— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Bad Boy Bubby

AUS 1993. R,B: Rolf de Heer. K: Ian Jones. S: Suresh Ayyar. M: Graham Tardif. P: AFFC, Bubby Productions, Fandango. D: Nicholas Hope, Claire Benito, Ralph Cotterill, Carmel Johnson, Syd Brisbane.
112 Min. Bildstörung ab 10.10.08

Sp: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 5.1, 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Interviews, Kurzfilm, Audiokommentar, Stills.

Durch den Moloch der Neurosen

Von Sven Jachmann Irgendwie scheint die erste halbe Stunde eine einzige Exposition dieser ungemein grotesken Mischung aus Frankenstein, Kaspar Hauser und Eraserhead zu sein. Bad Boy Bubby ist der Prototyp eines kompromißlosen Debüts: Low Budget, jahrelange Produktionszeit, eine dem Autorenfilm nahestehende Organisation, große Experimentierlust (insgesamt 32 Kameramänner waren an dem Film beteiligt, außerdem wurde eigens ein Tonverfahren entwickelt, mit dessen Hilfe der räumliche Klang als subjektive Wahrnehmung besser und zudem produktionstechnisch effektiver erfaßt werden konnte), ein skandalträchtiges Thema und in der Summe – nach dem Spezialpreis auf den Filmfestspielen in Venedig und einem Preisregen bei den AFI Awards – die Eintrittskarte ins Arthouse-Filmgeschäft, zumindest für Regisseur Rolf de Heer und Hauptdarsteller Nicholas Hope, der hiermit ebenfalls sein Spielfilmdebüt absolvierte. Da man im Sommer letzten Jahres de Heer mit Zehn Kanus, 150 Speere und drei Frauen wieder richtig liebgewonnen hatte, bleibt zu hoffen, daß sein nun endlich zugängliches Sturm-und-Drang-Werk noch etwas von dieser Zuneigung profitieren wird.

Frankenstein, Kaspar Hauser, Eraserhead: Bubby ist 35 Jahre alt, lebt mit seiner Mutter inzestuös in einem versifften Zwei-Zimmer-Kellerloch und weiß nichts von der Welt. Kein Fernseher, kein Radio und nur eine Gasmaske. In dem Glauben gelassen, daß draußen alles von Gas verseucht ist, verläßt er nie die Wohnung und beschäftigt sich stattdessen mit seiner Katze, an der die Erziehungsmethoden der Mutter erprobt werden. Sprechen kann er zwar, wiederholt und variiert aber meistens nur das, was er zuvor gehört hat. Der Forschertrieb überwiegt jedoch, als sein Vater, ein versoffener Priester, zurückkehrt und Bubby aus dem mütterlichen Bett verdrängt. Eher aus seiner Naivität geboren, bringt er beide um und tritt endgültig eine Odyssee durch die Schule des Lebens an.

Eine Schule, die sich sofort als groteskes Zerrbild der Gegenwart offenbart. Blitzschnell werden Momente der Tragik von völlig ätzendem Humor abgelöst. Schließlich wurde das Wissen um Bubbys mentale Ausstattung ausführlich vermittelt, aber seine Simulation der Normalität, bei aller anfänglicher Anstößigkeit, scheint zumindest zu genügen, um relativ unbehelligt durch den Moloch der Neurosen zu staksen. Umso verstörender erscheint da sein unschuldiges Tänzeln durch eine abweisende Welt voller Wut, Gewalt und unerfüllter Träume. Durch die mehr oder weniger unwissentliche Imitation aller Phrasen und Anschuldigungen, die im Laufe dieser Tour de force seinen Kopf füllen, schafft er es sogar als Frontman einer bisher erfolglosen Waveband auf die Bühne, wo er wie ein Tonbandgerät ein wüstes, monotones Kompendium aller erduldeten Beschimpfungen an Gott adressiert. So pointiert der Verlauf auch erscheint, er könnte gleichfalls zu zerfransen drohen: Was für eine Karikatur der Normalität wird eigentlich geboten? Und wie sind ihre Prämissen beschaffen? Wieviel Schuld kann einem Mörder überantwortet werden, wenn kein Verständnis von Moral existiert? Kann die Heilmacht des Kinos eine völlig zerstörte Kindheit wieder richten, indem sie persiflierend ein Motivbündel des Melodrams für ein sarkastisches Happy End zusammenfügt? Den Kitt bietet das Schauspiel Nicholas Hopes, der seine Figur ständig in der Schwebe zwischen Entdeckungsfreude, Naivität, geraubter Jugend und folglich auch schlagartiger Aggression beläßt. Er ist so sehr Fixpunkt, daß kaum eine Einstellung ohne ihn auskommt, und trotzdem sind seine Handlungen und Reaktionen immer wieder unberechenbar. Sein Coming of Age ist auch eins der Welt, in der er sich bewegt: Bubbys sukzessive Erlösungsgeschichte steht im proportionalen Mißverhältnis zu ihrer Propaganda der individuellen Freiheit. Das mag jetzt etwas forsch und pubertär erscheinen, aber zur Adoleszenz hat Bubby auch noch ein ganzes Stück nachzuholen.

Mit Rolf de Heers – der Begriff gehört einfach hier hin – Kultfilm legt das jüngst gegründete DVD-Label »Bildstörung« einen grandiosen Auftakt hin, dem zukünftig weitere Editionen des unbequemen und sperrigen Kinos folgen sollen. Die opulente Ausstattung der DVD läßt den Enthusiasmus der Macher spüren und weiht das Resultat, schon angesichts der erwartbar mageren Verkaufszahlen, zu einer der besten Veröffentlichungen des Jahres. 2008-12-12 17:45

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap