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Southland Tales

USA 2006. R,B: Richard Kelly. K: Steven Poster. S: Sam Bauer. M: Moby. P: Cherry Road Films, Darko Entertainment. D: Dwayne »The Rock« Johnson, Sarah Michelle Gellar, Seann William Scott, Mandy Moore, Holmes Osborne, Miranda Richardson, Justin Timberlake, Christopher Lambert u.a.
139 Min. Universal ab 2.10.08

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Italienisch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch, Italienisch. Bf: 2.40:1 anamorph. Ex: Making-Of.

Vollrausch

Von Jakob Stählin Da Richard Kellys Filme bis dato in Deutschland stets auf DVD Premiere feierten, ärgert es zunächst natürlich umso mehr, daß der vieldiskutierte Southland Tales im Kauf nun lediglich in einer Box zusammen mit dem bereits überpopulären Donnie Darko erscheint. Schließlich dürfte Kellys neues Weltuntergangskuriosum insbesondere die Darko-Fans interessieren, die nun eine DVD getrost verschenken können, denn der lieblos beigelegte Erstling unterscheidet sich nicht von seiner letzten Veröffentlichung (wenigstens den später erschienenen Director’s Cut hätte man stattdessen beifügen können).

Southland Tales – so krakeelten es die üblichen Filmspatzen in unerträglich selbstgerechter Art und Weise von den Logenbalkonen – sei tatsächlich eine schillernde Katastrophe: schrecklich gespielt, narrativ schlichtweg nicht funktionabel, überreflektiert und sehr auf Kult bedacht. Dennoch hat Kelly ein für den geneigten Filmgänger herrliches Mahl bereitet, das bisweilen zum Zungeschnalzen einlädt.

Wo Donnie Darko den Zuschauer halb ratlos, halb verstehend in eine Quasi-Heile-Welt entließ, zündet Southland Tales eine Atombombe am Rande eines idyllischen Barbecues und läßt den dritten Weltkrieg ausbrechen – in der Zukunft, 2008. Diese entwirft Kelly in völlig überdrehter Manier, etwa nach dem Gusto der gelben Bälger Springfields, die in einer »Simpsons«-Folge einem armen TV-Marktforscher folgende, völlig unrealisierbare Konklusion abringen: »So, you want a realistic, down-to-earth show that's completely off-the-wall and swarming with magic robots?« Das Kellysche Los Angeles-Southland der nahen Zukunft ist ein grotesker, faschistischer Kosmos im Sinne Orwells mit einem Schuß USA, einer Prise China und Schlagsahne bis zum Erbrechen. Alles ist zuviel. In grell-quietschenden Bildern verläuft sich der (sehr blasse) rote Faden um Boxer Santaros (überlegen unnuanciert verkörpert von Dwayne »The Rock« Johnson) in die verschiedensten Genres, und es fallen ein paar der wohl abstrusesten Sätze der Filmgeschichte.

Zu Beginn rattert Justin Timberlake, in seiner Erzählerfunktion schier unendlich viele Handlungs- und Settingfakten herunter, denen kaum zu folgen ist. Kelly bewirft die Leinwand mit Themen wie Amerikas Kampf um Öl, Marxismus und dem hohen Reflektionsvermögen der Menschheit. Das damit in Verbindung gebrachte Bestreben der Entthronung Gottes wird als doppelbödiges Unverständnis deklariert; so muß der Mensch die von ihm losgelassenen Hirngespinste selbst rationalisieren: Und so steht der bereits in Donnie Darko bearbeitete Weltuntergang im Zentrum. Diesmal jedoch nicht im Sinne der Wiedergeburt, also der Chance, sondern im Endgültigen, explodiert aus einem großen Feuerwerk verschiedener Weltsichten heraus. All das ist absolut hanebüchen, und Kelly hat sich definitiv zu viel vorgenommen, doch gerade dieses komplette Gegen-die-Wand-Fahren ist äußerst sehenswert, denn: Obgleich Richard Kelly kein großer Geschichtenerzähler sein mag, er ist trotzdem ein beachtlicher Regisseur, der selbst diese Katastrophe von einem Film zu einem überdrehten, viel zu langen Höhepunkt des Filmjahres gemacht hat. Bemerkenswert ist auch, was die Ausstatter und Effektdesigner seines Teams aus dem mit 15 Millionen vergleichsweise geringen Budget quetschen konnten. Perfekt untermalen wunderschön altmodische CGIs die wahnwitzige, aber stets treffende Bildkomposition von Kameramann Steven Poster, den für das Projekt überraschend fließenden Schnitt Sam Bauers und die (leider als Hauptkritikpunkt anzuführende) langweilige, aber glücklicherweise spärlich verwendete Originalmusik des fleischgewordenen Valiums Moby.

Als Resultat bleibt für den Zuschauer ein schwebender, absolut passiver Zustand, den Southland Tales entfaltet. Läßt man davon ab zu interpretieren, entsteht nicht zuletzt aufgrund der wirklich hervorragenden Songauswahl Kellys ein immenser Sog, der durch bisweilen auftretende Schwindelgefühle zu Übelkeit führen mag, doch Spaß hat man letztlich reichlich gehabt. Zechen im Kino sozusagen: Die Meinungsvielfalt der Thekenjunkies, gepaart mit viel zu lautem Geschrei und staatlich tolerierten Drogen, kulminierend im Rausch. Am nächsten Tag schämt man sich mitunter, doch nur Tage später ist man wieder dabei. Alle Uhren auf Anfang, denn: Ein bißchen Spaß muß sein. 2008-08-11 11:57

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