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Bye Bye Blackbird

D/GB/L/A 2005. R,B: Robinson Savary. B: Patrick Faure, Arif Ali-Shah. K: Christophe Beaucarne. S: Claire Ferguson. M: Carlo Thoss. P: Road Movies, Samsa Film. D: James Thièrrièe, Derek Jacobi, Izabella Miko, Jodhi May, Michael Lonsdale u.a.
96 Min. Neue Visionen ab 15.6.07

Sp: Deutsch (DD 5.1, DD 2.0), Englisch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch. Ex: Portrait, Trailer.

Die Artisten in der Zirkuskuppel: prätentiös

Von Sven Jachmann Einsam ist der Akrobat oben unter der Kuppel. Vogelgleich sprengt er fast die Naturgesetze und ist in seiner Freiheit doch eingeschränkt. Deshalb verschwinden Alice und Josef, die beiden Hauptfiguren im Debüt des Fotographen Robinson Savary, während einer Vorstellung auch schon mal auf das Dach des Zeltes, um einen kurzen Blick auf das nächtliche Paris an der Schwelle zum 20. Jahrhundert zu erhaschen. Warum sie das tun, müssen wir nicht erfahren, denn Savary ist wenig an der Entfaltung seiner höchstgradig pathetischen Geschichte gelegen. Bildgestaltung, Schnittechnik, Farbeinsatz und theatralisches Gebaren der Schauspieler lassen unschwer erkennen, daß die Ambition, bildgewaltige Artifizialität zu erzeugen, des Geistes Vater für dieses Werk gewesen ist.

Warum dabei gleichzeitig auf die Erzählkraft des Kinos verzichtet werden muß, bleibt schleierhaft. Vielleicht ist es aber auch schlichtes Ressentiment.

Tatsächlich scheint die Geschichte bloß Vehikel zu sein: Der Wanderarbeiter Josef gerät zufällig an den traditionsträchtigen Zirkus von Lord Dempsey und verliebt sich in dessen Tochter Alice, deren Trapezkunstfertigkeit schürt seine Sehnsucht nach Ruhm und Artistik, und tatsächlich soll er entdeckt werden. Er und Alice bilden fortan ein Vogelpaar der Lüfte, und bevor er sein Glück fassen kann, stürzt Alice ab und Josef in eine Depression, von der er sich nicht mehr erholen wird.

Den Raum der Erzählung bildet fast ausschließlich der Zirkus, Paris bleibt als gemalter Hintergrund diffus, gleiches gilt für die Motivationen der Figuren, denen zwar durchaus verstehbare Konflikte zugeschoben und einleuchtende Worte in den Mund gelegt werden. Allerdings bleibt ihr Handeln ganz einfach behauptete Voraussetzung. Der Grund ihrer Konstellationen folgt der Logik unbedachter Willkür, ihre Charakterisierung der der Typisierung, was auch nicht durch Kraft der Imagination ausgeglichen werden könnte oder sich als Kontrast des Bilderreigens erklären ließe. Was die farbenfrohe, helle Pracht der Zirkuskuppel von der tristen Pariser Welt unterscheidet, ist einzig das Klischee ihrer melancholischen Verheißung der Verzauberung. Die nimmt selbst allerdings genau genommen lediglich eine Sequenz ein, die denn auch mit dem Absturz von Alice ihr jähes Ende findet. Weiter geht es dann mit einem tragischen Intrigenspiel, das wiederum der Logik eines für jeden Film geltenden Realismus Hohn spottet. Denn offenbar diente dies Schauspiel Alice lediglich dazu, der Zirkuswelt zu entkommen. Und so heiratet sie wohlbehalten einen wohlhabenden Bürger, organisiert für ihre Beerdigung scheinbar ein Double ihres Körpers und läßt den Film fürderhin in Schwarz und Grau dem tragischen Ende von Josef entgegenarbeiten. Man kommt einfach nicht umhin zu glauben, daß einzig das Setting die Bildproduktion animieren sollte, wohingegen das Sujet als lästiges Beiwerk bloß ein Handlungsgerüst erzwingt, dem man sich fügen muß, wenn man nun mal auf eine Erzählung zurückgreift. Der Dünkel des kunstbeflissenen Prätentionisten, der sich insgeheim für die Wahl seines Mediums schämt: Irgendwann werden schon beide Pole miteinander harmonieren. Aber wenn der Fokus auf den einen dominiert, wird auch schnell ersichtlich, daß Film noch einiges mehr ist als bewegte Fotographie, und zumindest in diesem Sinne kann Bye Bye Blackbird als Lehrfilm bestehen. 2008-05-19 12:47

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