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Chacun son cinéma – Jedem sein Kino

Chacun son cinéma. F 2006. R,B: Theo Angelopoulos, Olivier Assayas, Bille August, Jane Campion u.a. B,S: William Chang. B: Zou Jingzhi. K: Barry Ackroyd, Marc-André Batigne, Dirk Brüel, Greig Fraser u.a. S: Luc Barnier, Cheng Long, Alexandre de Franceschi u.a. M: Marc Bradshaw, Mychael Danna, Eleni Karaindrou, Howard Shore. D: George Babluani, Cindy Beckett, Josh Brolin, Antoine Chappey, Farini Cheung, Casper Christensen, Yves Courbet u.a.
110 Min. Arthaus ab 16.5.08

Sp: Diverse Originalsprachen. Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Presseheft, Trailer.

33 Denkmäler

Von Sascha Keilholz Weinende Frauen vor der Leinwand. Abbas Kiarostamis Wo ist mein Romeo versteht Kino als Ort der Rührung, und erstaunlich viele der 33 Kurzfilme setzen auf Sentiment. Überhaupt präsentiert sich die Kompilation überraschend homogen. Saal. Projektor. Leinwand. Zuschauer. Hier wird eingelöst, was der Titel verspricht: eine Huldigung an den Raum Kino. Die eigenen Leinwand- und Kindheitserfahrungen (in diesem Fall synonym) dienen vielfach als Motor der Episoden. Dabei können Selbstreferentialität und -reflexivität in Eigenliebe umschlagen. Der ägyptische Regisseur Youssef Chahine läßt es sich nicht nehmen, der eigenen Cannes-Karriere ein Denkmal zu setzen, mit Erhalt des Ehrenpreises als Höhepunkt. Wo zumindest seine Eingangsszene noch selbstironisch wirkt, beweist Theo Angelopoulos einmal mehr seine bierernste Distanzlosigkeit. Der Grieche widmet sich Altbekanntem. Da wäre formal die Vorliebe für die Verknüpfung unterschiedlicher Zeitebenen und emotional die Begeisterung für Marcello Mastroianni – Alter ego Fellinis, dem Jedem sein Kino gewidmet ist. Ihm und Jeanne Moreau setzte Antonioni in Die Nacht ein Denkmal. Angelopoulos selbst vereinte sein Filmtraumpaar dreißig Jahre später in Der schwebende Schritt des Storches. Nun läßt er Moreau vor der Leinwand den Verstorbenen beweinen. Beim Kanadier Atom Egoyan hingegen verknüpfen sich die Ebenen des Mediums und der Realität magisch. Das konkrete bildliche Zitieren seines Adjuster paßt ins präzise konzipierte Gesamtereignis. Egoyan verneigt sich weniger vor seinem eigenen Œuvre als vor den Möglichkeiten des Kinos, die er immer wieder und immer noch auslotet. Alejandro González Iñárritu und Wong Kar-wai huldigen Godard ganz über die Tonspur, wenn Bachs Suite Nr. 1 und das Thema der Camilla, zwei unvergeßliche Scores, zu hören sind. Auch der Mexikaner filmt eine weinende Frau. Anna raucht, lauscht und läßt sich das Bild beschreiben. Sie ist blind. Dem Melodrama gesellen sich aber auch einige augenzwinkernde Momente hinzu. Nanni Moretti huldigt Rocky und Ken Loach dem Fußball. Der beißendste Humor kommt von David Cronenberg. Hier geht es allerdings nicht ums Kino, sondern um die Medien. Denn Kino, das lieben wir. 2008-07-07 11:53

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #51.

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