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La Vallée

F 1972. R,B: Barbet Schroeder. K: Néstor Almendros. S: Denise de Casabianca. M: Pink Floyd. P: Circle Associates Ltd., Les Films du Losange, Société Nouvelle de Cinématographie (SNC). D: Jérôme Beauvarlet, Monique Giraudy, Michael Gothard, Jean-Pierre Kalfon, Valérie Lagrange, Bulle Ogier u.a.
101 Min. Red Planet ab 20.3.08

Sp: Französisch (DD 5.1, DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Keine.

More

D/F/L 1969. R,B: Barbet Schroeder. B: Paul Gégauff. K: Néstor Almendros. S: Denise de Casabianca, Rita Roland. M: Pink Floyd. P: Jet Films, Les Films du Losange. D: Michel Chanderli, Heinz Engelmann, Mimsy Farmer, Klaus Grünberg, Georges Montant, Louise Wink u.a.
112 Min. Red Planet ab 20.3.08

Sp: Englisch (DD 5.1, DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Keine.

Vergangene Gegenwartsbewältigung

Zwei Frühwerke Barbet Schroeders auf DVD

Von Stefan Höltgen Der Grund, warum es die beiden frühen Spielfilme des iranischstämmigen Regisseurs Barbet Schroeder nun endlich in Deutschland auf DVD geschafft haben, ist groß auf dem Cover von La Vallée (1972) und More (1969) vermerkt: »Originalmusik: Pink Floyd« prangt direkt unter dem Titel. Und tatsächlich sind beide Filme heute vor allem deshalb bekannt, weil die Floyds sich an den Soundtracks beteiligt haben. Daß die Musik der Bombast-Rockband (die sie Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre auch schon ein wenig gewesen ist: »The Dark Side of the Moon«, das »Obscured by Clouds« folgt, beweist dies endgültig) sich nur schwer in Schroeders Filme integrieren lassen hat und zahlreiche Songs daher einfach als Source Music eingebaut sind, ist hier weniger erwähnenswert als die Tatsache, daß sich die Musk recht kontrapunktisch zu den Plots der Filme verhält. Es lohnt sich allerdings, auch über die Kooperation mit Pink Floyd hinaus einen Blick auf beide Filme zu werfen, denn sie verhalten sich zu ihrer Entstehungszeit in etwa so, wie sich die Musik von Pink Floyd zur ausgehenden Hippie-Ära verhält.

More, das Erstlingswerk Schroeders, erzählt schon gleich eine archetypische Geschichte von »Jugend um ’68«: Der junge Matheabsolvent Stefan hat genug von den Zwängen der Zivilisation und will »weg«. Am liebsten in die Sonne, Richtung Süden. In Paris macht er Bekanntschaft mit der US-Amerikanerin Estelle, in die er sich verliebt und die ihn einlädt, ihr eine Woche nach Ibiza zu folgen. Nachdem er dort zunächst Schwierigkeiten hat, sie zu finden, und die Bekanntschaft des obskuren Deutschen Dr. Wolf macht (der in irgendeiner Art von Beziehung zu Estelle steht), schafft er es, sie davon zu überzeugen, Wolf zu verlassen. Stefan und Estelle siedeln sich am anderen Ende der Insel an, unternehmen zahlreiche Experimente in Sachen Drogen, Musik und Liebe, und schließlich offenbart Estelle ihm, daß sie von Wolf 200 »Schuß« Heroin hat mitgehen lassen. Zunächst sträubt sich Stefan, auch diese Droge mit ihr auszuprobieren, doch bald schon gibt er nach. Immer häufiger geben sich beide der Nadel hin und werden schließlich abhängig. Doch dann entdeckt Wolf ihr Versteck und will sein Eigentum zurück. Für Estelle, mehr aber noch für Stefan beginnt nun ein Absturz ins physische und soziale Elend, den Stefan nicht überlebt.

Auch La Vallée nimmt sich eines »typischen Hippie-Themas« an: Die junge Pariser Künstlerin Vivane reist nach Neu Guinea, weil sie auf der Suche nach Federn des Paradiesvogels ist. Da der Handel mit diesen Federn streng verboten ist, versucht sie alles, um daran zu kommen. Schließlich stößt sie auf Olivier, der zusammen mit einer Gruppe von Aussteigern auf der Reise an einen Ort namens »La Vallée« ist, ein Tal, in welchem die jungen Leute das Paradies vermuten. Viviane schließt sich ihnen an, als sie hört, daß in besagtem Gebiet, das noch ein weißer Fleck auf der Landkarte ist, weil es komplett von Wolken verdeckt wird, Paradiesvögel leben. Bald schon wirft sie alle zivilisatorischen Konventionen über Bord, gibt sich der freien Liebe und den bewußtseinserweiternden Drogen hin und träumt wie ihre Begleiter den Traum von einem freien Leben. Als sie auf einen Eingeborenenstamm stoßen, von dem sie zu einer großen Feier eingeladen werden, kommen Olivier erste Zweifel. Er erkennt, daß sie die Freiheit der »Wilden« zu Unrecht idealisieren und ihr Traum von einem anderen Leben nur das konsequente Fortdenken europäischer Touristenmentalität darstellt. Schließlich entledigt sich die Reisegruppe all ihres Hab und Guts und besteigt den letzten Berg, hinter dem das paradiesische Tal liegen soll. Am Gipfel angekommen fehlt ihnen jedoch die Kraft weiterzugehen.

Sowohl More als auch La Vallée beziehen in aller Deutlichkeit Stellung zur Ideologie der Hippie-Bewegung. Überaus bitter ist Schroeders Gegenwartsanalyse und zeigt sich mit fast 40 Jahren Abstand als luzide kulturelle Analyse. Es sind die unkritischen, ja, undialektischen Denkgebäude einer Generation, die sich von der vorherigen dadurch abzugrenzen versucht hat, daß sie einfach genau das Gegenteil für richtig gehalten und gemacht hat wie ihre Eltern. Daß sie sich damit auf dasselbe Werte- und Bezugssystem stützt (indem sie es negiert), ist eine Erkenntnis, die sich gerade Anfang der 1970er Jahre als große Ernüchterung in der Hippie-Bewegung breitgemacht hat. Die verzweifelte Flucht ins Reich des Spirituellen (nicht selten realisiert über Drogenerfahrungen) oder des Anderen (durch geographische oder religiöse Auswanderung) ist zutiefst Ausdruck eines westlichen Bewußtseins, das einzig auf dem Denkgebäude der Neuzeit, genau genommen auf dem sich durch alle Bereiche des Lebens ziehenden Dualismus gründen konnte. Die zwanghafte Andersartigkeit fließt also notwendiger- und konsequenterweise in ihr Gegenteil zurück: eine spießige Konformität aus dem Bewußtsein des »Anti«.

Schroeder erkennt dies und konstruiert daraus zwei Filmplots, die bei Zeitgenossen wie ein Schlag ins Gesicht (oder wie die genaue Lektüre der Texte Adornos und Horkheimers) gewirkt haben müssen. Doch seine Filme hätten darüberhinaus keinen Reiz, wenn er sich nicht ureigener ästhetischer Mittel bedienen würde, um seine Ideen zu visualisieren. Schroeder macht die Widersprüche sichtbar, wenn er etwa in La Vallée minutenlang die Rituale der Eingeborenen abfilmt und man sich bereits in einem ethnologischen Lehrfilm wähnt – bis einem zu Bewußtsein kommt, daß auch diese Ethnie lediglich Inszenierung ist und daß es gar keine nicht-inszenierte Ethnie im Filme geben kann. Die eingreifenden Beobachter sind hier jedoch keine filmenden Völkerkundler, sondern eben jene Hippie-Reisegruppe, die an einem »urwüchsigen Ritual« teilnimmt, das jedoch nur ihretwegen stattfindet. More greift mehr auf eigenkulturelle Bilder zurück, um den Irrweg seiner Protagonisten als solchen zu kennzeichnen: Im Drogenrausch rennt das Liebespaar mit Stöcken gegen eine Windmühle an – ein überoffensichtliches Cervantes-Zitat, das bereits vorwegnimmt, wie ihr Anrennen gegen das System enden wird. Die von Estelle frei-assoziierend vorgetragenen Differenzen zwischen Drogen, welche die Wahrnehmung erweitern (und ihr zufolge damit echte »Hippie-Drogen« seien) und solchen, die dem Konsumenten lediglich helfen, die Realität auszublenden, erscheinen im Fortgang der Handlung mehr und mehr obsolet. Wenn Stefan und Estelle etwa alles, was sie an Rauschmitteln im Haus haben, in einen Mörser werfen, miteinander vermixen und sich auf diese Weise einen veritablen Horrortrip verschaffen, dann zeigt sich der Selbstbetrug deutlich.

La Vallée und More sind so nicht nur Dokumente einer jugendkulturellen Epoche, die gerade dieser Tage (durch ihren 40. Jahrestag) wieder hoch im Diskurs steht, sondern auch gleich schon Reflexionen derselben. Die eingangs angesprochene Musik von Pink Floyd ist vielleicht das deutlichste »Leitfossil«, das beide Filme historisch situiert. Ohne die Musik könnten beide Filme genauso gut kontemporäre Rückschauen sein. So deutlich sind sie in ihrem Sujet und so zeitgemäß in ihrer Inszenierung. 2008-04-29 13:55

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