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Blutrache – Dead Man's Shoes

GB 2004. R,B: Shane Meadows. B: Paddy Considine, Paul Fraser. K: Danny Cohen. S: Celia Haining, Lucas Roche, Chris Wyatt. M: Aphex Twin. P: Warp Films. D: Paddy Considine, Gary Stretch, Toby Kebbell, Stuart Wolfenden, Neil Bell, Paul Sadot u.a.
90 Min. Ascot ab 23.8.08

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 16:9. Ex: Audiokommentar, Deleted Scenes, Erweiterte Szenen, Alternatives Ende, Trailershow.

Im schönen England

Von Kristina Schilke Saw ist zum Lachen. Ja, der Film ist tatsächlich lächerlich. In seiner dramaturgischen, visuellen, nur dem Zwecke der Unterhaltung und des Voyeurismus dienenden Gewaltdarstellung geht er über Grenzen hinaus, deren Überschreitung an sich lächerlich und erschreckend zwecklos ist. Als Survival-Schocker gewohnter Zuschauer des 21. Jahrunderts lacht man oder diskutiert eher die Mechanismen der Folterwerkzeuge, statt über die alles verschlingende Macht der Gewalt zu sinnieren. Das will der Film auch nicht. Er ist ein Comic, ein kleiner dreckiger Comic. So meint man, schon alles gesehen zu haben in Sachen filmischer Gewaltdarstellung bis einen rohe, echte (im besten Sinne des Wortes) Filme wie Irréversible und Funny Games kalt und sehr schmerzhaft erwischen. Sind sie brutal? Oh ja, vielleicht sogar noch mehr, vielleicht manchmal weniger. Doch sie treiben den Zuschauer bewußt an die Grenzen seiner medialen Überfütterung und wagen es tatsächlich, Gewalt nicht als Entertainmentmotor zu mißbrauchen, sondern sie bis zu ihrem Wesenskern nackt auszuziehen, nämlich bis zu ihrer zerfressenden Aberkennung der menschlichen Würde. In diese ehrenvolle Liste reiht sich auch Dead Man’s Shoes ein, im Deutschen völlig unnötig reißerisch Blutrache betitelt.

Ein englisches Dorf und ein Gebrüderpaar, Richard und Anthony, Anthony ist jünger und geistig behindert. Als Richard zu einer Militär-Eliteeinheit geht, bleibt Anthony zurück und gerät in Gesellschaft der etwas asozialen, drogenkonsumierenden Ex-Clique von Richard. Diese quälen und erniedrigen ihn auf kaum wiederzugebende Weise. Als Richard zurückkehrt, zieht er sich seine graue Armee-Gasmaske an, nimmt eine Dose Farbspray und eine Axt in die Hand und beginnt mit der Rache an Anthonys Peinigern.

Der von der Öffentlichkeit leider etwas unbeachtete, doch von Festivals zurecht ausgezeichnete britische Film ist eine grandios visualisierte Konsequenz der Gewalt. Gewalt erzeugt Rachegefühle, Rache wird verübt, doch dann ist da ein Leck im Denkmuster. Was ist mit demjenigen, der selbst Rache verübt? Ist er besser, schlechter, menschlicher als die Täter? Dead Man’s Shoes macht es sich keine Sekunde lang leicht, diese überdimensionalen moralischen Fragen zu beantworten bzw. maßt er sich überhaupt nicht an, sie beantworten zu können, und wird dadurch zu einer unerwartet geradlinigen Studie über Angst, Erniedrigung und Schuld.

Mit unprätentiöser, etwas wackeliger Kamera fängt Danny Cohen die zitternden oder wütenden oder weinenden Gesichter der allesamt gerade durch ihre Schlichtheit beeindruckenden Schauspielleistungen ein. Vor allem die von Paddy Considine (In America), der zusammen mit Regiekumpel Shane Meadows (This is England) das Drehbuch schrieb und es seinem an Krebs gestorbenen Vater widmete: Considine bellt einem seine Worte als Wut entgegen und spiegelt dann wieder mit leiser Note in seinem Gesicht die ganze Ausweglosigkeit der Situation wider. Doch auch Toby Kebbell als geistig behinderter und den Ereignissen verständnis- und hilflos ausgesetzter Bruder Anthony ist als Neuentdeckung zu feiern.

Dazu existiert da diese angenehme Stille, kein Soundtrack stört starke Dialogpassagen. Und noch etwas ist zu erwähnen, worin sich Dead Man’s Shoes glücklicherweise nicht verlaufen hat: Hört man das beschriebene Szenario, denkt man unweigerlich an eine verdreckte, englische Industriestadt mit permanentem Regen oder Nebel oder beidem gleichzeitig. Doch dieses allzu einfachen Kunstgriffes bedient sich Shane Meadows nicht, er siedelt die Geschichte in den Midlands an, wo die meisten seiner Filme spielen. Mehr noch: Als Location diente ihm Matlock in Derbyshire, ein Fleckchen Großbritannien, das sich im Film als grüne, hügelige und wunderschön waldige Landschaft präsentiert. Es scheint auch noch andauernd die gütige Sonne hinab auf diese Menschen, die sich in ihrer eigenen Härte verlieren. 2009-01-26 15:13

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