— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Like a Dragon

Ryû ga gotoku: gekijô-ban. J 2007. R: Takashi Miike. B: Seiji Togawa. K: Hideo Yamamoto. S: Yasushi Shimamura. P: Toei International Company Ltd. D: Kazuki Kitamura, Goro Kishitani, Sho Aikawa, YosiYosi Arakawa, Kenichi Endo, Yoo Gong u.a.
105 Min. Eye See Movies ab 20.10.08

Sp: Deutsch (DD 5.1), Japanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 16:9. Ex: Einführung.

It’s Raining Yen

Von Daniel Bickermann Der Mann kann einfach alles, und am liebsten macht er denn auch alles auf einmal. Takashi Miike ist vielleicht die eigenwilligste Stimme im internationalen Kino, dem die ganz große Aufmerksamkeit bisher noch verwehrt wurde. Ob das an seinem geradezu absurd hohen Ausstoß von bis zu vier Filmen pro Jahr liegt oder an bereits erwähnter Eigenwilligkeit, ist eine müßige Diskussion. Tatsache ist, daß bisher noch jedes Werk des Meisters äußerst unkonventionell ausgefallen ist – und der deutsche DVD-Start seines knackigen Krimiexperimentalfilms Like a Dragon macht da keine Ausnahme.

Kleine Kostprobe gefällig? Wir starten mit einer furios-rhythmischen Zeitlupenmontage mit Heavy Metall-Musik, zu der ein hübscher Einzelgänger, frisch aus dem Knast entlassen, auf seinen Schlangenlederstiefeln durch den Großstadtdschungel Tokios schlendert. Schnitt auf einen Banküberfall. Die Räuber sind haarsträubende Trottel, die Polizei rückt an, und die Klimaanlage fällt aus. Wie so oft bei Miike weiß man nicht, ob in der nächsten Einstellung Slapstick oder Blutbad wartet, vielleicht auch eine Kombination aus beidem. Schnitt auf den mysteriösen Einzelgänger aus der ersten Einstellung, der sich inzwischen eine herrlich unmotivierte Prügelszene liefert – originellerweise in einem Baumarkt – bei der er eine ganze Yakuza-Horde kleinmacht. Und als wären Messerkämpfe zwischen Katzenstreu und Farbeimern noch nicht genug des absurden Humors, flammt plötzlich seine Faust in einem hellblauen Blitz auf. Selbst die Tatsache, daß der Mann offensichtlich über magische Superkräfte verfügt, mag den erfahrenen Miike-Seher noch nicht wirklich aus der Bahn zu werfen. Aber dann: Die Gegner sind geschlagen, ein Baumarktverkäufer nähert sich vorsichtig und fragt, ob er helfen könne, und unser geheimnisvoller Fremder senkt Blick und Stimme und verkündigt geheimnisvoll: »Hundefutter.« Da sind gerade mal zehn Minuten vergangen. Es wird ein grandioser Film.

Miikes Werke tanzen seit zehn Jahren auf den Klippen des Wahnsinns. Der Bösewicht mit Augenklappe, Goldlamettaanzug und einer Vorliebe für Baseball stammt zwar aus dem zugrundeliegenden Videospiel, ebenso wie ein Großteil des Figurenkabinetts aus koreanischen Superkillern, einem Jugendpärchen, das recht spontan beschließt, »mit zwei halbautomatischen Knarren die Stadt aufzurollen«, einem masochistischen Augenzeugen, der sich gerne foltern läßt, und einem verzweifelt-überforderten Polizeikommissar, den mal wieder Miike-Kumpel Sho Aikawa spielt. Aber wie diese absurden Vorgaben filmisch umgesetzt werden, das muß die Vorstellungskraft des westlichen Filmpublikums mal wieder aufs Unterhaltsamste übersteigen. Nur ein Wahnsinniger würde beispielsweise eine Szene, in der eine Straßengang mit Baseballschlägern durch die Fußgängerzone pflügt, mit einem schmissigen Bossa Nova unterlegen. Und nur ein Verrückter würde dem überaus fähigen Darsteller Goro Kishitani für seine Bösewichtsrolle einen fein ziselierten Backenbart verpassen und ihn anschließend auf die Jack Nicholson School of Overacting schicken, wo er lernt, daß er durch dreifach dickes Auftragen einen so absurden Effekt erreicht, daß es schon wieder verstörend ist. Jede Silbe biegt und dehnt Kishitani zu grotesken Melodiebögen (und die deutsche Synchronisation steht da ausnahmsweise mal in nichts nach), bis er eine Mischung aus großem bösen Wolf und Wylie E. Coyote erreicht hat, von der es kein Zurück mehr gibt.

Die Handlung? Nun ja, bei all diesen narrativen Strängen verliert man die Übersicht recht schnell, macht aber auch nichts. Der Spaß hier besteht in den hanebüchenen Einzelszenen, die in Sachen Skurrilität selbst Kung Fu Hustle weit hinter sich lassen, und in der heute so seltenen und kostbaren Unsicherheit, nie zu wissen, in welches Genre der Film in den nächsten Minuten springen wird. Und nachdem Miike ja schon Karaoke-Sequenzen, Knetgummi-Animation und Zombie-Tanznummern in seine Filme integrierte, finden sich in Like a Dragon kuriose Wendungen zum Energydrink-Werbespot und zum Superheldenmusical, was man beides gesehen haben muß, um es zu glauben. Und zum krönenden Abschluß stapelt der Filmemacher noch schnell 10 Milliarden Yen in einem Penthouse hoch über der Stadt, sprengt die ganze Schose kurzerhand in die Luft und läßt Geld regnen.

Der Reiz Miikes ist schwer zu beschreiben: Der Zuschauer weiß nie so genau, in welchem Universum diese Filme spielen sollen ¬– aber es ist ein poetisches, absurdes, buntes Universum voller schöner Überraschungen. Man lacht, man weint, man schüttelt den Kopf und freut sich schon auf Miikes nächste Großtat mit dem aussagekräftigen Titel Sukiyaki Western Django. Ist das schon Wahnsinn, so hat es doch Methode. 2008-09-30 12:16

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