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Die Reproduktionskrise

D 2007. R,B,K,S: Jörg Adolph, Gereon Wetzel. M: Tied & Tickled Trio. P: if…productions.
84 Min. Doc Collection

Sp: Deutsch (DD 2.0), Ut: Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch. Bf: 1.33:1 Letterbox. Ex: Outtakes.

Textarbeit

Von Oliver Baumgarten Er hatte bereits 2002 in On/Off the Record der Band The Notwist über die Schulter geschaut sowie im Jahre 2005 dem Romanautor John von Düffel in Houwelandt – Ein Roman entsteht. In Klein, schnell & außer Kontrolle beobachtete er den Tischtennisspieler Timo Boll bei der EM 2000, während sein Film Kanalschwimmer den unergründlichen Wahnsinn zu hinterfragen sucht, den Menschen umgibt, die freiwillig den britischen Kanal durchschwimmen. Der Dokumentarfilmer Jörg Adolph, so läßt dessen noch junges Œuvre schließen, hegt ein besonderes Interesse an der Ergründung aufwendiger und komplexer Entstehungsprozesse, am Zusammenspiel von harter Arbeit und großem Talent und nicht zuletzt an der Aufdeckung gemeinschaftlicher Arbeitsstrukturen.

Sein neuer Film Die Reproduktionskrise, den er gemeinsam mit Gereon Wetzel realisiert hat, knüpft nahtlos an genau diese Interessen an: Die beiden Filmemacher beobachten das Ensemble des Hamburger Thalia Theaters, wie es gemeinsam mit der Regisseurin Simone Blattner einen aus Interviews zusammengestellten Text von Mirjam Neidhart dramaturgisch erarbeitet und für die Bühne adaptiert. »Torschußpanik« heißt Neidharts Text und umfaßt bearbeitete Erzählungen und Berichte unterschiedlicher Menschen zum Thema Kinderwunsch. Es ist diese Metamorphose vom gesprochenen Wort eines Erlebnisberichts über den transkribierten und lesbar gemachten Text hin zum dramatisierten Bühnendrehbuch, die im Zentrum des Films steht. Adolph und Wetzel zeigen die Autorin Neidhart, wie sie mit den Urhebern des gesprochenen Wortes um Formulierungen im Transkript ringt, wie sie also einen fremden Text zu ihrem macht und wie sich wiederum dieser Text dann in langwierigen Auseinandersetzungen vom Ensemble angeeignet wird. Diese Umwandlung läuft freilich keineswegs konfliktfrei ab: Was etwa in seinem Ursprung bewegende Tatsache war, wird auf der Bühne plötzlich zum banalsten Effekt, und was sich auf dem Papier so elegant liest, kann ausgesprochen auf einmal wie auf Stelzen klingen. Ein Text lebt mit seinem Medium – mit dieser simplen Erkenntnis wird das Ensemble sehr heftig konfrontiert, und seine Zweifel, seine Ängste, genau daran zu scheitern, werden zum zentralen Bestandteil dieses in mehrfacher Hinsicht doppelbödigen Dokumentarfilms. Denn durch die Aufnahmen von Adolph und Wetzel und deren Überführung in das Medium Film wird der Text ja ein weiteres Mal gespiegelt, erhält der Text eine weitere Interpretationsebene.

Doch es ist nicht dieses Spiel mit dem Text allein, das Die Reproduktionskrise so spannend macht. Besonders die Protagonisten, vornehmlich jene aus dem Thalia Theater, verleihen dem Ganzen durch ihr diskussionsfreudiges Ringen um die schöpferische Ausgestaltung der Texte eine anregende Ambivalenz. Das Ensemble um die auch national bekannteren Schauspieler Victoria von Trauttmansdorff (Gegenüber) und Stephan Schad (Swinger Club, Der Mungo) ist dem Projekt und seinen Grundideen gegenüber nämlich keineswegs blind ergeben, und mit anzuschauen, wie sehr Zweifel und Unsicherheit ihrer Kreativität am Ende sogar nützt, ist streckenweise faszinierend. 2008-08-25 11:31
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