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Achtung! Wir kommen. Und wir kriegen euch alle.

D 2008. R,B: Carl G. Hardt. B: Andrea L. Tralles. K: Steffen Sebastian, Uri Bram, Bernd Schadewald u.a. M: Feeling B., Rammstein, In Extremo, Blind Passengers, Inchtabokatables, Die Skeptiker, Freygang u.a.
112 Min. ARAWAK ab 9.11.08

Recycling

Von Mary Keiser Passend zur 20jährigen Maueröffnung erscheint ein Film auf DVD, der »20 Jahre Musikgeschichte« verspricht. Er ist als Fortsetzung zu dem Dokumentarfilm Flüstern und schreien von 1988 gedacht, der die Rockszene der späten DDR-Jahre porträtierte. In der Tat zeigt Achtung – Wir kommen! die weitere Entwicklung von Bands wie Feeling B, den Blind Passengers, den Skeptikern oder Freygang. Der Zuschauer wird sich allerdings wundern, daß sich in so vielen Jahren so wenig verändert hat, denn die Leute sind kaum älter geworden, auf dem Festival stehen jede Menge Trabis, Berlin sieht immer noch aus wie kurz nach der Wende.

Weil der Film selbst keine Antwort darauf gibt, ist ein wenig Recherche nötig, um sich seine Entstehungsgeschichte zusammenzureimen: Der größte Teil der Dokumentation lief bereits 1994 als Flüstern und schreien – Teil 2 im MDR. Zu dieser Zeit löste sich die Punkband Feeling B auf, und drei ihrer Mitglieder gründeten das neue Projekt Rammstein.

Der Film vermittelt den Eindruck, daß seitdem eigentlich nichts mehr passiert ist in der Ex-DDR-Rock-Szene, außer daß zwei Menschen gestorben sind. Die neueren Szenen beschränken sich auf Ausschnitte eines Gedenkkonzertes für den 1999 verunglückten Christoph Zimmermann, dem ehemaligen Bassisten von Feeling B, den Skeptikern und den Blind Passengers. Für das Verständnis des Films wäre es von Vorteil, wenn man den Verstorbenen auch persönlich gekannt hätte, da ihm die Filmemacher in zahlreichen Bildern und Worten reichlich gedenken. Mittlerweile lebt Alexander »Aljoscha« Rompe, der Sänger von Feeling B, ebenfalls nicht mehr. Das macht Achtung – Wir kommen! endgültig zu einem Requiem, das sich allerdings eher an intime Kenner der Szene oder enge Freunde der Musiker richtet.

Profitieren könnten aber auch Filmstudenten, indem sie lernen, was man bei der Produktion eines Dokumentarfilms vermeiden sollte. Zum Beispiel kann man sich bei den Interviews, die vermutlich im Rahmen des besagten Gedenkkonzertes aufgezeichnet wurden, kaum auf das Gesagte konzentrieren. Stattdessen fragt man sich unentwegt, was die Filmemacher dazu bewogen haben mag, im Hintergrund der Interviewten absolut unzusammenhängende Filmcollagen einzuspielen, seien es krabbelnde Ameisen, tanzende Indios, ein Feuerwerk am Abendhimmel oder ein zugegebenermaßen niedlicher Hund.

Überdies kommentieren die drei unterschiedlichen Sprecher nicht nur das Geschehen, sondern liefern gleichzeitig Interpretationen und detailreiches Hintergrundwissen, so daß man sich häufig entscheiden muß, ob man dem Bild oder dem Text folgt.

Beim Zusammenschneiden der alten und der neuen Aufnahmen ist zudem der logische Aufbau und damit die Verständlichkeit auf der Strecke geblieben. Während der gesamten zwei Stunden quengelt die linke Gehirnhälfte, die kaum mitbekommt, wer gerade eigentlich wann über was spricht. Das Gefühl der Verwirrung wird stärker, wenn man über die verheißenen »20 Jahre aufwendiger Dreharbeiten« nachdenkt, wo es doch im selben Pressetext heißt, daß der Film bereits seit 2001 »als Arbeitsfassung in den Programmkinos zwischen Rostock und Leipzig« unterwegs sei.

Hier wurden weniger »20 deutsche Jahre in 120 Filmminuten gepreßt«, sondern eher zehn verstreute Jahre zu zwanzig gedehnt, um die allgemeine Kauffreude zum diesjährigen Jubiläum auszunutzen. 2009-03-16 19:55

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