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SpongeBob Schwammkopf – Die 10 glücklichsten Momente

SpongeBob SquarePants. USA 1999-2006.
131 Min. Paramount ab 5.2.09

Sp: Deutsch, Englisch, Französisch, Niederländisch (DD 2.0), Spanisch (DD 1.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1 anamorph. Ex: Pilotepisode, Bildergalerie.

Anachronistischer Optimismus unter der Meeresoberfläche

Von Kristina Schilke Irgendetwas ist anders geworden in der Zeit zwischen Walt Disneys Schneewittchen und die sieben Zwerge und Dreamworks' Shrek. Selbstverständlich tritt die technische Weiterentwicklung nicht auf der Stelle wie ein schüchternes Mädchen, sie springt stattdessen weiter und weiter und höher und höher. Die Zeichentrickfilme werden nun meistens nicht mehr von Hand gezeichnet in Hollywoodstudios und auch nicht mehr wie bei den traditionsreichen Simpsons von koreanischen Zeichnern gezeichnet, sondern am Computer, besser gesagt einem Laptop, generiert. Die Bewegungen und eventuelle Actionsequenzen wirken dadurch schneller, müheloser, und die Optik ist glatter, glattgekämmter in ihrer Oberfläche. Doch diese Unterscheidung stellt in Wahrheit nur die Spitze einer Eisbärennase dar, der auf der kleinen Spitze eines im Grunde riesigen Eisberges steht. Denn noch etwas anderes hielt beinahe zeitgleich mit der Computerzeichentechnik Einzug in das Genre des Trickfilms: Coolness. Verließ sich ein grundehrlich amerikanischer, ordentlich gescheitelter Walt Disney noch auf singende Tiere, sentimentale Momente und auch eine gewisse Langsamkeit in den Handlungen und den Geschichten, sind Filme wie Die Unglaublichen von Pixar und Ab durch die Hecke von Dreamworks zu animierten mittelmäßigen Actionkomödien mutiert, in denen ein cooler Spruch den nächsten ablöst.

Und in diesem bedauernswerten Wulst aus schieren Ängsten, nicht mehr nur die Kinder, sondern vor allem die Kids und ihre pubertierenden Geschwister ansprechen zu können, sticht ein viereckiger, löchriger Meeresbewohner sehr wohltuend aus dem Ganzen hervor: Spongebob Schwammkopf. Im Original Spongebob Squarepants genannt und in Frankreich Bob L’Eponge. Spongebob ist ein von Hand gezeichneter Schwamm, der am Meeresgrund in der Stadt Bikini Bottom in einer Ananas lebt. Er trägt quadratische Hosen, ein quadratisches Hemd, ist ansonsten auch quadratisch und besitzt neben unermüdlichem Fleiß für seine Arbeit als Burgerbrater in Mr. Krabs »Krossen Krabbe« auch noch eine Hausmeeresschneckenkatze namens Gary. Diese ist tatsächlich das Wesen als das man sie in diesem langen Unwort »Hausmeeresschneckenkatze« beschreiben kann: eine Meeresschnecke, die miaut und als Hauskatze fungiert. Vor allem aber ist Spongebob mit seinem peinlichst ungebrochenen Optimismus und der hysterischen Fröhlichkeit ein wandelnder Anachronismus in der modernen Zeichentrickwelt, die leider fast keinen Platz mehr für so ehrlich »uncoole« Figuren bietet.

Spongebob Schwammkopf wurde vom studierten Meeresbiologen Stephen Hillenburg ins Leben gerufen und erblickte auf Nickelodeon im Jahre 1999 das Licht der über ihn so verwunderten Welt. Denn einerseits war Spongebob sofort der Kinder- und Elternliebling, andererseits war die amerikanische Schwulengemeinde sehr erfreut darüber, daß endlich eine beinahe offen homosexuelle Zeichentrickfigur existiert. Und obwohl das bisher Mutmaßungen sind und Spongebob sich bislang noch nicht dazu geäußert hat, muß man dennoch als aufmerksamer Beobachter feststellen, daß die Freundschaft zwischen Spongebob und dem beinahe hirnlosen, aber herzensguten Seestern Patrick doch eine sehr, sehr enge ist. Im Grunde läßt sich diese Konstellation sogar mit derjenigen in der kongenialen Ren & Stimpy Show vergleichen, in der ein übernervöser, abgemagerter Chihuaha Hund mit einem wohlwollenden, etwas dümmlichen Kater nicht nur die Wohnung teilt, sondern auch (fast) alles andere. Bizarrerweise haben beide Serien trotz ihrer Unterschiede (der schonungslose Sarkasmus und bis ins Abstrakte gesteigerte Humor bei Ren & Stimpy gegen die optimistisch philosophische Ausrichtung Spongebobs) auch einige Gemeinsamkeiten, so zum Beispiel eine deutsche Synchronstimme – der Schauspieler Santiago Ziemer spricht sowohl Ren als auch Spongebob – der unkonventionelle Erfolg und der Anachronismus der Figuren, die mit ihrem Humor, ihrer Machart und ihrer äußeren Erscheinung theoretisch gesehen keinen Platz mehr in der heutigen Zeichentrickkultur finden und gerade deswegen so sehr wertgeschätzt werden müssen.

So läßt sich auch aufgrund der inhaltlichen und visuellen Großartigkeit der Spongebob-Serie nicht viel mehr zur vorliegenden DVD Die 10 glücklichsten Momente sagen, als daß sie lediglich von jedem mit Freude empfangen werden wird, der auch nur ein wenig die gesellschaftliche »Misfits«-Typologie in Spongebob und den Figuren um ihn herum erkannt hat. Spongebob ist somit tatsächlich neben Ren & Stimpy einer der wenigen Geniestreiche der modernen Zeichentrickwelt.
2009-04-23 13:21

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