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Spur der Steine

DDR 1966. R,B: Frank Beyer. B: Karl-Georg Egel. K: Günter Marczinkowsky. M: Wolfram Heicking. P: DEFA. D: Manfred Krug, Krystyna Stypulkowska, Jutta Hoffmann, Eberhard Esche, Johannes Wieke, Walter Richter-Reinick, Hans-Peter Minetti, Walter Jupé, Ingeborg Schumacher, Brigitte Herwig u.a.
129 Min. Icestorm ab 22.9.02

Sp: Deutsch (DD 2.0 Mono). Ut: Keine. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Dokumentation »Spur der Zeiten«, Aushangfotos, Original Kino-Plakat, diverse Featurettes.

Spur der Zeiten

Von Eleonóra Szemerey Frank Beyers Spur der Steine gehört zu jenen Werken, die durch jahrzehntelange Verbannung von den Leinwänden ihres Produktionslandes zusätzliche historische Relevanz und neue Bedeutungsebenen gewonnen haben. Der Film basiert auf Erik Neutsch’ gleichnamigem Roman, der in einer Zeit entstand, in der liberalisierte Kulturpolitik der ehemaligen DDR das Erscheinen konfliktreicher, den Sozialismus durch konstruktive Kritik bauender Stoffe förderte. Doch obwohl das Buch ein Erfolg und der Film eine DEFA-Auftragsproduktion war, wurde letzterer von seiner Uraufführung an durch organisierte Proteste in den Kinos sabotiert und schon bald als partei- und staatsfeindliches, pessimistisches Machwerk von der Zensur verboten. Ähnlich erging es vielen anderen seiner Filme und auch Beyer selbst: Er wurde noch 1966 aus der DEFA ausgeschlossen.

Dabei war es stets das erklärte Bestreben des überzeugten SED-Mitglieds, Gegenwartsfilme über relevante Probleme zu drehen, um durch deren Aufzeigen ernsthaft zu ihrer Lösung beizutragen: das Publikum zu sensibilisieren, Mißstände zu beheben, den Sozialismus voranzubringen. Auch Spur der Steine verhandelt Beyers werkbestimmende Frage nach dem Glücksanspruch des Einzelnen in der Gesellschaft und nach Konzepten zu dessen Verwirklichung: durch Anpassung oder Widerstand. Nach dem Schema eines klassischen Gerichtsfilms, der im Rahmen einer Verhandlung und mit Hilfe ausgedehnter Rückblenden den Tatbestand herleitet, erzählt der Regisseur eine vielschichtige Geschichte von Verantwortung und Versagen, Absichten und Konsequenzen, aber auch von Liebe und Freundschaft. Kameramann Günter Marczinkowsky verleiht der Geschichte mit kontrastreicher Schwarzweißästhetik und oft bis in die Tiefe durchkomponierten Breitwandbildern eine große Kinomythen heraufbeschwörende und durch konsequente Realitätsnähe zugleich fast dokumentarische Dringlichkeit.

Ort der Handlung ist die Großbaustelle Schkona, auf der organisierte Mißwirtschaft, stumpfe Planerfüllung, Machtkämpfe bzw. Resignation auf Seiten der Bauleitung sowie Anarchie auf Seiten der Arbeiter herrschen. Als kompromißlose, vor Energie und Tatendrang strotzende, sich wenig um Konventionen scherende Proletarierfigur leitet Hannes Balla seine berühmt-berüchtigte Brigade durch den von Materialengpässen geprägten Baustellenalltag. Zeitgleich erscheinen der neue Parteisekretär Werner Horrath, ein verheirateter, beruflich fähiger Mann, und die selbstbewußte, lebenslustige Architekturstudentin Kati Klee in diesem Spannungsfeld. Horrath soll für geregelte Verhältnisse und die geforderte Produktivität sorgen, Kati hat es sich vorgenommen, ihre Studien durch Praxiserfahrung zu ergänzen. Nach anfänglicher Skepsis lernen die drei Hauptfiguren Persönlichkeit und Leistung des jeweils anderen kennen und zu schätzen und begreifen mit dem Zuschauer, wie ein jeder auf seine eigene Art und Weise durch Energie und Verantwortung zum größeren gemeinsamen Ziel beitragen kann. So könnte aus dem ungleichen Trio ein glänzendes Vorbild professionellen Engagements gegen Produktionsleerlauf und Machtmißbrauch werden, wenn Balla, Horrath und Kati neben ihren Rollen als pflichtbewußte Erbauer des Sozialismus nicht auch als Menschen mit privaten Gefühlen erzählt würden. Denn der eigentliche Konflikt des Films entfaltet sich nicht um die Loyalität zwischen Genossen, sondern vielmehr um die Loyalität zwischen Freunden und Liebenden sowie zwischen Individuen und einem Staatssystem, das seine sozialistische Ethik bis in die Intimsphäre hinein zu verteidigen sucht. So kann es passieren, daß der fähigste Mann auf der Großbaustelle wegen »unmoralischen Verhaltens, Karrierismus und politisch-ideologischen Versagens« angeklagt und von seinem Posten entfernt wird: nicht wegen professioneller Mängel, sondern wegen privater Fehltritte.

Gerade durch die übertriebenen Zensurmaßnahmen hebt sich diese Bedeutungsebene zwischen anderen vielleicht manifesteren Aussagen von Spur der Steine ab, und es wird deutlich, wie treffsicher Beyer eine der brennenden Fragen seiner Zeit offenzulegen vermochte: die Frage nach dem Glücksanspruch des Einzelnen, wenn dieser mehr als Funktionsträger in einem bis ins Privatleben durchgeplanten gesellschaftlichen Prozeß denn als Individuum zu bestehen hat. So ist Spur der Steine nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch durch seine Geschichte zu einem vielschichtigen, beredten Dokument seiner Entstehungszeit gewachsen, obwohl und weil er beinahe ein Vierteljahrhundert seiner Wiederaufführung (1990) harren mußte. 2008-05-12 12:00

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