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The Hoax

USA 2006. R: Lasse Hallström. B: William Wheeler. K: Oliver Stapleton. S: Andrew Mondshein. M: Carter Burwell. P: Miramax Films, Mutual Film Company, Stratus Film Co. u.a. D: Richard Gere, Hope Davis, James Biberi, Judi Barton, John Carter, David Aaron Baker, Christopher Evan Welch, Alfred Molina u.a.
112 Min. Momentum Pictures ab 11.2.08

Sp: Englisch (DD 5.1). Bf:  1.78:1, anamorph.

Wer einmal lügt

Von Daniel Bickermann Neben dem königlichen Berater, Doppelspion, Bergsteiger-Pionier und satanistischen Sektengründer Aleister Crowley, dem deutschen Diplomatenphantom Edmund F. Dräcker und den prominenten Protagonisten der P2-Verschwörung in Italien ist der New Yorker Autor Clifford Irving vielleicht die letzte schillernde Konspirationsfigur des 20. Jahrhunderts, die noch kein Porträt im Hollywoodfilm gefunden hat. Er war der dreisteste Fälscher seiner Zeit und so etwas wie ein Midas der Täuschung: Alles, was er anfaßte, wurde zwielichtig und fragwürdig; selbst nachgewiesene Fakten wurden durch ihre pure Erwähnung durch Irving unglaubwürdig. Er war ein so begnadeter Fälscher, daß er vielleicht andere Fälscher erfand und auf jeden Fall eine ganze Reihe großer Künstler zu haarsträubenden Fälschungen inspirierte. Daß man der ebenso amüsanten wie dramatischen Verfilmung seines Lebens mit Skepsis begegnet, mag also nur natürlich sein.

Doch halt, zurück zum Anfang: Es gab natürlich bereits einen Film über Irving. In Orson Welles’ legendärem Essayfilm F wie Fälschung, in dem der Meister das Kino als natürliche Fortsetzung der Zaubershows und Jahrmarktbuden entlarvte (und sich selbst ganz nebenbei als letzten Täuscher und Taschenspieler), tauchte sogar der reale Clifford Irving auf. Er hatte eine in der Kunstwelt revolutionäre Biographie über den (angeblich) größten Kunstfälscher des Jahrhunderts geschrieben, die vielleicht erlogen war, und kurz darauf eine autorisierte Biographie des mysteriösen Multimilliardärs Howard Hughes, die mit ziemlicher Sicherheit erlogen war. Vor Welles’ Kamera durfte dieser geniale Täuscher mit Rotweinglas in der Hand und eleganten Frauen im Arm nochmal seine abenteuerlichen Münchhausengeschichten erzählen, die kurz danach die Weltpresse, die Gerichte und Generationen von Verschwörungstheoretikern beschäftigen sollten: wie er den geheimnisvollsten und vielleicht reichsten Mann der Welt in Südamerika traf, wie dieser ihm die Geschichte der westlichen Politik im 20. Jahrhundert neu erklärte, wie der legendäre Exzentriker inzwischen unter größter Geheimhaltung zwischen Bodyguards, Schinkenbroten und Kleenex-Kartons in einem Hotelzimmer in Las Vegas residiert. Natürlich glaubte man Irving kein Wort.

Die berühmte Maxime, daß man im Falle der Wahl zwischen Legende und Wahrheit doch bitte die Legende drucken möge, ist in diesem Falle knifflig: Eine Figur wie Irving wirft sofort die Frage auf, was eigentlich Wahrheit und was Legende ist. Welles löste diesen Konflikt elegant und betitelte kurzerhand alles als Lüge, inklusive des eigenen Films. In dieser neuen Irving-Verfilmung The Hoax ist Drehbuchautor William Wheeler leider einen Schritt hinterher, er glaubt noch, ganz unpostmodern, an eine totale Wahrheit: Die Ungereimtheiten der Geschichte, die Verzweigungen, die sich wirklich nur mit dem Einfluß des modernen Moguls Howard Hughes erklären lassen, schiebt er kurzerhand Irvings Wahnvorstellungen in die Schuhe. So weit, so gut. Der eigentliche Gehirnknoten setzt aber ein, sobald man bedenkt, daß auch Wheelers Drehbuch auf dem Buch »Hoax« beruht, dessen Autor – richtig – Clifford Irving höchstpersönlich war. Willkommen in der Konspirologie.

Laut Wheelers Drehbuch und Irvings Buch ist es die Geschichte eines überambitionierten New Yorker Journalisten, der so lange nach dem perfekten publizistischen Coup sucht, bis er ihn sich halb selbst konstruiert und halb herbeiträumt. Irvings Aussagen über die Treffen mit Hughes werden nicht nur als Lüge vorausgesetzt, sondern auch zur Ursünde stilisiert, die ein ganzes Schneeballsystem von neuen Lügen nach sich zieht. Es folgt eine immer verzweigtere und verzweifeltere Jagd um Beweise und Gegenbeweise, bis endlich das ganze System aus konstruierten Briefen und Zeugen und Komplizen in sich zusammenfällt. Anders als in der kongenialen deutschen Fälscherkomödie Schtonk wird die Willigkeit der Getäuschten nur am Rande erwähnt – Irving nahm in seinen Memoiren alle Schuld auf sich und bekommt sie vom Film auch zugesprochen. Daraus ergibt sich dann eine kluge, schnelle und äußerst unterhaltsame Charakterkomödie, die bewundernswert viel Sympathie für seine Hauptfigur aufbringt.

Ein schöner Film also, ausgezeichnet besetzt mit lauter Schauspielern, die man unbedingt sehen will – Hope Davis, Alfred Molina, Julie Delpy und Marcia Gay Harden – und einer überraschenden Karrierebestleistung von Richard Gere. Der nicht immer konstante Lasse Halström hat hier einen seiner inspirierteren Momente, und es bleibt unverständlich, warum der Film nicht nur 2006 keine Kinoauswertung erhielt, sondern nun auch als DVD importiert werden muß. Ein toller Cast, ein schöner Film, eine rasante Geschichte. Und doch… irgendwie ist das alles zu rund, zu stimmig. Irgendwie paßt das alles viel zu einfach zusammen.

Die Geschichte, wie sie Welles’ damals ebenfalls nur am Rande anreißen konnte, warf noch viel interessantere Fragen auf: Wie zum Beispiel sollte man Irvings Lüge nachweisen? Die Brillanz seines Coups bestand ja in seiner Wahl des verschrobenen Eremiten Hughes als Opfer, der jahrzehntelang nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten war, sich sogar seinem Geschäftsvorstand nur als Telefonstimme präsentierte und zu allem Überfluß auch noch eine Vorliebe für Doppelgänger und Stimmimitatoren hatte. Glaubhafte Zeugen waren gar überzeugt, Hughes wäre bereits seit Jahren tot. Im Prozeß gegen den Fälscher Irving, den The Hoax leider nicht mehr zeigt, mußte der Richter zwischen einer Tonbandaufnahme von Hughes vermeintlicher Stimme und einem Vertrag mit Hughes vermeintlicher Unterschrift wählen.

Eigentlich beginnen erst dort die interessanten Fragen nach Wahrheit und Lüge, die durch Lügendetektortests, Handschriftanalysen und Stimmerkennung nicht zu klären waren. Die einzige Schwäche dieses klug inszenierten und mitreißend gespielten Films besteht also darin, seine eigene Mittäterschaft, seine vermeintliche Korrumption durch die gefälschte Romanvorlage eines Fälschers, in der er sich selbst der Fälschung bezichtigt, nicht zu behandeln. Denn die Idee liegt naturgemäß nahe, Irving könnte auch in seinen eigenen Memoiren mit der Wahrheit ein wenig liederlich umgegangen sein – vielleicht auf Druck des übermächtigen Hughes, wie viele Konspirologen vermuten, vielleicht aus dem Bedürfnis für eine möglichst lukrative Story heraus, oder vielleicht auch einfach nur aus Gewohnheit oder diebischer Freude an der Fälschung.

Sicher ist nur dies: Während seiner Inhaftierung, die hier ebenfalls nicht behandelt wird, schrieb Irving sein vermeintliches Geständnisbuch namens »The Hoax«, das Wheeler als Drehbuch adaptierte und Halström verfilmte. Es war dann schon die dritte »autorisierte Biographie«, die Irving verfaßte, und sein dritter großer Bestseller. Ob wenigstens dieser irgendwas mit der Wahrheit zu tun hat, darf sich jeder selbst raussuchen. Die Spurensuche jedenfalls macht diebisch viel Spaß. Und daß dieser Film keinen deutschen Kinostart hatte und jetzt nicht einmal einen deutschen DVD-Verleih findet, sondern importiert werden muß, das läßt sich wirklich nur mit einer Verschwörung erklären – Howard Hughes ist überall.
2009-05-22 11:38

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