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Der bunte Schleier

The Painted Veil. USA/CN 2006. R: John Curran. B: Ron Nyswaner. K: Stuart Dryburgh. S: Alexandre de Franceschi. M: Alexandre Desplat. P: WIP, Stratus Film, Bob Yari Productions. D:  Edward Norton, Naomi Watts, Liev Schreiber, Sally Hawkins, Toby Jones, Diana Rigg u.a.
125 Min. Ascot Elite ab 19.2.09

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Interviews, Trailer.

Liebe in Zeiten der Cholera

Von Andreas Zankl Es ist oftmals eine undankbare Aufgabe, ein Publikum für ein Remake begeistern zu müssen – Richard Boleslawski hatte 1934 die Romanvorlage von William Somerset Maugham ebenfalls unter dem Titel The Painted Veil verfilmt. Da man auf inhaltlicher Ebene nicht für allzu große thematische Erneuerungen sorgen kann, ist es von Nöten, sich anderen Gebieten auf innovativem Weg anzunähern. Dies ist auch der Fall bei John Currans Verfilmung Der bunte Schleier.

Wir begleiten das jüngst verheiratete Paar Walter und Kitty Fane. Walter ist ein angesehener Bakteriologe und nimmt seine Ehefrau mit nach Shanghai, wo er für die Regierung arbeitet.
Kurz nach der Ankunft macht Kitty Bekanntschaft mit dem britischen Vizekonsul, und sie beginnt eine Affäre mit ihm. Walter stellt Kitty vor eine Entscheidung, die damit endet, daß sie ihn in ein kleines Dorf begleitet, in dem die Cholera-Epidemie ausgebrochen ist. Schnell merken beide, wie fremd sie einander sind und welch verschiedene Ansichten vom Leben sie haben. Sie gehen sich immer mehr aus dem Weg. Walter ist in seine Arbeit vertieft, und Kitty versucht Fuß zu fassen in einer Gesellschaft, die jener ihrer Heimatstadt London nicht fremder sein könnte.

Der Kameramann Stuart Dryburgh sorgt für atemberaubende Panoramaeinstellungen, die Einblick in eine schöne und fremde Welt erlauben. Schnell merkt man, wie die unterschiedlichen Kulturen aufeinandertreffen. Es sind nicht nur die Sprachbarrieren, die für Verständigungsprobleme sorgen. Die Einwohner in Shanghai legen größten Wert auf Tradition und Aufrechterhaltung ihrer Kunst. Durch Theateraufführungen versuchen sie auf subtile Art und Weise, das preiszugeben, was sie bedrückt und wofür sie leben: den Stolz auf Tradition und Geschichte. Die Menschen in Shanghai und Umgebung müssen gleich mit zwei unterschiedlichen Bedrohungen fertigwerden. Einerseits die eintretende Cholera-Epidemie, die unzähligen Menschen schon den Tod gebracht hat und dessen Ursache ein großes Geheimnis ist. Auf der anderen Seite stehen die Briten, die bei Unruhen auf unbewaffnete Studenten geschossen haben und so das ganze Dorf gegen sich aufgebracht haben.

Der Film legt sein Hauptaugenmerk auf die geheimnisvolle und ambivalente Beziehung zwischen Walter und Kitty. Diese ist gekennzeichnet durch eine vorschnelle Hochzeit, eine Liebe, die nicht auf Gegenseitigkeit beruht und ein Liebesleben ohne Gefühle oder Emotionen. Es geht vor allem darum zu zeigen, wie sich zwei Menschen, die eigentlich ihr Interesse zueinander verloren haben, wieder neu ineinander verlieben und die Nähe des Partners wieder zu schätzen lernen. Bereits am Anfang des Films merkt man die Distanz zwischen den beiden, die mit der Reise nach Shanghai immer größer wird, bis sie zu einem Punkt gelangt, an dem es kaum mehr Gesprächsstoff gibt. Sowohl Walter als auch Kitty agieren als Einzelgänger, die jeglichen Sinn für Zuneigung verloren haben. Besonders bei Kitty erkennt man, daß es sie deprimiert, ohne jegliche Aufgabe den ganzen Tag in einem kleinen Raum zu verbringen, der keinerlei Abwechslung für sie bereithält. Der Film thematisiert das bescheidene und ärmliche Leben der Dorfbewohner, den täglichen Kampf ums Überleben und gegen Unterdrückung, die qualvollen Leiden der Cholera-Epidemie und die Hoffnung auf baldige Verbesserung. Er beigeistert vor allem durch eine grandiose und zutiefst authentische Darstellerleistung, die kraftvoll, leidenschaftlich und absolut energisch wirkt. Sowohl Edward Norton als auch Naomi Watts blühen in ihren Rollen geradezu auf und ziehen den Zuschauer in ihren Bann. Dem Film gelingt es, eine Atmosphäre zu verbreiten, die feinfühliger nicht sein könnte, seine Poetologie macht ihn einmalig. Durch die Liebe zum Detail und dem Drang zum Perfektionismus wirkt Der bunte Schleier wie eine sich entfaltende Blume, dessen Schönheit und Farbpracht erst erkannt wird, wenn man hinter den »bunten Schleier« blickt. Ein Fest für die Sinne und eine Freude für den Voyeur der Gefühle, die ganz besonders den anspruchsvollen Filmrezipienten begeistern wird. Der Film möchte auf der einen Seite das entfremdete Ehepaar wieder Stück für Stück zueinanderführen, damit sie trotz der fremden Kultur einen Grund zum Wohlfühlen finden. Andererseits problematisiert er das schlechte Verhältnis zwischen Europäern und Asiaten und kann somit auch als eine Art Kritik gegen die vorherrschenden Machtverhältnisse verstanden werden. 2009-02-24 11:59

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