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Ein Kind zu töten

Quién puede matar a un niño? E 1976. R: Narciso Ibanez Serrador. B: Chicho Ibanez-Serrador. K: José Luis Alcaine. S: Antonio Ramírez de Loaysa, Juan Serra. M: Waldo de los Ríos. P: Penta Films. D: Lewis Fiander, Prunella Ransome, Carlos Parra, Antonio Iranzo, Miguel Narros, María Luisa Arias, Marisa Porcel, Juan Cazalilla u.a.
107 Min. Bildstörung (Al!ve) ab 13.2.09

Sp: Deutsch, Englisch, Spanisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Interview mit Regisseur Narciso Ibanez Serrador, Interviews, Inkl. separater Audio-CD u.a.

Sind so kleine Hände

Von Carsten Tritt Es ist einer dieser schönen Momente für den Filmliebhaber, wenn er wie hier bei Ein Kind zu töten erlebt, wie ein Film, der bisher als absoluter Geheimtip galt, endlich in einer anständigen DVD-Veröffentlichung präsentiert wird. Obwohl Ein Kind zu töten einer der herausragendsten spanischen Filme der 1970er ist, schien er eigentlich verdammt, aus dem Bewußtsein der Öffentlichkeit zu entschwinden: Regisseur Narciso Ibáñez Serrador hat ansonsten kaum fürs Kino gearbeitet und sein Geld z.B. mit Quizshows fürs spanische Fernsehen gemacht, die Hauptdarsteller sind praktisch unbekannt (was zumindest ob des hervorragenden Spiels von Prunella Ransome etwas überrascht), und der einzige, der nach dem Film doch noch Karriere gemacht hat, war José Luis Alcaine, der spätere Stammkameramann von Pedro Amodóvar. Zum No-Name-Cast kam hinzu, daß die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in einem ihrer Anfälle von cineastischem Analphabetismus kurz nach erscheinen der Videoveröffentlichung meinte, den Film indizieren zu müssen, obwohl Ein Kind zu töten ein ausgesprochen langsam erzählter Film ist, der kaum Schockeffekte – und erst recht keine unbegründeten – verwendet. So war der Film nach dem weitgehenden Vertriebsverbot durch die Indizierung für den deutschen Markt faktisch gestorben, da er die einzige marktrelevante Zielgruppe, die mal am Nicht-Porno-Regal in der Erwachsenenvideothek vorbeischaut, natürlich mangels Splattergehalt völlig verfehlte. Und die Gelegenheiten, in denen die alte Kinokopie eines Filmsammlers unter dem merkwürdigen deutschen Kinotitel »Tödliche Befehle aus dem All« dann doch in den letzten Jahren mal zur Aufführung kam, erwiesen sich als äußerst rar, wußten aber den Ruf des Films zumindest zu nähren.

Nun, nachdem die Bundesprüfstelle doch noch so gnädig war, den Film vom Index zu streichen, war das junge Bildstörung-Label in der Lage, eine äußerst gelungene DVD zu veröffentlichen. Serradors Film erweist sich als grandios getimter, ernster Thriller und als Musterbeispiel für die Inszenierung von Suspense. Es geht um ein junges Ehepaar im Spanienurlaub, das fernab von den überfüllten Stränden gemütliche Tage in einem Inseldorf verbringen will – um dort plötzlich von äußerst bedrohlich erscheinenden Kindern umgeben zu sein.

Der Film nimmt sich die Zeit, um nach und nach die Atmosphäre über kleine Informationsfetzen aufzubauen, und erreicht alsbald eine faszinierende Spannung, schon bevor überhaupt etwas Relevantes passiert scheint. Im Gegensatz zu den meisten Genrefilmen, die Bedrohlichkeit durch finstere Gassen und dunkle Ecken zu erzeugen suchen, spielt der Film in sonnendurchfluteten Gassen, und sogar die Bedrohung, die durch die Kinder entsteht, erzeugt Serrador weitgehend, indem er die Kinder sich so benehmen läßt, wie Kinder sich nun mal natürlich benehmen. Ein Kind zu töten zieht seine Sogwirkung gerade aus der Erkenntnis sowohl der Protagonisten und des Zuschauers. Großartig ist dies etwa gemacht in einer Szene, in der tatsächlich Erschreckendes geschieht: Erst verharrt die Kamera noch auf dem Profil des Protagonisten, und zwar verlängert um die eine Sekunde, die der Protagonist selbst braucht, das gerade Gesehene zu erkennen, erst dann wechselt die Einstellung, und der Zuschauer erlebt und erkennt selbst, was gerade geschehen ist, und – denn es gibt keine Erklärung für das was geschieht – wird in diesem Versuch, das Geschehen zu begreifen, allein gelassen.

Obwohl das in Ein Kind zu töten verwirklichte Thema der Bedrohung durch Kinder gar nicht mal außergewöhnlich ist – von Kinder der Verdammten über Das Omen bis Kinder des Zorns gab es hierzu schon etliche mehr oder weniger gelungene Filme – sticht Ein Kind zu töten heraus und gehört zum Spannendsten, was das Genre zu bieten hat. Wie eindringlich der Film wirkt, zeigen schon die diversen tatsächlich unternommenen Versuche, das Gezeigte dann doch durch nachträgliche Erklärungsversuche quasi zu verharmlosen: So erklärt Serrador in einem Interview, daß in der Romanvorlage ein mysteriöses gelbes Pulver als Auslöser der Ereignisse und Manipulator der Charaktere auftauche, und die deutsche Kinoauswertung unter den Titeln »Scream« bzw. »Tödliche Befehle aus dem All« versuchte durch eine vorgeschobene Texttafel, das Geschehen in den Bereich der Science Fiction zu verlegen. Im fertigen Film und der hier vorliegenden DVD-Veröffentlichung ist von diesen Obskuritäten nichts mehr zu sehen. Ein Kind zu töten verstört wieder durch seine Schilderung des im spanischen Sonnenlicht klar Erkennbaren und zeigt, daß es nicht für jeden Schrecken eine Lösung geben muß.
2009-04-24 10:21

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