— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Fiona

USA/IL 1998. R,B: Amos Kollek. K: Edmund Talavera, Peter Agliata. S: Jeff Harkavy. M: Alison Gordy. P: Am Ko. D: Anna Thomson, Felicia Maguire, Alyssa Mulhern, Anna Grace, Bill Dawes, Mike Hodge, Christopher McCann, Matthew Powers, Sue Ponczkowski, Susan Santopietro, Peggy Van Tries u.a.
90 Min. Monitorpop ab 4.7.05

Sp: Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch, Niederländisch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Adiokommentar, Trailer u.a.

Bridget

F/J 2002. R,B: Amos Kollek. K: Edmund Talavera. S: Jeff Harkavy, Ron Len. M: Joe Delia. P: F.R.P.-Euro Space, Cinema Parisien. D: Anna Thomson, Russ Russo, David Wike, Lance Reddick, Julie Hagerty, Arthur Storch, Mark Margolis, Thom Christopher, Saul Stein, Victor Argo, Joey Dedio, Alex Feldman u.a
90 Min. Monitorpop ab 4.7.05

Sp: Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch, Niederländisch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Adiokommentar, Trailer u.a.

Urbane Außenseiterinnen

Von Sven Jachmann Im Gegensatz zum aspetischen Leben in Sex and the City oder der poetischen Inspirationskraft in Manhattan bietet das New York Amos Kolleks seinen Figuren nichts außer Verfall und wachsendem Elend. In seiner Trilogie der Einsamkeit (zu der noch der Aufhänger Sue zählt) ist es stets Ausnahme-Darstellerin Anna Thomson, die das Martyrium der urbanen Hölle durchwandern muß. Auch wenn sich beide Filme stilistisch erheblich voneinander unterscheiden, ist es doch vor allem ihre Präsenz, ihr Spiel mit und aus Trauer, stoischem Durchhaltewillen, Aggression und gebrochener Unnahbarkeit, welche den Zusammenhang generiert. Und zu diesem Spiel gesellt sich die Physiognomie: Ihr Körper scheint gegen alle Widrigkeiten gepanzert und ihnen gleichzeitig ausgeliefert. Die offensichtlich künstlichen Lippen und Brüste, sie scheinen den Verhältnissen, der Welt der Freier, geschuldet und wirken doch beabsichtigt fremd angesichts der sonst so schmächtigen Statur, als ob sich die Undurchschaubarkeit der Figur auch körperlich fortsetzen soll. Denn es sind vor allem Stimmungen, die Kollek aufgreift, auf seine Hauptfigur fokussiert, ihr aber so einen gleichsam universellen Entwurf vom ständigen Abgrund andichtet. Fiona etwa wandelt durch das Drogen- und Prostituiertenmilieu. Seit sie als kleines Kind von ihrer Mutter ausgesetzt und von ihrem Pflegevater mißbraucht wurde, beseelt sie zwar der Wunsch, sich an ihrer Mutter zu rächen und allem zu entfliehen, eine ernsthafte Chance steht aber natürlich nie in Aussicht. Später werden beide zwar unwissentlich aufeinandertreffen, ja sogar im Bett landen, wobei ihre Mutter, nachdem sie die Wahrheit realisiert, den Freitod wählen wird, Genugtuung bereitet es Fiona nicht.

Die Konzeption von Fiona ist deutlich dem Underground-Kino entnommen und lehnt sich, wahlweise, an das Dogma-Kino oder dem Cinema of Transgression an. Doku-Fiction: das Zwei-Mann-Team hinter der Kamera, Regisseur und Kameramann, beleuchtet sein 16mm-Material ohne technische Unterstützung mit Darstellern, die sich zum großen Teil selbst darstellen: Junkies, Alkoholiker. Die langen Einstellungen, meist in der Halb-Totalen, wirken in keinem Moment voyeuristisch; sie skizzieren was es bedeutet, ein Leben an der Schwelle des Todes zu führen, wie sich die Dynamik entfaltet, wenn eine falsch gewählte Handlung nur noch das Ende bedeutet. Und natürlich auch: wie die Warenförmigkeit einzig nur noch den Körper als Tauschmittel übrigläßt. Zu freundschaftlichen Beziehungen scheinen ohnehin nur noch die Frauen fähig zu sein, die gegenüber den Männern notgedrungen mit ängstlicher Vorsicht agieren.

In Bridget verhält es sich ähnlich, aber völlig anders. War Fiona der Signifikant des urbanen Außenseiters, so ist Bridget ihr willensstarkes Pendant. Dank des Erfolgs von Fiona mit erheblich größerem Budget ausgestattet, läßt Kollek sie auch die Grenzen New Yorks verlassen: nach Beirut und Jerusalem. Nachdem ihr Mann von Gangstern wegen eines mißglückten Überfalls umgebracht wurde, befindet sich Bridget nicht nur auf der Flucht, sondern auch in der Not, das Sorgerecht über ihren Sohn zurückzuerlangen. Dafür ist ihr jedes Mittel recht: Da ihr Geld als Kassiererin und Striptease-Tänzerin nicht ausreicht, arbeitet sie unter dubiosen Umständen als Drogenkurier. Darüber hinaus geht sie, auf Drängen seines Vaters, eine fünfjährige Ehe mit dem geistig zurückgebliebenen Pete ein, an deren Ende ihr eine Million Dollar in Aussicht stehen.

Kollek rührt hier in verschiedenen Töpfen des Genrefilms: Gangsterfilm, Melodram, Film Noir, von den teils surrealen Einbrüchen ganz zu schweigen. Beispielsweise werden wir zu Beginn Zeugen einer Hinrichtung, bei der Bridgets Freundin nach einer Party von maskierten Teilnehmern während eines erniedrigenden Liegestützwettbewerbs, den die Frauen nackt absolvieren müssen, in den Hinterkopf geschossen wird. Anschließend wird Bridget nackt und geknebelt in die Straßen entlassen. Ihr Weg scheint sie unmittelbar zur Arbeit zu führen, wo sie nur noch ihre Entlassung entgegen nehmen kann. Das ist ohne Frage ein verstörender Auftakt, aber diese Entgrenzung fügt sich nicht stimmig in eine kohärente Narration ein. Die Wahl der Mittel wirkt beliebig und bietet keine Anknüpfmöglichkeiten, um Bridgets Motivationen zu verstehen. In den Dialogen scheint immer wieder durch, inwiefern mehr in ihr gärt als bloße Funktion des trotzigen Stehauf-Frauchens zu erfüllen. Die Inszenierung hingegen treibt genrespezifische Modelle des Erzählverfahrens an ihre Spitze, parodiert sie mitunter. Inwiefern dies mit Bridget und ihrem, ziemlich absurd irgendwie im Guten endenden Leidensweg korrespondiert, bleibt unerschlossen. Die Trauer und Anteilnahme, welche Fiona für seine Figuren hegt, weicht in Bridget eher einer kühlen Irritation. 2008-07-28 12:33

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap