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Birdcage Inn

Paran daemun. ROK 1998. R,B: Kim Ki-duk. B: Seo Jeong-min. K: Seo Jeong-min. S: Ko Im-Pyo. M: Lee Moon-hui. P: Boogui Cinema. D: Lee Ji-eun, Lee Hye-eun, Jang Hang-seon, Jang Dong-jik, Ahn Jae-mo, Bang Eun-jin, Jeong Hyeonggi, Son Min-seok u.a.
100 Min. Visimundi ab 29.2.08

Sp: Koreanisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Dokumentation »Cineaste of the wild beauty«, Booklet u.a.

Crocodile

Ag-o. ROK 1996. R,B: Kim Ki-duk. K: Lee Dong-sam. S: Park Kok-ji. M: Moon-Hui Lee. P: Cho Jung Films. D: Jo Jae-hyeon, Woo Yun-kyeong, Jeon Moo-song, Ahn Jae-hong, Song Keum-shik, u.a
102 Min. Visimundi ab 29.2.08

Sp: Koreanisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Booklet u.a.

Familienbande aus Liebe und Schmerz

Zwei neu auf DVD erschienene Frühwerke von Kim Ki-duk

Von Stefan Höltgen Mit Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling sowie Bin Jip hat es der südkoreanische Regisseur Kim Ki-duk endgültig zu breiter internationaler Bekanntheit geschafft. Der seit Mitte der 1990er Jahre aktive Filmemacher blickt auf mittlerweile 15 Spielfilme zurück, und von den Anfängen bis in die Gegenwart lassen sich bei ihm Variationen stabiler Motive und Erzählstrukturen ausmachen. Ein jetzt endlich erlaubter Blick in die beiden frühen Filme Kims, Crocodile (1996) und Birdcage Inn (1998), die beim neuen Berliner Label Visimundi erschienen sind, bestätigt diese Annahme.

Wie auch die späteren Filme Kims behandeln Crocodile und Birdcage Inn alternative Familienkonstellationen, erzählen von Menschen, die, manchmal miteinander verwandt, manchmal nicht, in familienähnlichen Strukturen leben, sich organisieren, trennen und wieder zusammen finden. In Crocodile sind es zunächst ein alter Mann, ein Junge und der mittzwanzigjährige Draufgänger Jo Jae-Hyun, die unter einer Brücke leben, wo sie Suizidanten, die sich regelmäßig von oben herab ins Wasser stürzen, um ihr letztes Hab und Gut bringen. Als eines Tages eine junge Frau in die Fluten springt, rettet Jo nicht nur ihre Geldbörse, sondern auch gleich sie selbst; zunächst, weil er sie sexuell begehrt und diesem Begehren auch gleich mehrfach Ausdruck verleiht. Aus der Vergewaltigungsbeziehung entspringt nach und nach eine immer selbstverständlicher werdende Liebe wie zwischen Ehemann und -frau, die letztlich sogar dazu führt, daß die Frau ihr Trauma (sie wurde von ihrem Verlobten verlassen und wollte sich deshalb das Leben nehmen) überwindet und sich der »Familie« anschließt.

Auch in Birdcage Inn sind die Verbindungen zwischen den Geschlechtern zunächst sexuell determiniert. Der Film erzählt von einer kleinen Pension, in der die männlichen Gäste neben Essen und Unterkunft auch die Dienste der »Haus-Prostituierten« Jin-ah in Anspruch nehmen können. Jin-ah gehört nicht zur Wirtsfamilie, wird jedoch wie eine Tochter behandelt, was der leiblichen Tochter gleichen Alters ein Dorn im Auge ist: Sie fühlt sich als Studentin einer höheren Schicht zugehörig, enthält sich sexuell, bis sie mit ihrem Freund verheiratet ist, und läßt Jin-ah bei jeder Gelegenheit ihre Verachtung spüren. Außer ihr und der Mutter beginnen jedoch alle (männlichen) Figuren des Films sexuellen Kontakt zu Jin-ah aufzunehmen, was die definierten Familienbeziehungen immer fragwürdiger erscheinen läßt und die Möglichkeit einer alternativen Lebensgemeinschaft eröffnet. Schließlich erkennt die »echte« Tochter, daß sie die einzig »falsche« im Familienbund ist, wirft ihre unhinterfragten Moralkodizes über Bord und schließt Freundschaft mit Jin-ah.

Neben dem Thema »Familie« ist es vor allem die Verquickung der Motive »Sexualität« und »Gewalt«, das diese frühen Filme Kims bestimmt. Die Vergewaltigungen in Crocodile und der sexuelle Mißbrauch in Birdcage Inn werden von ihm jedoch zu keiner Zeit um ihrer selbst Willen oder weil er sie verdammen würde gezeigt, sondern immer wieder umdefiniert und zur Basis einer sich vom Körperlichen ab- und zu einer emotionalen Beziehung hinwendenden Liebesthematik erklärt. Auch in späteren Filmen Kims findet sich diese Thematik: The Isle erzählt von einer Prostituierten, die zur Mörderin an einem ihrer Freier wird, Samaria und Hwal – der Bogen thematisieren pädophile Sexualität und selbst in Frühling, Sommer, Herbst, Winter… und Frühling ist es das sexuelle Erwachen des jungen »Klosterzöglings«, das die Ruhe und den Frieden des ewigen Kreislaufs zu zerstören droht. In dieser Motivverquickung ist aber nicht nur das zentrale Phantasma der Filme Kims zu sehen, sondern gleichermaßen auch sich dessen von Film zu Film wandelndes Bild vom menschlichen und zwischengeschlechtlichen Miteinander. Stets werden Gewalt und Sexualität von Kim nämlich zum Anlaß genommen, widersprüchliche Prinzipien, wie Tradition und Moderne, Leben und Tod und eben Familien und Fremdheit, zu hinterfragen und auf eine reifere Stufe zu transponieren.

Wie alle späteren Filme Kims beweisen auch schon die beiden Frühwerke, daß sich das filmerische Potential des Südkoreaners nicht mit dem Erzählen außergewöhnlicher Geschichten erschöpft. Es sind vor allem die situativen Kontexte, die die Gewalt entschärfen, die Sexualität entprofanieren. Zum einen durch die für die Erzählungen ungewöhnlichen Handlungschauplätze – unter einer Brücke bzw. im inneren eines Bordells – zum anderen durch immer wieder eingewobene Dingsymbole erreichen Kims Filme eine lyrische, oft sogar metaphysische Qualität. Wenn Jo Jae-Hyun in Crocodile zwischen seinen Grobheiten innehält, eine kleine Wasserschildkröte fängt, ihren Panzer blau bemalt und sie so wieder in die Freiheit läßt, wirkt das zunächst wie ein Manierismus. Am Ende jedoch, als sich die poetische Tiefe des/seines Charakters vollends offenbart, taucht diese kleine Schildkröte wieder auf und wird zu einem Symbol der Vorahnung. Ebenso in Birdcage Inn, in welchem – auch ein Leitmotiv in Kims Werk – das Wasser, hier das Meer, eine zentrale Rolle spielt. Jin-ah flüchtet nach den Schmähungen, die sie erfährt, regelmäßig an den Strand, an welchem sie eine ganz andere, ihre eigentliche Existenz offenbart, die sich im Bild des mitten ins Meer gepflanzten Sprungturms, der später zu ihrem Liebenhort wird, verdichtet.

Die frühen Filme Kim Ki-duks wirken wie ungeschliffene Diamanten. Sie zeigen eine rohe und trotz der genannten Lyrizismen noch sehr unverklausulierte Version des Kimschen Menschen- und Beziehungsbildes, das sich in späteren Beiträgen immer weiter ausdifferenziert, weicher und hintergründiger wird, bis es in Bin Jip zur vollkommenen filmischen Poetik gerät. Es wäre zu wünschen, daß die anderen, hierzulande noch unbekannten Filme Kims ebenfalls veröffentlicht werden könnten. Die DVDs von Visimundi zeigen, daß es, auch wenn Bild- und Tonqualität aufgrund des Zustandes der Master zu wünschen übrig lassen, doch als wichtiger gelten kann, daß die Filme überhaupt zu sehen sind. Eine komplette Aufbereitung der frühen Filmographie Kim Ki-duks könnte nicht nur viel über dessen Spätwerk aussagen, sondern auch das Bild eines der außergewöhnlichsten Filmerzähler der Gegenwart vervollständigen. 2008-04-14 12:28

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