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The Company

USA/D 2007. R: Mikael Salomon. B: Robert Littell, Ken Nolan. K: Ben Nott. S: Robert A. Ferretti, Scott Vickrey. M: Jeff Beal. P: Sony Pictures Television, Turner Network Television u.a. D: Chris O'Donnell, Alfred Molina, Michael Keaton, Rory Cochrane, Alessandro Nivola, Tom Hollander, Alexandra Maria Lara, Natascha McElhone u.a.
279 Min. Universal ab 12.3.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Behind the Scenes, Making of.

Kalter Krieg in Serie

Von Daniel Bickermann Wer in den Kaninchenbau geht, darf sich nicht beschweren, wenn er dort verrückt wird, erklärt uns eine Stimme. Sie zitiert aus Lewis Carrolls »Alice im Wunderland«, paßt zum tristen, schwarzschraffierten Vorspann, in dem die Kamera einigen Mümmlern hinterher ins Kaninchenloch fährt. Und das Zitat faßt thematisch sehr schön den Wahnsinn der Spionage und Gegenspionage im Kalten Krieg zusammen, der hier auf stolzen 270 Minuten präsentiert wird.

Das Drehbuch des Black Hawk Down-Autors Ken Nolan sollte ursprünglich ein Kinofilm für Ridley Scott werden, aber die 900 Seiten starke Romanvorlage von Robert Littell, die knapp 40 Jahre Geheimdienstgeschichte überspannt, verweigerte sich dann doch der Vereinfachung. Stattdessen wurde aus dem Stoff eine Edel-Miniserie im amerikanischen Pay-TV, produziert von gleich beiden Scott-Brüdern und inszeniert aus einem Guß und mit einer gleichbleibenden Crew von Fernsehveteran Mikael Salomon.

Dessen Arbeit muß ein logistischer Alptraum gewesen sein: Fünfeinhalb Monate lang drehte das Team in Fernsehgeschwindigkeit mehrere Minuten brauchbares Material am Tag an einem halben Dutzend internationaler Schauplätze, und sie haben das sommerliche Moskau ebenso bestechend schön getroffen wie das winterliche Washington. Die Jahrzehnte der Handlung von den 1950ern bis in die 1990er wurden mit aufwendigem Setdesign und subtilen Kostümen hervorragend zum Leben erweckt, die Besetzung ist bis in kleinste Nebenrollen hochkarätig und ihr Alterungsprozeß ist dank des großartigen Makeups von zwei Oscargewinnern jederzeit glaubhaft. Man würde dem Projekt gerne bescheinigen, daß es ein durchgehendes Meisterwerk geworden ist, aber leider ist das Endprodukt durchwachsen und hat neben einigen wirklich brillanten Momenten auch viel Altbekanntes und eigentlich Überflüssiges zu bieten.

Damit sind jene Passagen gemeint, die wirken, als wären sie allein einem amerikanischen Fernsehpublikum geschuldet: Es gibt einige sentimentale Ausrutscher wie die extrem unwahrscheinliche Zusammenführung einer Mutter und Tochter in einem Flüchtlingscamp zu schmachtender Streichermusik, und die mittleren 90 Minuten wollen aus einem CIA-Analysten einen Actionhelden à la Jack Ryan machen, der zum Händchenhalten fremder Aufständischer in die vorderste Front der Kriegssituationen geworfen wird – das macht weder erzählerisch Sinn, noch wäre das spannungstechnisch nötig gewesen.

Diese Momente sind umso ärgerlicher, als daß sie gar nicht in die eigentliche Erzählhaltung passen wollen: Die hier vorliegende Miniserie ist eher ein angenehm unaufgeregt gespieltes, nüchternes, effektfreies und affektfreies Fernsehspiel. Das ist Spionage im Realismusmodus: Keine Kampfkunst, keine supersmarten Tricks oder technische Wunderwerkzeuge, nur Politik auf unterster Ebene oder besser: an vorderster Front. Das alles präsentiert mit der kühlen Spannung eines Schachspiel: langsames Aufstellen der Figuren, dann vorsichtiges Abtasten und erste Feindberührung, dann ein erster Tausch und Gegentausch, Opferkombinationen, steigende Risiken, bis letztlich ein letzter Spielzug eine Seite komplett aufrollt und ins Chaos stürzt. Wenn man als Zuschauer diesen langen Atem hat und über besagte sentimentale Momente hinwegsehen kann, ist diese DVD-Veröffentlichung dann doch eine ganz unterhaltsame Geschichtsstunde.

Denn es gibt auch kleine Glücksmomente, wenn sich in den seltsamsten Situationen dann doch mal eine gewisse Romantik einstellt. Es sind die kleinen Details und Nebenfiguren, die aus jedem Film geschnitten worden wären, für die man aber in den Miniseries immer Zeit und Geduld hat und die den hauptsächlichen Reiz dieser Langform ausmachen: Die Berliner Chefs von KGB und CIA zum Beispiel, die sich mit einer Schnapsflasche auf einem zugefrorenen See treffen; die alte Frau, die nur als Kontakt für einen einzigen KGB-Agenten in den USA dient und deswegen alle sechs Monate umzieht und sich nach dem Sinn des Lebens fragt; der »heimgeholte« Agent, ein britischer Intellektueller, der als überzeugter Kommunist für den KGB arbeitete, aber jetzt, da er in Rußland leben muß, doch ein wenig verstört ist über sein Lebenswerk; die zwei alten Männer, die auf einer Parkbank sitzen, einst entscheidende Spieler auf der internationalen Bühne; zwei andere alte Männer beim Golfspielen im Schnee, die sich fragen, was denn jetzt die Moral von dieser jahrzehntelangen Auseinandersetzung gewesen sein soll.

Überhaupt wird man das Gefühl nicht los, daß die haarsträubendsten Geschichten immer noch die sind, die direkt aus der Realität stammen: die Doppelagenten in hohen Positionen der britischen und amerikanischen Spionageabwehr; die Zusammenarbeit der CIA mit den großen Mafiafamilien, die Interesse an den Casinos in Havanna haben und deswegen Castros Ermordung finanzieren sollen; der vergiftete Milchshake, die explodierende Zigarre und all die Pülverchen und Cremchen, die man dem kubanischen Diktator unterschieben wollte. Dies sind die Fußnoten der Geschichte, die man schnell als von Anfang an zum Scheitern verurteilte Eskapaden abstempelt, die aber doch meist nur einen Wimpernschlag davon entfernt waren, das Weltgeschehen umzustürzen.

Die Schauspieler lavieren sich allesamt fehlerlos durch das etwas zu episodische Geschehen, das keinen übergreifenden Handlungsstrang oder Spannungsbogen bietet und einige Figuren deswegen über die Jahre recht statisch und blaß bleiben läßt. Der solide Chris O’Donnel bekommt in Ulrich Thomsen einen ebenso soliden russischen Gegenspieler und mit Alexandra Maria Lara und Natasha MacElhone jeweils für eine Folge interessante, aber flüchtige Frauenfiguren zur Seite gestellt, aber die wahren Glanzpunkte setzen andere: Da ist der wunderbare und viel zu lange unterschätzte Rory Chochrane als undurchschaubarer Mann ohne Eigenschaften; da ist der immer wieder überzeugende Michael Keaton, der als Chef der CIA-Spionageabwehr und passionierter Kettenraucher in kalten, langsamen Worten spricht, mit seltsamen Pausen und einem stockenden Rhythmus, und dessen langsamer Abstieg in die Paranoia atemberaubend still verläuft; und da ist vor allem Alfred Molina als bierbäuchiger Routinier und Trinker, der nicht stärker an Amerika glaubt als ein plattfüßiger Streifenbulle an die Unantastbarkeit des Gesetzes. Er macht unter all den intellektuellen College-Wunderkindern, die an ihren eigenen Illusionen zerbrechen, unter all den lässigen Verrätern und den langsam Verzweifelnden den besten Eindruck – ein mit allen Wassern gewaschener alter Hase, dem Heroismus ebenso fremd ist wie Idealismus, der den ganzen Ideologien nicht traut, der sich lieber auf sein untrügliches Nasengespür verläßt und deswegen noch jeden Rückschlag überlebt.

Am Ende werden sie alle von den historischen Entwicklungen überholt, die sie einst vorantreiben wollten: The Company ist vor allem die Geschichte einer großen Desillusionierung. Nach viereinhalb Stunden voller Verluste, niedergeschlagener Aufstände, katastrophaler militärischer Operationen, einem halben Dutzend Selbstmorden, nach dem Verlust von allen Freunden und einer beständigen Paranoia gegenüber jedem anderen, als dann urplötzlich die UdSSR zusammenbricht, sagt einer erstaunt: »Aber wir haben doch nur Mist gebaut.« Daraufhin sein Kollegen: »Ja, aber die anderen haben den größeren gebaut.«
2009-04-15 11:30

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