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Manic – Weggesperrt

Manic. USA 2001. R: Jordan Melamed. B: Michael Bacall, Blayne Weaver. K: Nick Hay. S: Madeleine Gavin, Gloria Rosa Vela. M: Michael Linnen, David Wingo. P: Manic LLC, Next Wave Films. D: Joseph Gordon-Levitt, Michael Bacall, Zooey Deschanel, Cody Lightning, Elden Henson, Sara Rivas, Don Cheadle, Adrienne Rollo u.a.
98 Min. Senator ab 15.12.08

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: keine.

Eine wacklige Angelegenheit

Von Arezou Khoschnam Die Anfangssequenz von Manic beginnt relativ vielversprechend. Der Teenager Lyle ist gerade erst in die psychiatrische Klinik eingeliefert worden, wo Dr. Monroe ihn nach seinem Gewaltausbruch befragt. Die Tonspur spielt Geräusche ab, die einer Kampfsituation entsprungen sind, während Lyle auf der Bildebene versucht, die Anwesenden davon zu überzeugen, daß er nicht wahnsinnig ist. Seine verzweifelten Anstrengungen sind jedoch vergebens. Als Zuschauer kennen wir die Vorgeschichte nicht und sind dazu geneigt, uns auf Lyles Seite zu schlagen. Insbesondere, als der wütende Junge seine Mutter im Kampf um seine Glaubwürdigkeit um Unterstützung bittet und diese passiv bleibt. Sie sieht dabei zu, wie Pfleger ihren Sohn mit Spritzen unter Kontrolle bringen. Die Handkamera paßt sich währenddessen der Gefühlswelt des Jungen an. Aus schrägen Winkeln fängt sie lediglich Ausschnitte ein, stets darauf bedacht, den Blick des Zuschauers einzuschränken. Sie führt diesen vibrierend durch das Geschehen. Wir fühlen uns genauso überrumpelt und hilflos wie Lyle. Geschafft: Regisseur Jordan Melamed hat unsere Aufmerksamkeit, wir sind neugierig, wir wollen mehr erfahren. Doch was sich an die Exposition anschließt, enttäuscht die anfänglichen Erwartungen bei weitem.

Was zunächst noch als angemessen eingesetztes Stilmittel erschien und ein feines Gespür für Atmosphäre und Timing bei der Regie suggeriert, erweist sich sehr schnell als Trugschluß. Die übertriebene Handkameraästhetik entpuppt sich als roter Faden des Films, dem sich der einfallslose Plot unterordnet. Die Wahrnehmung des Zuschauers wird weiterhin durch ein grelles Licht mitunter unbekannten Ursprungs beansprucht, welches sich in nahezu jeder Szene einen Weg ins Bild bahnt. So wird aus interessant anstrengend, und unser Auge ist nur noch damit beschäftigt, in dem diffusen Szenario den Überblick zu bewahren.

Die Vermutung liegt nahe, der Regisseur habe bei der Konzentration auf die formale Gestaltung über das uninspirierte Drehbuch hinwegtäuschen wollen. Und tatsächlich weiß der Film nur das Übliche zu berichten. Das Gewaltpotential oder anormale Verhalten der Jugendlichen liegt in der Elterngeneration begründet, die ihre Kinder entweder sexuell mißbraucht oder geschlagen hat. Gewalttätige Jugendliche sind letztendlich auch nur Opfer von anderen Gewalttätern, so die Botschaft. Auch die aufkeimende Romanze zwischen Lyle und einer Patientin ist der Dramaturgie regelrecht aufgezwungen.

Lyle teilt sich in der folgenden Handlung, die ausschließlich in der Klinik spielt, die Hauptrolle mit einer Handvoll anderer Jungpatienten. So wird klar: Manic möchte nicht etwa den Charakter einer einzelnen Figur studieren, sondern Einblick geben in die schwierige Arbeit der Psychiater, die nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Melamed legt den Schwerpunkt eindeutig auf die Atmosphäre und läßt seine Figuren dabei an der Oberfläche zurück. Er möchte eine dokumentarische Stimmung erzeugen, die ihm jedoch nur in Ansätzen gelingt, da er gleichzeitig den Anspruch erhebt, einen fiktionalen Spielfilm zu drehen. Das künstlich anmutende Licht wirkt der wackeligen Kamera entgegen, so daß diese zusammen mit der undifferenzierten Aneinanderreihung der Szenen mehr Willkür als Authentizität vermittelt.

Nur noch einmal gegen Ende erweist sich der Kamerastil als adäquat. Als einer der Jugendlichen einen Pfleger mit einem Rasiermesser bedroht, verleiht die Ausschnitthaftigkeit der Kamera der Szene die nötige Spannung. Als der Patient schließlich zusticht, erlebt der Film seinen überraschenden Höhepunkt und erhält eine Brisanz und Aktualität, die er ansonsten vermissen läßt. Gerade in der heutigen Zeit, da in den Nachrichten in erschreckend kurzen Abständen von Mißbrauchsfällen und amoklaufenden Jugendlichen die Rede ist, werden Fragen nach geeigneten Therapien und deren nötigen Dauer immer häufiger gestellt. Ab wann sind die Patienten wieder gesellschaftsfähig? Manic beschönigt in dieser Hinsicht nichts und zeigt, daß die Arbeit der Psychiater und Psychologen keine Garantie geben kann. Einigen kann geholfen werden, anderen nicht.

Don Cheadle alias Dr. Monroe ist durch sein glaubwürdiges Spiel wie in jeder seiner Rollen auch hier eine Bereicherung für den Film. Allerdings nur eine kleine, da seine Nebenrolle ihm nicht viel Spielraum gewährt. Auch der oftmals für niedliche Rollen besetzte Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt fällt positiv ins Auge. Trotz seines Babyfaces verleiht er Lyle einen Zug von Unberechenbarkeit. Legt man den guten Willen beiseite, bleibt unterm Strich eine visuelle Reizüberflutung, die das Auge des Zuschauers nicht stimuliert, sondern überstrapaziert. Um der Thematik gerecht zu werden, hätte es weniger an formaler Experimentierfreude und mehr an Inhalt bedurft.
2009-05-05 10:31

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