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Puffball

GB/IRL/CDN 2007. R: Nicolas Roeg. B: Dan Weldon. K: Nigel Willoughby. S: Tony Palmer. M: Chris Crilly, Thierry Gauthier, Delphine Measroch. P: Amérique Film, Dan Films, Grand Pictures u.a. D: Kelly Reilly, Miranda Richardson, Rita Tushingham, Oscar Pearce, William Houston, Donald Sutherland, Pat Deery, Leona Igoe u.a.
115 Min. UFA ab 1.12.08

Sp: Englisch, Deutsch (DD 5.1). Ut: keine. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Don’t Look Now

Von Daniel Bickermann Nach dreizehn Jahren kehrt der große Nicolas Roeg, Regisseur solcher legendärer Stilübungen wie Wenn die Gondeln Trauer tragen und Der Mann, der vom Himmel fiel ausgerechnet für diese irische Geister- und Familienfabel auf den Regiestuhl zurück. Und wieder geht es um Roegs große Themen: Das unverwundene Trauma toter Kinder, das Übersinnliche im Alltag, Hexentum und Geisterspuk. Eigentlich ein Grund zu feiern, aber die Wiedersehensfreude wird dann doch schnell getrübt. Denn während der Plot um eine junge englische Architektin, die im ländlichen Herzen Irlands und ganz in der Nähe einer irischen Großfamilie mit mysteriöser Vergangenheit ihr Traumhaus bauen will, zumindest funktional in Ordnung geht und auch einige genuin spannende Momente bereitstellt, hat sich Roeg bei der Inszenierung derart verfahren, daß man meint, der Altmeister hätte sein Handwerk in den vergangenen anderthalb Dekaden vollständig verlernt.

Was dabei vor allem ins Gewicht fällt, ist die Ästhetik – oder besser der Mangel einer durchgehenden solchen. Die Ursünde des Film besteht darin, eine recht erbärmliche Digitaltechnik mitsamt unsicherer Handkamera zu benutzen. Die Künstlichkeit der Bilder stört nicht nur das ästhetische Empfinden und die Realitätskonstruktion des Films, sondern auch die eher spiritistische Stimmung der Handlung, die auf einem Schauerroman von Fay Weldon (und einer Drehbuchadaption ihres Sohns Dan) basiert und immerhin von irischen Naturgeistern und Familienspuk erzählen will. Selbst die erdige, luftige, ach was: generell die Elemente beschwörende Musik von Größen wie Kate Bush und Coil verkeilt sich dabei unvorteilhaft in die eher grisselig aufgelösten Digitalbilder. Es hilft auch nicht, daß die durchgehende Symbolik aus luftlos herumliegendem Fußball, rundem Schwangerschaftsbauch und irischen Feiertagsspeisen aus dem titelgebenden Bauchpilz buchstäblich platt ausgefallen ist.

Das große und eigentlich einzige Plus des Films dagegen ist eine herausragende Besetzung. Sowohl die bezaubernde Kelly Reilly als auch Miranda Richardson können vollauf überzeugen, und der gemütliche Gastauftritt des alten Roeg-Veterans Donald Sutherland schadet auch nicht gerade. Man hätte sich für all diese Darsteller nur einen Film gewünscht, der nicht ganz so stark an eine studentische Abschlußarbeit erinnert.

Und natürlich haben Roegs Sexszenen mal wieder eine eigene Erwähnung verdient. Schließlich prägte seine kluge und vor allem äußerst reizvolle Parallelmontage von Geschlechtsverkehr und dem nächstmorgendlichen Ankleiden in Wenn die Gondeln Trauer tragen einst einen beinahe revolutionären Umgang mit Sex auf der Leinwand, und Roeg blieb auch seitdem einer der wenigen innovativen Regisseure in diesem Bereich. Und man muß gestehen, daß auch in Puffball wieder mutige Experimente in diesem Bereich betrieben werden – allerdings löst das Endprodukt dieses Mal eher verwirrtes Kopfschütteln aus. Einige erstaunlich plump eingesetzte Zeitlupen und eine geradezu erschreckende Parallelmontage mit einer zu Irish Folk wippenden Oma zeigen das Dilemma der aktuellen Roegschen Sexualdarstellung: Während die Schauspieler (allen voran die wahrlich furchtlose Kelly Reilly) sogar noch im Stallmist durchaus glaubhafte Leidenschaft aufbringen, weiß die Inszenierung nicht so recht, wohin mit sich. Das gipfelt im buchstäblichen Höhepunkt der Geschmacklosigkeit, mit einer scheinbar intravaginalen Kamera, die den Samenerguß (und die Befruchtung, um die es letztlich in diesem Film geht) quasi von innen zeigt – eine scheußliche visuelle Überinformation, die noch dazu mit ihrer klinischen Künstlichkeit die ohnehin disparate Stimmung des Films erheblich stört. Auch in diesem Bereich also steht ein echtes, qualitatives Comeback des verehrten Veteranen Roeg noch aus. 2009-08-04 11:42

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