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Marquis

F/B 1989. R,B: Roland Topor. B: Henri Xhonneux. K: Etienne Fauduet. S: Chantal Hymans. M: Reinhardt Wagner. P: Alligator Producciones, Tchin Tchin Productions. D: Bien de Moor, Gabrielle van Damme, Philippe Bizot, Bernard Cognaux, Olivier Dechaveau, François Marthouret u.a.
79 Min. Bildstörung (Al!ve) ab 2.10.08

Sp: Deutsch, Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1, anamorph. Ex: Making of, Bildergalerie, Booklet.

Schwanzhund

Von Franziska Schuster Paris, 1788: Der in der Bastille inhaftierte Polizeichef Lupino, ein distinguierter Ziegenbock, plant seinen Ausbruch, um sich dem Club patriotischer Bürger des linken Ufers anzuschließen und die Revolution voranzutreiben, braucht dafür aber die Hilfe des Marquis', eines »freien Lüstlings«, der weder »Glauben noch Gesetz, weder Gott noch Meister« anerkennt. Doch auch der Marquis kann nicht frei entscheiden, wem er im Dienste der Nation den Schwanz in den Arsch schiebt, denn das sensible Geschlechtsteil hat seinen eigenen Willen, und so mißlingt der Plan. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem kapriziösen Organ und seinem Träger weiten sich – obwohl der Umgangston zwischen beiden stets höflich bleibt – bis zur Selbstverstümmelung aus und gipfeln schließlich in der einvernehmlichen Trennung. Daß die Revolution ganz nebenbei doch noch gelingt – wenn auch anders als geplant – tangiert den Adeligen lediglich peripher. Er nutzt seine wiedergewonnene Freiheit, um endlich seine schriftstellerischen Ambitionen auszuleben. In der Bevölkerung haben seine pornographischen Schriften zu dem Zeitpunkt längst Furore gemacht: Unter dem Pseudonym S. A. D. E. (»Sans adresse de l'expediteur« / Ohne Angabe des Verfassers) hat der äffische Gefängnispriester Dom Pompero die aus der Zelle entwendeten Manuskripte veröffentlicht.

Das junge DVD-Label »Bildstörung« ist nach eigenen Angaben angetreten, um Filme »zurück auf die Bildschirme zu holen«, die Genregrenzen ausgereizt und damit in der Filmgeschichte zur Weiterentwicklung des Mainstreambegriffs beigetragen haben. Die Veröffentlichung des Films Marquis (Belgien/Frankreich 1989) von Henri Xhonneux erscheint vor dem Hintergrund dieser Selbstdarstellung nur konsequent – denn was klingt regelwidriger als ein Kostümfilm im narrativen Umfeld der Französischen Revolution, in dem die Charaktere Tierköpfe tragen und die Hauptfigur, eine Hommage an den Marquis de Sade in Gestalt eines Cockerspaniels, philosophische Diskussionen mit ihrem überdimensional erigierten Penis führt, den sie liebvoll »Colin« nennt? Ein Film, in dem, nicht zu vergessen, die weiblichen Hauptrollen in Anlehnung an die Schriften des Namenspatrons »Justine« und »Juliette« heißen.

Läßt man seine stilistischen Besonderheiten außer Acht, funktioniert Marquis weniger wie ein zoophiler Porno-, sondern eher wie ein konventioneller Kostümfilm, dem man eine allzu oberflächliche Erzählung, mangelnde Subtilität und fehlende Spannung vorwerfen könnte. Und in diesem Rahmen funktioniert er ein bißchen zu gut, um wirklich so sperrig daherzukommen, wie der schnell erzählte Plot es erwarten läßt. Die bis ins Detail liebevoll entworfene Ausstattung, vor allem aber die Tierfiguren, die zu einer karikierend überdeutlichen und dadurch wenig ambivalenten Charakterisierung der Personen führen, passen allzu nahtlos in eine Geschichte, die stellenweise seltsam glatt und blutleer wirkt. Letztlich ist Marquis nach heutigem Verständnis weder wirklich bahnbrechend noch radikal, hat aber trotz aller Kritik genug Charme für einen unterhaltsamen DVD-Abend, ist poetisch und vor allem handwerklich faszinierend. Letzteres unterstreicht das auf der Bonus-DVD präsentierte Making Of, das nicht nur stellenweise deutlich delikater ausfällt als der Hauptfilm (wenn zum Beispiel der Maskenbildner Jacques Gastineau testet, ob sich das Maul der Kuh Justine weit genug öffnen läßt, um den armdicken Colin zu schlucken; oder wenn die Schauspielerin Michel Robin mit dem umgebundenen künstlichen Rattenpopo strippt, den der Marquis später mit einem Hummerschwanz penetrieren wird), sondern auch die Leistung der Schauspieler erahnen läßt, die unter den klaustrophobischen Tiermasken (mit ferngesteuerter Mimik!) quasi blind und taub agieren mußten.
2009-04-17 10:30

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