch diesen Film, machte sich aber schon ein Jahr später erneut um den erotischen Film verdient. Mit Nagima Oshimas Im Reich der Sinne war er an einem weiteren umstrittenen Meilenstein des Genres beteiligt.

Bei Erscheinen hatte es La Bête schwer. Angefeindet von der etablierten Kritik und gesellschaftlichen Gruppen war er oft nur in ausgewählten Kinos zu sehen. Der 1975 gedrehte Film startete daher erst 1981 in Deutschland, fand aber im Filmverlag der Autoren einen angesehenen Verleih. Borowczyk war nun bekannt, wurde allerdings nurmehr für Erotikfilme gebucht, bei denen oftmals Zeit- und Budgetplanung gegen die Entfaltung künstlerischer Freiheiten sprachen. Nur noch einmal sollte er inhaltlich und ästhetisch zu einer geschlossenen Einheit finden. Das 1981 gedrehte Meisterwerk Docteur Jekyll et les femmes, unter anderem mit Udo Kier und Patrick Magee hochkarätig besetzt, wurde aufgrund verleihinterner Schwierigkeiten nur in wenigen Ländern gezeigt und wartet bis heute auf eine angemessene Veröffentlichung.

Daher ist es umso erfreulicher, daß das Label Bildstörung La Bête mit einer hochwertigen und liebevoll produzierten DVD würdigt. Da der Film nach Erscheinen, aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar, in Deutschland indiziert wurde, war er lange Zeit nicht verfügbar. Umso umfangreicher ist die Ausstattung der Edition ausgefallen. Hier findet sich neben dem Kurzfilm L’Escargot de Venus auch die interessante Kurzdoku Borowczyks Wahn. Auf der DVD befinden sich weiterhin drei Deleted Scenes, die aus einer offiziell nicht veröffentlichten Fassung stammen. Diese unter Filmfans auch als »Langfassung« bezeichnete Version wurde von Borowczyk zwar nie autorisiert, ist aber dennoch eine sinnvolle Bereicherung. Viele Interviews, unter anderem mit dem Regisseur, eine umfangreiche Bildergalerie und ein ausführliches Booklet runden den positiven Eindruck ab. Parallel veröffentlicht Bildstörung eine auf 500 Kopien limitierte DVD-Edition, die neben dem regulären Director’s Cut auch die »Langfassung« enthält.

Die Bildqualität erfüllt den hohen Anspruch der Bildstörung-Edition. Wundervoll ist auch, daß der Film, im Gegensatz zu manch anderer Klassikerveröffentlichung anderer Labels, nicht »zu Tode« restauriert wurde. Der Zuschauer hat immernoch das Gefühl, einen Kinofilm zuzusehen und keiner digital überrestaurierten Plastikversion. Ein Übriges trägt die vollständig vorhandene deutsche Originalsynchronfassung bei, die hier tatsächlich um einiges atmosphärischer als der Originalton ist,

La Bête ist jedem Kinoliebhaber ans Herz zu legen. Zugleich ist der Film auch der Beweis, daß das europäische Kino viele cineastische Perlen hervorgebracht hat, deren Experimentierlust gerade in Zeiten der heutigen thematischen Verflachung der Kinoplots überragend wirken. 2009-08-07 11:43

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap