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Lain – Serial Experiments

Serial Experiments: Lain. J 1998. R: Ryutaro Nakamura, Johei Matsuura u.a. B: Chiaki Konaka. S: Tsuyoshi Imai. P: Pioneer LDC, Triangle Staff.
345 Min. SPV ab 22.11.04

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Japanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Interviews, Fan-Art, Trailer.

The Girl that Wasn’t There

Von Daniel Bickermann Natürlich ist die Heldin des surrealen Manga-Meisterwerks Lain – Serial Experiments ein junges Schulmädchen, so viel Tradition muß sein. Auch die überraschend eingängige Titelmusik der Band Boa mag man noch als konventionell betrachten. Aber hier hört alles Gewöhnliche dann auch schon auf: In nur 13 Folgen à 20 Minuten entwerfen und vollenden Autor Chiakai Konaka und Regisseur Ryutaro Nakamura ein kafkaeskes Gesamtkunstwerk, das nicht nur im internationalen Fernsehbereich, sondern selbst in der modernen Kinolandschaft seinesgleichen sucht. In Deutschland, wo diese zu den Höhepunkten der japanischen Animationskunst zählende Serie aus den späten 1990ern nie im Fernsehen lief, ist die liebevoll editierte DVD auf Mundpropaganda angewiesen – daran wird es nicht mangeln. Ursprünglich basiert dieser Mystery-Manga, beim Zuschauen mag man es kaum glauben, auf einem japanischen PlayStation-Spiel, aber anstatt eine durchgängige Geschichte zu erzählen, wird hier zwischen nanotechnologischen, realitätsverzerrenden Drogen und Computerviren, zwischen dem Cyberspace und der zunehmend fragilen realen Welt ein so mysteriöser, subtiler Sog aus Nicht-Handlung erzeugt, daß man nicht umhin kann, die Serie wieder und wieder anzuschauen – schon allein, um zu sehen, was hier eigentlich vorgefallen ist und wie eine solch tiefgreifende Verstörung im Genre der Zeichentrickserie überhaupt filmisch kreiert werden konnte.

Denn irgendwann sind nicht einmal mehr die anfangs als traditionell beschriebenen Elemente sichere Rückzugsgebiete für die mentale und emotionale Orientierung. Was die eingängige Titelmelodie angeht, so hat sie nach einigen Folgen einen ähnlichen Effekt wie einst Julee Cruises »Falling« vor den Twin Peaks-Episoden: Eine kuriose Mischung aus Kitsch, Horror, Ironie und Gänsehaut überfällt den Kenner, wenn er auch nur wenige Noten daraus hört. Und das vermeintlich unschuldige Schulmädchen Lain entzieht sich nicht nur jenem neckisch-leichtbekleideten Kindchenschema, dem andere Manga-Serien so gerne verfallen, sondern bleibt auch ein ähnliches Mysterium wie Laura Palmer: Warum wird sie plötzlich von fremden Menschen als Nachtclub-Vamp oder als Internetfigur erkannt? Eine Doppelgängerin? Eine gespaltene Persönlichkeit? Oder ist sie vielleicht selbst kein Mensch? Ihre runden, leeren Augen mit den Stecknadelgroßen Pupillen wirken abwesend, außerweltlich. Dahinter steckt mehr als die Verwirrung einer heranwachsenden Frau.

Die beiden Twin Peaks-Verweise sind übrigens nicht zufällig, mit David Lynchs Alptraumserie teilt sich dieser Manga einiges: die tote Mitschülerin, die nach ihrem horrenden Selbstmord noch mit den anderen kommuniziert (in diesem Fall nicht nur über Träume, sondern auch über E-Mails); der Drogenwahn, die unterschwellige Sexualität, der Kontrast des Schulalltags; der subtile Horror des eigenen Elternhauses mit den starrgesichtigen, völlig reaktionslosen, hyperexzentrischen Erwachsenen (sind sie Roboter? Sind sie Illusionen?) und vor allem dem übermächtigen, kichernden Vater; die schweren, alles verschluckenden Schatten, die jede räumliche Orientierung des Zuschauers unmöglich machen; die schwebende, traumwandlerische Kameraführung. Einzelne Motive sind ähnlich rätselhaft und bleiben ebenso lange in den Träumen der Zuschauer haften wie die verstörenden Bilder Lynchs: Ein Mann, der mit dem Gesicht vor einem Laternenpfahl steht; die schweigende Doppelgängerin im eigenen Hausflur, die ihr Gegenüber anstarrt; das tote Mädchen ohne Augen, das hinter einer halbgeöffneter Türe steht und grinst. Streckenweise kann Serial Experiments Lain einen durchaus perfiden Horror aufbauen.

Das Sounddesign von Youta Tsuruoka ist noch weit verstörender: das Brummen und Zittern der Hochspannungsleitungen, das Herausstellen einzelner Audioelemente einer Szene – ein Atmen, das Klappern eines Suppenlöffels – dazu der auf lautlos gestellte Fernseher im Bild; oder die hinzugefügten verzerrten Partygeräusche, Kichern, Unterhaltungen, Geschirrklappern, während wir Lains Schulweg betrachten, der uns regelmäßig in einen surrealen Zwischenraum zu transportieren scheint. Wenn Lain in den Zug steigt, wird sie durchgeschüttelt, aber die Tonebene bleibt stumm. Als sie schließlich entnervt einige Worte an sich selbst richtet, wird schlagartig das ratternde Zuggeräusch dazugeschaltet. Hat sie die Geräusche ignoriert? Oder unterbunden? Kurz darauf verschwimmen vor ihren Augen alle Klassenkameradinnen zu einem weißlichen Brei. Lain neigt interessiert, aber unaufgeregt den Kopf. Ist das ihre Perspektive? Oder ihre Realität? Im Klassenzimmer betrachtet sie ihre Hand, aus der Rauch zu kommen scheint. Ein Tagtraum, ein Drogenflashback, ein Realitätssprung? All das zusammengeschweißt von den harten Sequenzschnitten Takeshi Seyamas, die keine Auflösung geben, sondern nur noch mehr Fragen aufwerfen.

Der Gipfel der Perfidie aber ist das häufige Ausbleiben jeglicher Geräusche. Es gibt der Serie eine abstrakte, außerweltliche Note. Gerade im Manga-Kosmos, der häufig von laut herausposaunten Emotionen seiner Figuren und vom schweren Aufprall von Metall und Glas lebt, ist die hier vorherrschende Lautlosigkeit untypisch bis revolutionär. Überhaupt erscheint die Handlungsarmut und Langatmigkeit der Szenen geradezu provokativ, sie erinnert an die ähnlich tranquilen SciFi-Realitätsreflexionen von Tarkovskij und Kubrick oder eben an die Traumlogik der Filme von David Lynch oder Alain Resnais.

Visuell dagegen ist Lain – Serial Experiment deutlich surrealer und extrovertierter als die genannten Filmvergleiche. Geheimnisvolle Farben, radikale Schärfeverschiebungen und Verzerrungen, nachleuchtende Neonlichter, haarsträubende Kontraste, Mehrfachbelichtungen, Farbflecken in der Großstadtlandschaft (Blut?), Zwischentitel auf fließenden Batikfarben, psychedelisch fragmentierte Bilder, Godardsche Verwendung von Schrift im Bild, fotographische Elemente, groteske Bildanschnitte, Zeit- und Raumverzerrungen innerhalb der Handlung, aber auch extradiegetisch in Form von Videobandverzerrungen, Standbildern, Verpixelungen, Computeranimationen – hier findet man einfach alles, was die visuelle Palette hergibt. Und immer wieder dieses gleißende Licht, das Lain örtlich und geistig zu transportieren scheint, ihr Visionen gibt, das Figuren zu Schatten verzerrt oder ganz verschluckt und wieder ausspuckt.

Lain – Serial Experiment beginnt als Serie, die sehr wenig zeigt (eine Hand, die eine Balustrade losläßt, eine zurückgelassene Schultasche), geht immer mehr dazu über, gar nichts mehr zu zeigen (Lains Schulweg ist irgendwann so stilisiert, daß er dem Abstieg in eine abstrakte Unterwelt gleicht) und endet nach sieben atemlosen, unglaublichen Stunden in einer grotesken Klimax, die alles auf einen alternativen Anfang zurücksetzt. War alles nur ein Drogenflashback? Die Vision einer Selbstmörderin auf dem Weg in den Tod? Der Traum einer fiktiven Cyberfigur, die sich allein durch ihren Willen zu Fleisch verwandelte? Oder doch das Protokoll einer großangelegten Cyber-Verschwörung? Eine Geistergeschichte fürs Internetzeitalter? Die Selbstentdeckung einer Prophetin mit realitätsverzerrenden Kräften, die sich letztlich opfert, um die selbstgeschnittenen Wirklichkeitsrisse wieder zu verschließen? Eine »Last Temptation of Lain«? Oder vielleicht sogar… eine Liebesgeschichte?

»Okay, also…«, flüstert die Heldin am Anfang der letzte Folge, verzerrt durch einen Computermonitor. »Ich glaube, ich bin mal wieder etwas verwirrt. Das bin doch ich, die da spricht, oder? Aber… wer ist das?« Genau. 2009-02-02 15:35

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