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Serenade zu dritt

Design for Living. USA 1933. R: Ernst Lubitsch. B: Ben Hecht. K: Victor Milner. S: Frances Marsh. M: Nathaniel Finston. P: Paramount Pictures. D: Fredric March, Gary Cooper, Miriam Hopkins, Edward Everett Horton, Franklin Pangborn, Isabell Jewell, Jane Darwell, Wyndham Standing u.a.
88 Min. UFA ab 14.7.08

Sp: Deutsch (DD 2.0 Mono). Ut: Keine. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Keine.

Die Quadratur des Dreiecks

Von Daniel Bickermann Der deutsche Titel ist etwas danebengegangen (wobei es um den kryptischen Originaltitel Design for Living ausnahmsweise mal nicht sonderlich schade war): Eine Serenade, ein heiteres Abendständchen, ist weder das furiose Bühnenstück von Noël Coward noch die rasante Verfilmung von Ernst Lubitsch, eher ein Veitstanz oder ein teuflisch beschwingtes Scherzo.

Das Wort »Verfilmung« ist hier insofern ein wenig fehl am Platz, als daß Ben Hechts Drehbuch nun wirklich überhaupt nichts mehr mit Cowards urbritischer Theatervorlage zu tun hat: Die Schauplätze und eine vage Figurenkonstellation wurden übernommen, aber nicht einmal die Namen oder Hintergrundgeschichten stimmen überein – und vor allem findet sich im fertigen Film nicht ein einziger Dialog des für seine Schlagfertigkeit berüchtigten Cowards, der immerhin eine Art britischer Woody Allen der zwanziger Jahre und durchaus eine Legende auf beiden Seiten des Atlantiks war. Nun ist sein Theaterstück sicherlich nicht über Streichungen erhaben: Die britische Distinguiertheit, die Coward praktisch erfunden hat, würde dem amerikanischen Cast nicht gut zu Gesicht stehen, und das ungekürzte Stück würde selbst dann noch zweieinhalb Stunden dauern, wenn man die Dialoge übereinandersprechen würde. Aber daß Hecht außer der nebensächlichen Äußerung »It’s good for our immortal souls« keine einzige Zeile in Cowards Theaterstück fand, die ihm brauchbar erschien, das grenzte dann schon an Gotteslästerung.

Doch während man noch darüber sinniert, daß ein solcher Coup heutzutage unmöglich wäre, erst recht bei der prominenten Nennung Cowards in den Credits und bei Beibehaltung des Titels, während man sich also in den ersten Minuten noch darauf einrichtet, ohne ersichtlichen Grund auf den berühmten Noël Coward-Witz verzichten zu müssen, wird man angesischts der hereinprasselnden Dialoge schon überzeugt, daß Hecht hier das Unmögliche vollbracht hat: Er hat das Stück noch einmal neu geschrieben, und ebenso schlagfertig. Warum er dies für nötig erachtete, wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben, aber der Zuschauer wird sich nicht beschweren: Es gibt nun zwei rasend unterhaltsame Versionen derselben Handlung.

Was hat sich geändert? Nun, natürlich wurde in erster Linie die legendäre britische Distinguiertheit der Vorlage (»What shall we drink to?« – »Let’s not drink to anything, let’s just drink.«) gegen einen ruppigen amerikanischen Draufgängercharme getauscht (»I’ve come here to speak to you man to man.« – »Great, my favorite type of conversation.«) Zudem wird in der Verfilmung dank der bezaubernden Miriam Hopkins, die Lubitsch direkt aus seinem berühmteren Vorgänger Ärger im Paradies mitbrachte, aus der britischen Bohéme-Ikone Gilda ein funkensprühendes amerikanisches Flapper-Fräulein. Als Muse und Agentin der beiden aufstrebenden Künstler Tom und George hat sie von Anfang an eine hinreißende Chemie mit Frederic March und Gary Cooper, der hier seine erste Komödienrolle mit Bravour meistert. Die Stimmung ist in diesem Film das Wichtigste, und sie gelingt fabelhaft: Sowohl der Charme Gildas als auch die selbstlose, unzerstörbare Freundschaft zwischen den beiden Männern ist reiner Filmgenuß in einer erzählerischen Einfachheit, wie sie nur ein Meisterregisseur zustandebringt.

Stilistisch hat sich Lubitsch von den dialogreichen und nicht selten abschweifenden Marathonszenen Cowards entfernt: Nach einem grandios inszenierten wortlosen Beginn aus fünf Minuten reiner Pantomime zwischen den drei Figuren in einem Bahnabteil findet der Regisseur schnell zu seinem ökonomisch Rhythmus aus extrem pointierten Szenen, während der Dialogstil und die Spielgeschwindigkeit von Coward übernommen wurden: die irreal schlagfertigen Schnellfeuerdialoge, die versteckte Angriffslust, die übermütige Selbstsicherheit und Eleganz bei der Verführung. Lange Einstellungen, oft nur eine einzige pro Szene, lassen dabei die goldenen Zeiten wieder aufleben, als man noch genug Distanz bewahrte, um beide Seiten einer Konversation gleichzeitig zu sehen, als die Kamera es sich noch nicht angewöhnt hatte, bei möglichst jedem Wortwechsel zum Sprecher zu springen, als die Kunst der Reaktion noch ebenso wertvoll war wie die des Sprechens. Hier wird beides in Vollendung von einer spielfreudigen Besetzung zelebriert: Sexueller Subtext tropft aus allen Zeilen, und jede gesittete Gesellschaftsordnung wird freudig mit Füßen getreten – kurz, es ist ein Meisterwerk.

Allerdings hat Serenade zu dritt in den »Hollywood Highlights« von Universum keine besonders schön gestaltete Edition abgekriegt. Bild und Ton überzeugen angesichts eines 75 Jahre alten Films durchaus, aber das obligatorische Ausbleiben jeglicher Extras schmerzt hier doch gewaltig. (Warum hat sich eigentlich in Deutschland nie der amerikanische Trend durchgesetzt, einen Filmhistoriker DVD-Kommentare sprechen zu lassen? Sicher gäbe es doch genug Lubitsch-Spezialisten hierzulande…) Immerhin gibt es als Bonus eine fantasievolle deutsche ARD-Synchronisation aus den goldenen Spätsechzigern, als man britischen und amerikanischen Witz noch mit deutschem Humor ersetzen durfte. Besondere Größe erreicht das neue Dialogdrehbuch natürlich beim Besäufnis der beiden Freunde, aber auch in alltäglichen Szenen dürfen die deutschen Sprecher glänzen, wenn einer der Männer beispielsweise nach einer kurzen Prügelei nonchalant konstatiert: »Ich wollte dich nicht vor Gilda loben, aber mit Deiner Rechten kannst Du auftreten. Da ist Musik drin.« Im Prinzip wird da nochmal eine dritte, urig-deutsche Variante des Stoffs erstellt, was nur beweist, wie zeitlos diese Geschichte vom schamlosen Liebesdreieck ist. Sie mag total out sein, wie Stereo Total einst feststellte, aber die Liebe zu dritt ist eben doch immer noch unwiderstehlich. 2008-07-21 11:36

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