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Out of the Blue – 22 Stunden Angst

Out of the Blue. NZ 2006. R,B: Robert Sarkies. B: Graeme Tetley. K: Greig Fraser. S: Ann Collins. M: Victoria Kelly. P: Condor Films. D: Karl Urban, Matthew Sunderland, Lois Lawn, Simon Ferry, Tandi Wright, Paul Glover u.a.
99 Min. Capelight ab 14.3.08

Sp: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Englisch (DD 2.0 DS). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Trailer.

Ent-Täuschung

Von Stefan Höltgen Robert Sarkies Out of the Blue war ein recht ungewöhnlicher Beitrag des letzten Fantasy-Filmfestes. Ungewöhnlich vor allem wegen seiner Kombination aus thematischer Schwere und stiller Inszenierung – zwischen all den Action-, Horror- und Science-Fiction-Beiträgen des Festivals. In Köln haben die Verantwortlichen ihn vielleicht deshalb ans Ende des Festival-Samstags in das letzte Modul programmiert. Out of the Blue ist kein Film, nach dem man sich noch einen weiteren Film anschauen möchte – oder das überhaupt könnte. Vor kurzem ist er bei Capelight auf DVD erschienen.

Die Geschichte, die der Film erzählt, basiert auf einer wahren Begebenheit: Am 13. und 14. November des Jahres 1990 erschießt ein Mann in einem kleinen neuseeländischen Küstenort dreizehn Menschen, darunter Kleinkinder, Jugendliche und Greise. Der Täter, der seinen Mitmenschen zwar als Sonderling bekannt war, von dem jedoch niemand eine ernstzunehmende Gefahr ausgehen sah, bereitet seine Tat minutiös vor, wartet auf einen Vorwand und eröffnet das Feuer zunächst auf seinen Nachbarn und ehemaligen Freund sowie dessen Familie. Zunächst will niemand im Ort seinen Ohren trauen, als das Knallen der Gewehrschüsse durch die Luft hallt. Erst im Angesicht des umsichschießenden Mannes bricht Panik aus. Der Ort wird abgeriegelt, die schlecht ausgerüstete örtliche Polizei versucht, den Amokläufer zu stellen, der erweist sich jedoch als gerissen und entzieht sich der Festnahme auch, indem er Polizisten hinterrücks erschießt. Erst als am nächsten Tag ein Rollkommando im Ort eintrifft, kann der Mann gestellt werden. Der Amoklauf hat innerhalb von 24 Stunden die Geschichte Neuseelands verändert und führte unter anderem dazu, daß die Waffengesetze verschärft wurden.

Sarkies Film ist alles andere als das, was die Aufmachung der DVD suggeriert. »22 Stunden Angst« untertitelt der Verleiher den Film und weckt damit vielleicht den Eindruck, es handele sich bei Out of the Blue um einen Film nach dem Muster von Delta Force. Doch weit gefehlt. Nichts liegt Sarkies ferner als das historische Geschehen zu einem »knallharte[n] […] Amok-Thriller« (Coverrückseite) aufzubauschen. Es fehlen die typisch aufpeitschenden Montage-Stakkatos, der sich zum Szenen-Crescendo steigernde Soundtrack, die eindeutige Perspektivübernahme von Opfern oder Täter, ja selbst jeder Versuch, eine narrative Spannung in das Geschehen hineinzuschreiben, findet sich nicht. Out of the Blue »zeigt« lediglich – ganz so, als wisse er, daß man nichts wirklich erklären kann, erst recht nicht eine solche Katastrophe.

Die Art und Weise jedoch wie Sarkies zeigt, ist so mitreißend und anteilnahmefordernd, wie es intensiver kaum geht. In langen Einstellungen, die ständig zwischen nahen Normalperspektiven und dann wieder extremen Panorama-Aufnahmen wechseln, sorgt er immer wieder dafür, daß sich der Zuschauer des Kontextes bewußt bleibt, daß der Kontrast zwischen dem idyllisch gelegenen paradiesischen Kleinstädtchen und dem sozialen Drama, das sich darin abspielt, gewahrt bleibt. Oft rückt seine Kamera unerträglich nahe an die Menschen heran, zeigt detailvergrößerte Körperteile von Erschossenen, leidverzerrte, trauernde, apathische Gesichter und immer wieder den Täter aus allen Perspektiven und in allen möglichen Einstellungsgrößen, so als wolle er auch hier zeigen, daß es nichts besonderes an diesem Menschen zu entdecken gibt. Der Täter wird nicht als Monster inszeniert, er wird nicht durch standardisierte Schuß-Gegenschuß-Aufnahmen in Verfolgungs- und Schießerei-Szenen als Menschenjäger dargestellt. Er taucht im Hintergrund auf, am Bildrand oder bleibt unsichtbar und wird in seiner Anwesenheit nur durch das Geknatter seines automatischen Gewehrs in den Szenerien wahrnehmbar. Er ist ein Mensch wie du und ich, ein Nachbar, ein Jedermann. Die einzigen Schocks des Films sind solche, die auf den plötzlichen, unerwarteten Szenenwechseln beruhen – es sind Schocks, die treffen, nicht weil sie zeigen, sondern weil sie fortreißen.

Out of the Blue ist ein Filmdokument im besten Wortsinne. Es enthält sich der Bewertung, versucht, Bilder für den Ausnahmezustand zu finden, und den Zusammenprall von Normalität und Chaos quasi-dokumentarisch zu inszenieren. Daß es sich bei Sarkies' Film um einen Spielfilm handelt, vergißt man schnell. Man wird als Zuschauer zum Zeugen, der miterleben muß, was geschehen ist, der über Vieles im Unklaren bleibt und erst am Ende, wenn die Schlußtitel vorbeirollen, über Zusammenhänge, Opferzahlen und den historischen Gehalt des Gezeigten aufgeklärt wird. Filme wie Out of the Blue sind eine Seltenheit in der Kinolandschaft, weil sie das Potential, daß »eine solche Geschichte« bietet, eben nicht ausnutzen, um diese Geschichte auch zu erzählen, sondern genau anders herum aus der Erwartung des Zuschauers an einen dramaturgisch konstruierten Verlauf, klare Figurenentwicklungen und den Einsatz ästhetischer Mittel eine »Falle« konstruieren. In diese Falle zu stürzen kann äußerst heilsam und lehrreich sein. Es ist, wie gesagt, schwer möglich, direkt nach Out of the Blue einen anderen Film zu schauen, weil das Gefühl der eigenen Verwundbarkeit, geboren aus den »ent-täuschten« Erwartungen, noch zu schmerzhaft ist. 2008-05-26 13:26
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