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Franz + Polina

RUS 2006. R,S: Mikhail Segal. B: Ales Adamowitsch. K: Maksim Trapo. S: Rinat Khalilullin. M: Andjei Petras. P: Ugra-Film. D: Adrian Topol, Swetlana Iwanowa, Tamara Mironowa, Andrej Merslikin, Walentin Mazapura u.a.
119 Min. Sunfilm ab 20.2.09

Sp: Deutsch (DD 2.0), Russisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Making Of, Deleted Scenes, Trailer.

Kalte Füße

Von Susan Noll Sehr blondes Haar haben die Kinder, die in den ersten Einstellungen des russischen Films Franz + Polina an einem sonnigen Tag in den See hüpfen. Sie sind fröhlich und passen perfekt in die hellen, farbengesättigten Bilder der Exposition. Sie sind mit ein paar Erwachsenen ans Wasser gefahren, augenscheinlich ihre Väter. Doch schon im nächsten Bild wird der Schein gebrochen, entpuppt sich die Idylle als bloße Maske einer eiskalten Realität: Die kräftigen Männer legen, dem Wasser entstiegen und ans Ufer gelangt, nicht etwa die Kleidung einfacher Bauern und Fischer an, sondern sie schälen sich in die dunklen Uniformen der Waffen-SS. Die Einblendung »Weißrussland 1943« ordnet dem Geschehen dann auch seinen zeitlichen und räumlichen Rahmen zu. Die Illusion ist geplatzt; was anfänglich wie ein reines Sommervergnügen wirkte, erscheint im nächsten Moment als Farce. Regisseur Michail Segal kann hier seine Erfahrungen als Werbefilmer gelungen einfügen und einen Schein aufbauen, den er im nächsten Moment auf schockierende Weise zu dekonstruieren weiß.

Dieses Spiel mit den zwei Seiten des Krieges setzt sich fort, wird dabei allerdings immer verwirrender. Die Deutschen haben ein kleines Dorf besetzt und leben in scheinbar friedlicher Koexistenz neben den Einheimischen. Der junge Soldat Franz verliebt sich in das Mädchen Polina, in dessen Haus er sich mit seinem Vorgesetzen einquartiert hat. Sie neckt ihn, stößt ihn wieder von sich, ein ewiges Hin und Her, das dem Befehlshabenden nicht verborgen bleibt. Auch hier heißt es zunächst, eine Fassade aufrecht zu erhalten, die schlagartig fällt. Plötzlich beginnen die Besatzer, auf die Dorfbewohner zu schießen und ihre Häuser anzuzünden. Franz verweigert den Befehl, Polina und ihre Mutter zu töten und versteckt sich mit ihnen. Als das Massaker vorüber ist, fliehen sie und geraten immer wieder zwischen die Fronten des Krieges. Das Paar muß sich gegen Partisanen ebenso verteidigen wie gegen die Nazis, in deren Hände sie durch Kollaborateure geraten.

Der Film beginnt stark und offenbart dann bald seine großen Schwächen. Dramaturgisch besteht so gut wie kein Spannungsbogen, und auch der Plot vermag es nicht, einen adäquaten narrativen Zusammenhang zwischen Antrieb und Handlungen herzustellen. Gefühle dringen bei den Figuren kaum an die Oberfläche, werden vielmehr hinter den Panoramalandschaften der Kamerabilder versteckt. Geschehnisse und Reaktionen erscheinen daher unmotiviert und unverständlich: Die Liquidierung des Dorfes beginnt so unvermittelt und logisch inkonsequent wie auch Polinas Schwanken zwischen Interesse und Ablehnung ihrem Begleiter gegenüber. Natürlich könnte man das auf die Tatsache zurückführen, daß er ein deutscher Soldat und sie ein russisches Mädchen ist, die sich im Krieg einer verbotenen Liebe hingeben. Dies allein reicht aber nicht aus, um Glaubhaftigkeit zu vermitteln. Zu oft hat man schon Geschichten über die Verbrüderung mit dem Feind gesehen, in denen das Aufeinanderprallen der Seiten zum ermüdenden Standard wurde. Dieser Film macht da keine Ausnahme. Eine recht plumpe Inszenierung und Montage verstärkt noch den Effekt. Wenig subtil wirkt der plötzliche Übergang von den sonnendurchfluteten Bildern des Anfangs zu den blassen Tönen, die die Flucht und die Kriegsschrecken illustrieren sollen. Die Schnitte sind oft unsauber, im falschen Moment gesetzt und verbinden Schockbilder mit Augenblicken des Innehaltens auf eine Art, bei der sich kein erzählerisches Konzept ergibt.

So sehr der Anspruch, sich einer moralischen und politischen Meinung zu entziehen, einer Geschichte förderlich sein kann, weil er den Schwerpunkt auf die Entwicklung der Figuren legt und sie von ihrer Umgebung löst, so schwierig ist er doch umzusetzen, wenn sich die Charaktere in einem Kontext bewegen, der einen deutlichen Rahmen vorgibt und damit die Figuren in ihrer Identität überlagert. Sie bleiben blaß und konturlos. Die Kriegssituation ist allgegenwärtig und wird doch nicht ausgereizt. So werden die Stationen, die Franz und Polina auf ihrer Flucht passieren, nur kurz umrissen, sie erzählen kaum etwas, das zur Spannung beiträgt. Franz + Polina schafft die Symbiose zwischen Liebesdrama und Kriegsfilm ob seiner formalen und inhaltlichen Mängel leider nicht. 2009-02-19 10:35
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