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Letztes Jahr in Marienbad

L'Année dernière à Marienbad. F/I/D 1961. R: Alain Resnais. B: Alain Robbe-Grillet. K: Sacha Vierny. S: Jasmine Chasney, Henri Colpi. M: Francis Seyrig. P: Argos Film, Cinétel u.a. D: Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi, Sacha Pitoëff, Françoise Bertin, Luce Garcia-Ville u.a.
94 Min. Arthaus ab 17.10.08

Sp: Deutsch, Französisch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Dokumentation »Im Labyrinth von Marienbad«, umfangreiches Booklet.

Triumph der Filmkunst

Von Daniel Bickermann Endlich, endlich, ist er also da: 1961 schien Letztes Jahr in Marienbad mangels Verleihs schon einen leisen Tod zu sterben, bevor er überraschend den Goldenen Löwen in Venedig gewann und zu einem internationalen Filmkultphänomen wurde; und nun, 47 Jahre später, erscheint einer der meistdiskutierten, meistanalysierten und zweifellos auch einer der beeindruckendsten Filme der Geschichte endlich in einer deutschen DVD-Edition.

Was kann dieses Relikt, in der formalistisch strengen Architektur des Münchner Schlosses Nymphenburg gedreht und mit seiner bewußtseinsströmenden Erzählung den längst vergangenen Moden des Nouveau roman folgend, uns heute noch sagen? Resnais’ exquisites Rätsel muß auf heutige Zuschauer wirken wie ein David-Lynch-Film im Smoking; und tatsächlich verliefen die Diskussionen, mit denen der Film Anfang der Sechziger eine Filmsaison lang alle Cineasten auf Trab hielt, in ähnlichen Leitlinien wie heutige Feuilleton-Analysen von Mulholland Drive: Man wird von Möbiusbandstrukturen verwirrt, vom antinaturalistischen Posenschauspiel verzaubert, man verliert sich in der labyrinthischen Rauminszenierung und verdächtigt die fragmentierte Filmhandlung, in Wirklichkeit Traum, Vision oder Wahnvorstellung zu sein. In diesem Sinne zeigt der Film ein Kunstverständnis, das in seiner totalen Abstraktion über die referenzsüchtige Postmoderne hinausschießt – und heute aktueller ist denn je.

Wie immer man ihn interpretiert: Unbestritten ist, daß allein die Bildgestaltung ein Vielfaches des DVD-Preises wert ist: Wie Gemälde zaubert Resnais eine nach der anderen seiner teils unheimlichen, teils ikonisch angehauchten Kompositionen auf die Leinwand. Die Menschen darin sind, mit Ausnahme des namenlosen Protagonisten, seiner vermeintlichen Geliebten und deren Ehemann, ebenso Staffage wie der Zierstuck, die Marmorstatuen und die symmetrisch gestutzten Bäume – und ebenso exquisit in ihren wiederkehrenden Mustern.

Doch Marienbad ist viel mehr als ein schön verpacktes, süßes Nichts aus endlos wiederholten Dialogen, willkürlich ein- und ausgeblendetem Dialogton und wächsernen Charakteren: In seinem Kern versteckt sich ein wahrlich grenzensprengender Liebesfilm, wenn nicht gar der prototypische Liebesfilm schlechthin. Bei aller Zerebralität kocht unter dieser so perfekten Oberfläche aus Abendkleidern, Fracks und Rauchersalons eine explosive Leidenschaft, die im starken Kontrast zur hochformalen, kafkaesken Kühle der Bilder steht: In alternativen Realitäten, die hier durchgespielt werden (oder ist es alles nur eine alternative Realität?) geht es um Sex und Tod, um Betrug und Vertrauen, um die Natur der Erinnerung und um die Sehnsucht, die nie erlischt. Dies ist vielleicht die größte Überraschung bei Wiederansicht dieses Klassikers: daß der Film so bewegend, so mitreißend und lebendig ist.

Bevor nun noch weitere Generationen von Filmwissenschaftsstudenten dieses Meisterwerk des irrealen Films in dem nicht immer schmeichelhaften Licht der Dramaturgieseminare kennenlernen müssen, hat sich Arthaus, der weit und breit einzige deutsche DVD-Verleih, der einen Vergleich mit der formvollendeten amerikanischen Criterion Edition nicht zu scheuen braucht, endlich an eine deutsche Ausgabe dieses cineastischen Monolithen herangewagt – und zeigt all den Zeitungseditionen der letzten Jahre, wie man einen Filmklassiker herauszubringen hat: Die Schärfe dieser gründlichen Restaurierung ist bestechend, die Kontraste glorios, das Schwarzweiß betörend schön.

Dazu gibt es Luc Lagiers begleitenden Essayfilm Dans le labyrinthe de Marienbad, der schon die britische Optimum-Ausgabe schmückte und der auf 35 Minuten kongenial zum Hauptfilm eine ganze Handvoll gegensätzlicher Interpretationsmuster aufschließt, sie mit Hilfe geschickt montierter Filmsequenzen untersucht – und dann wieder verwirft. Er bietet die bestmögliche Begleitung für diesen Film. Auch die sanfte, laszive deutsche Synchronisation wird dankbar angenommen, für sie werden sogar Freunde von Originalversionen (die hier natürlich auch die französische Tonspur finden) dankbar sein: Selten hatte man in einem Film weniger Zeit zum Untertitellesen, selten gab es so vielschichtige und elegante Bildkompositionen zu verdauen und zu bestaunen. Kurzum stimmt hier einfach alles, und das Warten hat sich gelohnt: Diese DVD ist ein ebenso überfälliger wie sorgfältig gestalteter Triumph der Filmkunst. 2008-12-04 11:39

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