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The Illusionist

USA 2006. R,B: Neil Burger. K: Bill Pope. S: Naomi Geraghty. M: Philip Glass. P: Bob Yari Productions, Bull’s Eye Entertainment u.a. D: Edward Norton, Paul Giamatti, Jessica Biel, Rufus Sewell, Eddie Marsan, Jake Wood u.a.
110 Min. Ascot Elite ab 5.1.09

Sp: Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Kein.

A Kind of Magic

Von Daniel Bickermann Zwei Zauberfilme waren dann wohl doch einer zuviel. Zeitgleich mit Christopher Nolans effektgeladener und stargespickter Glamourshow The Prestige kam in den USA Neil Burgers faszinierender Taschenspielertrick The Illusionist ins Kino. Und obwohl beide Werke vergleichbar wohlwollende Kritiken und Einspielergebnisse brachten, wurde The Illusionist zu einem dieser Filme, die bei der Auswahl für eine deutsche Kino- und DVD-Veröffentlichung einfach übergangen wurden. Wer den Markt kennt, der weiß, daß hinter solchen Entscheidungen keine Logik sichtbar ist: Warum wartet man auf Lasse Hallströms smarte Fälscherkomödie The Hoax (mit einer Karrierebestleistung von Richard Gere) hierzulande seit Jahren vergeblich, während die zehnte romantische Komödie trotz katastrophalem US-Start auch hier in die Kinosäle geschwemmt wird? Warum blendeten die deutschen Verleihe sogar einige Woody Allen-Filme trotz guter Verkaufszahlen in Frankreich und England einfach aus, bemühen sich aber rührend um das Gesamtwerk Uwe Bolls? Die Fragen sind müßig, der Kenner winkt ab und importiert einfach die DVDs aus den Nachbarländern.

Auch The Illusionist ist einer dieser durchs Gitter gerutschten Filme – zu Unrecht, er kann auf jeder Produktionsebene Meisterware bieten. Kameraveteran Bill Pope beispielsweise hat so viele Überraschungen im Ärmel, daß man aus dem Staunen kaum noch herauskommt: Halb geschlossene Blenden sorgen für weiche Bildränder und einen Hauch Stummfilmatmosphäre, während eine leichte Unschärfe zusammen mit der vorsichtig flackernden Beleuchtung und dem gelbbraunen Sepiafarbton die Nostalgie für ein märchenhaftes Wien der Gaslampen und Pferdekutschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zelebriert. Die Ausstattung unter der Leitung des Tschechen Ondrej Nekvasil will sich da nicht lumpen lassen und schmückt die in Prag gefundenen k.u.k.-Prachtbauten mit exuberanten Einfällen wie einem klaustrophobischen Flur, dessen Wände mit unzähligen Geweihen gepflastert ist. Der immer gern gehörte Philip Glass läßt dazu seine gewohnt ambivalenten, schwierigen Streicher erklingen, und da hat der Film eigentlich schon gewonnen, obwohl noch keine fünf Minuten vergangen sind.

Daß die manchmal etwas zu märchenhafte Handlung trotz einer erstaunlich untalentierten Jessica Biel bis zum Ende fesseln kann, verdankt sie dann den Leidenschaftsleistungen, die Edward Norton, Paul Giamatti und Rufus Sewell hier abliefern. Norton staut als undurchsichtiger Zauberkünstler mit dem schönen Namen Eisenheim eine brodelnde Energie hinter den dunklen Augen, die sich ganz wunderbar mit dem gemütlichen Schalk von Giamattis Polizeiinspektor Uhl (einer charmanten Wiener Poirot-Variante) und der nackten Intensität von Sewells machtgierigem Kronprinzen ergänzt. Alle haben einen sehr vorsichtigen Schwarzenegger-Akzent und reden eine Terz zu geschwollen, aber wer selbst mal in Wien war, der bringt dafür viel Verständnis auf.

Drehbuchautor und Regisseur Burger adaptiert mit The Illusionist Steven Millhausers Kurzgeschichte »Eisenheim the Illusionist«, und obwohl er die dürre politische Fabel über die Macht der Massensuggestion um eine Liebes- und Rivalitätsgeschichte erweitert, die nicht immer ganz wasserdicht ist, schafft er eine visuell und inhaltlich faszinierende Studie über Illusion und Politik, die mit geschickten Händen überraschende Wendungen aus dem Hut holt. Wie bei jedem guten Zaubertrick hat man natürlich damit gerechnet und extra sehr genau hingesehen – und ist doch wieder auf all die gutaussehenden Ablenkungen reingefallen. Wer anschließend den Plot als konstruiert kritisiert, verkennt den Charme einer gut ausgetüftelten Maschinerie. Und wenn hierzulande niemand solche raffinierten Filme veröffentlichen will, dann muß man sie sich eben herbeizaubern. 2008-04-21 12:46

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