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Zabriskie Point

USA 1970. R,B: Michelangelo Antonioni. K: Alfio Contini. S: Franco Arcalli. M: Jerry Garcia, Pink Floyd. P: Metro-Goldwyn-Mayer , Trianon Productions. D: Mark Frechette, Daria Halprin, Paul Fix, G.D. Spradlin, Bill Garaway, Kathleen Cleaver, Rod Taylor u.a.
109 Min. Warner ab 22.5.09

Sp: Deutsch, Italienisch, Englisch, Ungarisch, Spanisch (DD 1.0). Ut: Deutsch, Englisch, Spanisch, Polnisch, Ungarisch, Schwedisch, Finnisch, Norwegisch, Griechisch, Hebräisch, Italienisch, Bulgarisch, Kroatisch, Russisch, Slowenisch, Rumänisch, Portugiesisch. Bf: 2,40:1 anamorph. Ex: US-Kinotrailer.

Das Auge ist mit

Von Franziska Schuster Manche Filme muß man definitiv auf der großen Leinwand anschauen. Von Anfang bis Ende, in einem abgedunkelten Kinosaal mit guter Tonanlage. Wer schon einmal versucht hat, Playtime von Jacques Tati auf dem heimischen Fernseher anzusehen – und gemeint ist eines dieser altmodischen Geräte, deren Bildschirmdiagonale deutlich weniger als 42 Zoll mißt – hat ein anschauliches Beispiel. Zabriskie Point ist auch so ein Film, jetzt auf DVD erschienen in einer schnörkellosen, um nicht zu sagen: sparsamen Ausgabe. Keine Extras, kein Booklet, dafür jede Menge Untertitel (u.a. Finnisch, Hebräisch und Slowenisch) und Synchronfassungen (zum Beispiel Ungarisch).

Doch auch auf dem kleinen Monitor, auf dem kaum die Anfangstitel zu entziffern sind, läßt Antonionis Roadmovie keinen Zweifel darüber aufkommen, daß hier ein großer Moment der Kinogeschichte wiederauflebt. Kinogeschichte zum einen, weil man dauernd aufspringen und all die Namen rufen will, die einem in den Sinn kommen: Tati, wenn krawattierte Herren hinter großen Fenstern Sitzungen abhalten, die mit der Handlung des Films nur in loser Verbindung stehen; Bogdanovich (Targets), wenn den jungen Männern ohne Rückfragen ein Arsenal von Schußwaffen verkauft wird; Hitchcock (North by Northwest), wenn das kleine Flugzeug wiederholt haarscharf über Darias Autodach hinwegfliegt. Über allem liegt dazu das Gefühl einer adoleszenten Verweigerungshaltung, die man aus Formans Hair und Godards A bout de souffle kennt. Wirklich bahnbrechend sind aber vor allem die kraftvollen Bilder, die einem so schnell nicht wieder aus dem Sinn gehen – allen voran natürlich die Liebesszene in der Wüste und mehr noch die lustvoll destruktive Schlußsequenz, ein reines Kunstwerk.

Zabriskie Point ist auf eine ähnliche Weise avantgardistisch wie das frühe sowjetische Revolutionskino rund um Dziga Vertov. Das ist nicht zuletzt dem minimalistischen Soundtrack zu verdanken – vor allem aber der Kamera, die eine derart große Rolle spielt, daß man versucht ist, sie als eigenständigen Protagonisten zu betrachten. Gleich zu Anfang imitiert ihr dokumentarischer Blick, der suchend und unstet von Gesicht zu Gesicht springt, das Auge einer anwesenden Person, die noch nicht recht weiß, in welche Richtung sich die revolutionäre Stimmung unter den Studenten entwickeln wird. Dieses Vertovsche Kameraauge ist sprunghaft, ungeduldig und hoffnungslos romantisch. Es spielt mit waghalsiger Linienführung, intensiven Farben, ungewöhnlichen Perspektiven und Ausschnitten. Es läßt sich ablenken, bleibt an Nebensächlichkeiten hängen, verliert sich in Betrachtungen von Werbeschildern und Landschaften und transportiert auf bezwingende Art die Stimmung des Films. Die ist rebellisch: überschäumende jugendliche Energie, Rebellion, Überdruß, Launigkeit, Ziellosigkeit und Erotik. Und zugleich eine Gratwanderung zwischen Spiel und Ernst, zwischen Theorie und »Just-do-it«. Dabei liefert Antonioni mit messerscharfer Beobachtungsgabe und stellenweise beißender Ironie ein Bild des amerikanischen Alltagsleben Ende der 1960er Jahre, plastisch und ausdrucksstark.

Radikal wie die Bildkomposition ist auch die Narration, die entscheidende Wendungen in der Geschichte auf ein Minimum reduziert – die Gewalt während der Studentenunruhen wird auf nicht viel mehr als ein blutiges Taschentuch auf dem Asphalt heruntergebrochen – sich andererseits in elegischer Schwelgerei ergeht, wenn am Ende minutenlang explodierende Häuser und fliegendes Gerümpel Darias orgiastische Trauer visualisieren. Schnell und grob wird das Szenario skizziert, Szenenwechsel jagen einander, um auf den einen, zentralen Moment hinzuarbeiten, in dem Daria und Mark einander, in einer mystisch überhöhten Inszenierung, in der Wüste lieben. Die beiden Charaktere – auch sie: radikal – sind in die elliptische Handlung hineingewoben und branden mit ihr aufeinander zu wie zwei Wellen, die sich treffen, für einen Augenblick verschmelzen, um sich dann für immer wieder zu verlieren.

Das ist das große Verdienst von Zabriskie Point: Ein rhythmisch und visuell extrem durchkomponiertes Gesamtwerk kommt so leichtfüßig daher, so verspielt und scheinbar unkonzentriert, daß es eine leidenschaftliche Hommage an die Jugend sein darf und trotz seines revolutionären Duktus’ nicht ins Pathos abrutscht.
2009-07-17 11:37

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