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Live!

USA 2007. R,B: Bill Guttentag. K: Stephen Kazmierski. S: Jim Stewart. M: Phil Marshall. P: Atlas Entertainment, Mosaic Media Group. D: Eva Mendes, David Krumholtz, Eric Lively, Katie Cassidy, Jeffrey Dean Morgan, Rob Brown, Jay Hernandez, Monet Mazur, Andre Braugher, Josue Aguirre, Frank Alvarez u.a.
93 Min. Kinowelt ab 30.5.08

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Featurette, Interviews, Fotogalerie, Trailer.

Keine Denkverbote!

Von Stefan Höltgen Als Live! im vergangenen Jahr auf dem Fantasy Filmfest lief, waren die Reaktionen zwiespältig: Zum einen war in dem Film eine unübersehbar kritische Tendenz zu erkennen, die sich im Modus des (scheinbar) neutralen Dokumentierens mit ihrem abgebildeten Gegenstand moralisch-kritisch auseinandersetzt: Die TV-Programmplanerin eines beinahe heruntergewirtschafteten Senders entwickelt ein neues Showkonzept, bei dem es darum geht, daß sich ein Mensch vor laufender Kamera das Leben nimmt – alles zum Wohle der Einschaltquote. Es wurde jedoch auch kritisiert, daß sich der Film indifferent, ja, vielleicht sogar zynisch zu seinem Gegenstand verhält, eben weil er nur darstellt, ohne zu bewerten. Letztere Meinungen machten vor allem die Darstellung Eva Mendes’ für den Effekt verantwortlich. Mendes gibt hier die scheinbar gewissenlose, unglaublich opportunistische TV-Programmiererin Katy, deren »Kind« – eben jene Sendung – scheinbar untrennbar mit ihrem eigenen Lebensglück verbunden zu sein scheint.

Live! nun ein zweites Mal gesehen zu haben, war in gewisser Hinsicht heilsam, denn die erneute Begegnung hat es ermöglicht, die scheinbaren Indifferenzen noch einmal in das kritische Korsett des Films zu integrieren, oder dies zumindest zu versuchen. Der Film berichtet von der Entwicklung der Fernsehshow überaus kleinschrittig. Wir erfahren, wie sich die Idee eines Russischen Roulettes langsam als TV-kompatibles Konzept entwickelt, wo sich moralische, politische und ökonomische Fallstricke spannen, mit welchen Mitteln Juristen, TV-Planer und die berichterstattenden Medien die Show zu verhindern oder zu verwirklichen versuchen. Das alles wird erzählt aus der Perspektive eines zunächst unbeteiligten Dokumentarfilmteams, welches eigentlich einen Film über die von Mendes’ gespielte Programmplanerin dreht. Mehr und mehr überschreitet das Team jedoch die selbstgesteckten Grenzen, läßt zu, daß der »Gegenstand« (die Frau) Einfluß auf Form und Inhalt bekommt – mehr als in üblichen Dokumentarfilmen. Schließlich gewinnt Katy die Filmemacher sogar dazu, Features für sie zu produzieren, in denen die Kandidaten dem späteren TV-Publikum nahegebracht werden. Wie hier die Grenzen zwischen Dokumentieren/Porträtieren und Konstruieren fallen, ist als heikler Prozeß dargestellt.

Im letzten Drittel vergißt Live! jedoch scheinbar sein inszenatorisches Paradigma. Nun ist es nicht mehr das Dokumentarfilm-Team, das uns (scheinbar) die Bilder liefert. Die TV-Show hat alle Hürden überwinden können und geht auf Sendung. Wir sehen abwechselnd die Bilder, die auch die diegetischen Fernsehzuschauer zu sehen bekommen, und Szenen aus dem Regieraum, in dem die Fernsehmacher die Reaktionen, Einschaltquoten und den Verlauf der Sendung überwachen. Das Hauptgeschehen ist jedoch jetzt die Selbstmord-Show: Reihum wird ein Revolver an die Spielteilnehmer gereicht, in dem eine echte und fünf falsche Kugeln sind. Bevor der Teilnehmer sich die Waffe an den Schädel hält und abdrückt, wird eines der vorproduzierten Features über ihn gezeigt. Es sind Werbefilme in eigener Sache, in denen die Showteilnehmer beschreiben, wo sie herkommen und wofür sie das Preisgeld von fünf Millionen Dollar verwenden werden – wenn sie die Show überleben. Denn danach wird aus dem Spiel Ernst. In der Regie wird gebangt, daß es nicht zu früh knalle und damit die Show vor der Zeit, also der nächsten Werbeunterbrechung, zu Ende gehe.

Was sich an Live! ab dem Moment ändert, in dem die Erzählperspektive wechselt, war Anlaß zur zentralen Kritik am Film: Daß er sein Konzept verworfen habe und der Faszination des eigenen Was-wäre-wenn-Spiels anheim gefallen sei, war einer der Vorwürfe. Doch vergegenwärtigt man sich, welche Stoßrichtung ein Film wie Live! (der auf eine Genretradition von Tom Toelles Das Millionenspiel, BRD 1970, bis Paul Michael Glasers The Running Man, USA 1987, zurückblickt und aus ihr schöpft) eigentlich hat, wird schnell klar, daß er seinen Plan nicht nur einlöst, sondern sogar übererfüllt. Der Perspektivwechsel geht nämlich einher mit einer Intensivierung der Affektsteuerung durch den Film. Wacklige Handkamera und O-Ton werden getauscht durch durchstilisierte Kran-Flüge, effektreiche Schnitte und emotionalisierende Sound-Untermalung. Live! vermittelt am Ende auf allen filmästhetischen Ebenen, daß solch eine utopische Sendung über eine Selbstmord-Show im Fernsehen trotz aller moralischen Einwände funktioniert. Welcher Zuschauer von Guttentags Film in dieser TV-Show-im-Film-Situation nicht auch nur ein wenig affiziert worden ist, der werfe den ersten Stein.

Der besondere Clou von Live! ist also, daß er am Ende performativ einlöst, was er zu Beginn schwarz an den Horizont malt: Wir sind zumindest TV-ästhetisch nicht mehr weit entfernt von Fernsehformaten, die bis zum äußersten gehen. Wir haben die Mittel, wir haben die Argumentationsstrategien (so abstrus sie in Live! auch zunächst klingen: Nicht Weniges ist in den USA bislang mit dem Argument der »freien Rede« begründet worden), und die Zuschauer haben wir allemal. Natürlich ist eine Show, wie sie Live! vorführt, zumindest in Europa nur schwer vorstellbar, doch das waren Shows wie »Big Brother«, »Deutschland sucht den Superstar« oder »Ich bin ein Promi: Holt mich hier raus« bis vor wenigen Jahren auch noch. Eine Utopie ist nicht etwa der Ort, den es nicht gibt, sondern ein Ort, der nur noch nicht entdeckt und betreten worden ist. Beschrieben wurde dieser Ort nun einmal mehr – mit Live!. 2008-07-28 12:37

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