— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

W. – Ein missverstandenes Leben

W. USA/HK/D/GB/AUS 2008. R: Oliver Stone. B: Stanley Weiser. K: Phedon Papamichael. S: Joe Hutshing, Julie Monroe. M: Paul Cantelon. P: Ixtlan, QED International. D: Josh Brolin, Elizabeth Banks, Thandie Newton, Ioan Gruffudd, Ellen Burstyn, Jeffrey Wright, James Cromwell u.a.
124 Min. Planet Media ab 20.1.09

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Keine. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Trailer.

In history we’ll all be dead!

Von Martin Thomson Wer dieser Tage an George W. Bush denkt, wird nicht umhin kommen, die treibende Kraft der Verdrängung zu bemerken, die gerade dann am meisten Aufschub erhält, wenn der nächste Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama heißt. So verheerend die Regierungsperiode von Bush auch gewesen sein mag, jetzt, wo alle Zeichen auf Veränderung stehen, will sie lieber schnell beiseite geschoben werden; die acht Jahre in Europa zu Popularität gereifte Auffassung, die amerikanische Bevölkerung bestehe fast ausschließlich aus dickleibigen, TV-glotzenden Proleten oder sektiererischen Kriegstreibern, die den Kirchengang dem Bibliotheksbesuch vorziehen, wurde in den europäischen Medien praktisch über Nacht revidiert: Unter der Herrschaft des ersten schwarzen Präsidenten scheint das Bild von den USA wieder ins strahlend helle Licht des progressiven Land of Free zurückgerückt. Man hat den Eindruck, Bush wäre inzwischen nur noch der unerwünschte Nachhall eines kollektiven Zechgelages, das sich von einem immer maßloseren Imperialstreben in den eigenen Abgrund gesoffen hat, um jetzt mit einem Filmriß davonzukommen.

Indes scheint der Kater noch lange nicht ausgestanden; aber seit wann bekämpfen auch Kopfschmerzmittel die Ursachen körperlichen Unbehagens? Das Bild ist nicht zufällig gewählt, denn genau darum geht es in W.. Oliver Stones Film ist weder ein konventionelles Biopic, noch ein opulent ausgestattete Polit-Lehrstück über die bösen Machenschaften der Regierung Bush: Es ist ein Film über einen doppelten ödipalen Konflikt. Er handelt von der Unmöglichkeit der Söhne, ihre Väter und von der Unmöglichkeit der Gegenwart, die Vergangenheit überwinden zu wollen. Mehr noch: Es geht in ihm um die Konsequenz, die eine stets auf Knopfdruck herbeiersehnte Überwindung eines verdrängten Selbstkonflikts heraufbeschwört. Im Fall von George W. Bushs Lebenslauf heißt diese Konsequenz Alkoholismus und/oder Krieg.

Oliver Stone macht nicht den Fehler, Geschichte von Persönlichkeit zu trennen. Im Gegenteil: Für ihn ist beides ineinander verschränkt, einander verwandt, und zwar auf so enge Weise, daß sich beides abstoßen muß, so wie Vater und Sohn, Vergangenheit und Gegenwart, wie George Senior und George Junior. Geschichte ist hier zugleich Erzählung; und jene Erzählung verschafft Aufschluß darüber, wie eine Persönlichkeit Geschichte und Geschichte eine Persönlichkeit macht – um vielleicht letztendlich eine Ahnung davon zu vermitteln, wie Politik gemacht wird.

Politik heißt im Fall von George W. Bush vor allem Krieg. Krieg heißt aber auch Spiel. Allein in der Baseballarena, unter imaginierter Beifallsbekundung eines nicht vorhandenen Publikums oder im Boxkampf mit dem Vater. Beides wird im Film dargestellt. Einmal als filmische Realität, einmal als Traum des Helden. Vielleicht ist es beides zugleich: American Dream und American Nightmare. Traum und Trauma. Märchen und Erwachen. Krieg kann aber auch bedeuten, sich vergessen zu wollen, im Alkohol, mit dessen Hilfe es leichter fällt, sich am ständig Druck ausübenden Vater mit der Demolage der Heimgarage zu rächen.

Angesichts von W. – Ein missverstandenes Leben liegt es nahe, Stone zu unterstellen, er vereinfache und verharmlose sein reales Vorbild, indem er sein politisches Handeln mittels einer schablonenhaft anmutenden Psychologisierung zu erklären versuche. Stone ist aber auch kein Anhänger des psychologischen Realismus. Im Gegenteil: Seine Filme sind nicht selten in ästhetischer Hinsicht pathetisch und auf inhaltlicher Ebene hochgradig spekulativ. Ihm das vorzuwerfen, wäre aber auch eine grundverkehrte Herangehensweise an sein Werk.

Die Qualität von Stones Filmen erschließt nicht, im Anspruch die faktentreue Rekonstruktion einer historischen Begebenheit oder Persönlichkeit zu erhalten, noch darauf einer feinsinnig ausdifferenzierten Charakterstudie beizuwohnen: Stone bedient sich viel eher dem Mythenarsenal, das ihm die griechische Antike, die eigene Biographie, die amerikanische Geschichtsschreibung und auch Hollywood sowohl im Sinne seiner ideologischen Programmatik als auch im Sinne seiner subversiveren filmischen Auswüchse zur Verfügung stellt.

Stone gestaltet mit und aus diesen Elementen heraus seine Filme. Vor allen Dingen in W. – Ein missverstandenes Leben. Wechselweise überhöht er sie in tragische Dimensionen und läßt sie sich in satirischen Momenten wieder abkühlen. Die ungefilterte Aneignung dieser Elemente, ihre genreverweigernde Zusammenführung verschafft Aufschluß über die Mechanismen einer Gesellschaft, die jemanden wie Bush zum Präsidenten gemacht hat (und jetzt Obama feiert).

Sein neuer Film läßt sich als Frage lesen, warum Geschichte an Bildern, und Bilder an Mythen gekoppelt sind. Genau deswegen ist auch W. so aufschlußreich, um Bush zu verstehen. Um Amerika zu verstehen. Um Politik zu verstehen. Bei Stone wird etwas über eine Gesellschaft ersichtlich, die sich jeden Tag eines reichhaltigen Mythenarsenals bedient, um sich selbst zu vergessen. Zwischen Hollywood-Rührstück und Burleske taumelt der Film wie im Alkoholrausch nah an jenen Filmriß, der hier Film geworden ist. 2009-02-12 12:00

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap