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Die schweigende Welt

Monde du silence, Le. F 1956. R,B,K: Jacques-Yves Cousteau. R,K: Louis Malle. K: Philippe Agostini, Edmond Séchan. S: Georges Alépée. M: Yves Baudrier. P: Requins Associés, Titanus, Columbia.
82 Min. SZ Cinemathek ab 8.10.08

Sp: Deutsch (DD 2.0), Französisch (DD 2.0), Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: Keine.

Unter dem Meer

Von Jens Dehn Zwei Jahre dauerte die Unterwasserexpedition des Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau, die er 1953 mit seinem Forschungsschiff »Calypso« begann. Durch das Mittelmeer, das Rote Meer, den Persischen Golf und den Indischen Ozean führte seine Reise. Die Bilder und Erlebnisse, die Cousteau und seine Crew dabei drehten, boten bis dato nie gesehene Einblicke in die Unterwasserwelt. Es waren die Anfänge des Unterwasserfilmens, und Cousteau griff als Pionier auf diesem Gebiet auf neue Technologien und teils selbstentwickelte Geräte wie elektrisch gesteuerte Unterwasserfahrzeuge zurück.

Für Regie, Kamera und Schnitt engagierte Cousteau den damals 21jährigen Louis Malle von der Pariser Filmschule weg, ohne daß dieser große Vorkenntnisse besaß. Malle, der später mit Werken wie Fahrstuhl zum Schafott und Auf Wiedersehen, Kinder vor allem als Spielfilmregisseur bekannt wurde, erinnerte sich in einem Interview in den 1990er Jahren noch an die Einzigartigkeit der Dreharbeiten: »Wir mußten die Regeln erfinden: Es gab nichts, worauf wir uns hätten beziehen können, es war einfach zu neu. Da wir unter Wasser waren, verfügte die Kamera allein dadurch über eine Beweglichkeit und Geschmeidigkeit, womit wir die unglaublichsten Einstellungen filmten, die an Land nur mit einer Kombination von Kran und immensen Kamerafahrten erzielt werden können. Für uns war das so einfach wie Atmen, weil es Teil der Bewegung des Tauchers war.«

Eine wirkliche Dramaturgie besitzt Die schweigende Welt nicht, vielmehr eine Aneinanderreihung mehr oder weniger dramatischer Alltagsepisoden aus dem Leben von Crew und Meeresbewohnern. So begleitet die Kamera Taucher der »Calypso« bei der Erkundung eines alten Schiffswracks, zeigt das blutige Aufeinandertreffen von Haien und Walen, gleitet inmitten eines Schwarms Fische durch ein Korallenriff und hält fest, wie einer der Taucher einen Tiefenrausch erleidet.

Im Schneideraum kam es des öfteren zu Streitereien zwischen Cousteau und Malle. Malle warf seinem Lehrmeister vor, keine Dokumentation, sondern reines Showbiz zu machen. Damit meinte er unter anderem die inszenierten Dialoge und gestellten Szenen, die die Dramatik steigern sollten, und den Einsatz der Musik, nach der Cousteau häufig schnitt. Malle relativierte diese Einwände später, doch rückblickend hat er recht behalten: Genau diese Komponenten, die teils melodramatische Musik und die einstudierten Dialoge, sind es, die den Film aus heutiger Sicht veraltet wirken lassen. Dennoch hat Die schweigende Welt ihren Platz in der Geschichte der Naturdokumentationen sicher, weil der Film der erste seiner Art war und stilbildend wirken sollte. In Cannes wurden Cousteau und Malle dafür 1956 mit der Goldenen Palme geehrt. Viele der Bilder beeindrucken in der Tat noch immer, wenngleich auch nicht verschwiegen werden soll, daß einige der angewandten Methoden, wie beispielsweise das Fischen mit Dynamit, heute Unverständnis und Irritation bewirken.

Die schweigende Welt erscheint dieser Tage gleich in mehreren DVD-Editionen. Als Einzelausgabe ist der Film innerhalb der neuen Dokumentarreihe der SZ Cinemathek erhältlich. Diese sechs Filme umfassende Edition enthält je drei »Klassiker des Naturfilms« – neben Die schweigende Welt noch Nomaden der Lüfte und Bernhard Grzimeks Serengeti darf nicht sterben – sowie drei »Amerikanische Perspektiven«, zu denen unter anderem The War Room von D.A. Pennebaker und Chris Hedegus zählt.

Wer noch mehr von Cousteaus Forschungsreisen mit der »Calypso« sehen möchte, kann auf die »Jacques Cousteau Edition« zurückgreifen, die alle Kinofilme des Ozeanographen enthält. Zu Die schweigende Welt kommen hier noch Welt ohne Sonne (1964) und Reise ans Ende der Welt aus dem Jahr 1976, in dem Cousteau und sein Team die Antarktis erforschen. Dieser Film war in Deutschland bislang noch nicht zu sehen. In der Box sind auch drei jeweils rund 50minütige Hintergrunddokumentationen enthalten. Parallel zu dieser Kino-Edition ist auch Cousteaus TV-Serie Geheimnisse des Meeres (1966-1976) in einer 15 DVDs umfassenden Box erschienen. 2008-10-15 16:39

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