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Kurz in Berlin – 8 preisgekrönte Berlin-Filme

DEFA Disco Film – Berlin (DDR 1977), Schwarzfahrer (D 1993), Die Andere Seite (GB 2007), Ein-Blick (BRD 1986), Der Blindgänger (D 2004), Einige Zahlen über die Bevölkerung Berlins (D 1994), Berliner Blau (BRD 1986), Fliegenpflicht für Quadratköpfe (D 2004).
94 Min. absolut Medien ab 18.1.08

Sp: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch. Bf: 1.33:1. Ex: Interviews, Anmoderationen.

Berlin: Ein Crashkurs

Von Ekaterina Vassilieva Das Leben in einer Metropole kann nicht nur aufregend sein, sondern fördert auch eine besondere Art der Wahrnehmung. Die Realität verliert für den Großtadtbewohner ihre Totalität und fällt in viele kleine oder große Fragmente auseinander, denn man ist gleich in vielen Welten zu Hause, die per Bahn oder Bus relativ schnell erreichbar sind. So erscheint eine Zusammenstellung der Kurzfilme am besten dazu geeignet, die Stimmung einer Stadt einzufangen, ganz besonders, wenn die Filme unterschiedliche stilistische Herangehensweisen zeigen und auch von ihrer Entstehungszeit teilweise weit voneinander entfernt liegen. Schließlich ist die Geschichte der Stadt nicht ohne die Geschichte der Medien denkbar, die sie festhalten und mitgestalten.

Bereits der erste und der früheste Beitrag auf der DVD »Kurz in Berlin«, DEFA Disco Film – Berlin (1977) von Uwe Belz, führt uns vor, wie man die (ost)deutsche Hauptstadt wahrnehmen könnte: in Panoramaansichten, mit flanierenden Menschenmengen gleichmäßig gefüllt und mit etwas schwerfälligem Volkshumor gewürzt. Außer einer gesichtslosen Sprecherstimme kommt in diesem Film kein Berliner richtig zum Sprechen, denn die Bürger sind sich vermutlich sowieso in allen Fragen einig. In anderen Beiträgen ist von dieser Harmonie jedoch nicht mehr viel zu spüren. In Pepe Danquarts Schwarzfahrer (1992/93) und in Der Blingänger (2004) von Andreas Samland ist Berlin der Ort, an dem die unterschiedlichen Welten mit aller Wucht miteinander kollidieren – mit völlig unvorhersehbarem Ausgang. Wie reagiert zum Beispiel ein farbiger Fahrgast, wenn er in der Straßenbahn den Platz neben einer älteren Frau bekommt, die das zum Anlaß nimmt, den schlimmsten Vorurteilen gegen Ausländer in einer selbstbewußten Tirade Ausdruck zu verleihen? Oder was passiert, wenn ein spießiger Rentner und ein junger Anarchist durch die Umstände zum gemeinsamen Widerstand gegen die bürokratischen Stadtväter gezwungen werden?

Während sich die beiden zuletzt genannten Kurzfilme eher im klassischen Narrativ bewegen, verzichten die restlichen Beiträge weitgehend auf das geradlinige Erzählen und versuchen eine Annäherung an die Spreemetropole anhand assoziativer Bildfolgen und experimenteller Verfahren zu schaffen. In gleich drei dieser Filme steht die Berliner Mauer im Mittelpunkt. In Berliner Blau (1986) von Hartmut Jahn und Peter Wensierski wird sie, noch völlig intakt, zur bunten Kulisse für performanceartige Handlungen, die symbolisch das Trauma der zweigeteilten Stadt abbilden. Ein Jahr später ist Ein-Blick von Gerd Conradt entstanden, der einen direkten Blick vom Westen nach Osten über die Mauer wagt, indem die Kamera zwölf Stunden lang von einem Wohnhaus im westlichen Stadtteil die gegenüberliegende Seite beobachtet. Eine Zusammenstellung vom so gewonnen Material (ein Bild pro Sekunde) wird dann zu einem faszinierenden Filmdokument montiert, das buchstäblich eine grenzüberschreitende Wirkung hat und einen Eindruck von der Isolation, Entfremdung, aber auch Neugier vermittelt, die man in Bezug auf den jeweiligen Nachbarn empfinden müßte. Der Animationsfilm Die andere Seite (2007) von Ellie Land verleiht diesen Gefühlen einen direkteren Ausdruck: Die ehemaligen Mauerkinder berichten im Off über die Vorstellungen und Ängste, die sie in Bezug auf das Leben jenseits der Mauer hatten und die nun in grotesken Bildfolgen nachgestellt werden.

Ralf Schuster dagegen konzentriert sich in seinem ebenfalls animierten Beitrag Einige Zahlen über die Bevölkerung Berlins (1994) auf ein anderes Bauwerk und zwar den Fernsehturm und knüpft damit ironisch an die Megalomanie der aufstrebenden Hauptstadt an, indem er mit Hilfe des höchsten der Berliner Wahrzeichen die Größe seiner Bevölkerung zu verdeutlichen versucht. Viel erdbezogener geht es im letzten Film der Reihe zu, Fliegenpflicht für Quadratköpfe (2004) von Stephan Flint Müller, der die Invasion einer anarchischen Performancegruppe in den urbanen Raum zeigt. Die Werbeplakate, die Verkehrsschilder, die Ordnungshüter – alle »Symptome« der offiziellen Macht werden vereinnahmt und persifliert, denn schließlich will sich jeder über die hierarchischen Strukturen hinweg das Recht auf sein eigenes Berlin erkämpfen!

Es bleibt noch anzumerken, daß die DVD über ein sehr schönes Menü sowie Untertitelfunktionen in mehreren Sprachen verfügt. Ergänzt werden die Filmbeiträge durch kurze Einführungen der verantwortlichen Filmschaffenden bzw. Filmhistoriker – im dazu passenden Berliner Ambiente, versteht sich. 2008-03-03 11:41

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