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Saw

USA 2004. R,B: James Wan. B,D: Leigh Whannell. K: David Armstrong. S: Kevin Greutert. M: Charlie Clouser. P: Burg, Koules, Hoffman. D: Cary Elwes, Danny Glover, Monica Potter, Michael Emerson u.a.
103 Min. Kinowelt ab 8.2.08

BD. Sp: Deutsch (DTS HD 7.1, DTSD 6.1 ES), Englisch (DTS HD 7.1, DTSD 6.1 ES). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph, 1080p. Ex: Diverse Audiokommentare, Featurettes, Behind The Scenes, Kurzfilm, Musikvideos, Alternative Szenen, Spots, Trailer, Easter Eggs.

Die Ästhetik des Drecks

James Wans Saw auf Blu-ray

Von Stefan Höltgen Was den Horrorfilm der Gegenwart unter anderem deutlich auszeichnet, ist sein Verhältnis zum Schmutz – ein Schmutz, der sich grundlegend von jener Dreckigkeit der Horrorfilme der 1970er Jahre unterschiedet, deren Sujets heutige Filme häufig aufnehmen. Wo das Organische, der Verfall und das Abjekte in Filmen wie Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre oder Wes Cravens The Hills Have Eyes noch einen grundlegenden Konflikt zwischen dem zivilisatorischen Selbst und dem barbarischen Anderen zu visualisieren vermochte, scheint der Schmutz in neueren Horrorfilmen ab etwa 2003 (Marcus Nispels The Texas Chainsaw Massacre oder Alexandre Ajas High Tension) eine andere, von ihrem Trägermedium wesentlich weniger stark abhängige Funktion bekommen zu haben. An James Wans Saw von 2004 läßt sich diese Funktion vielleicht am besten nachvollziehen.

In Saw finden sich zu Beginn zwei Männer in einem heruntergekommenen Waschraum wieder. Beide sind mit Ketten an rostige Fallrohre an den gegenüberliegenden Seiten des Raums gefesselt. Im Raum befindet sich neben einer stark benutzt wirkenden Toilette und einer ebenso stark verunreinigten Badewanne eine Leiche auf dem Fußboden, die inmitten einer rotbraunen Blutlache liegt. An der Decke hängen Neonröhren, deren hartweißes Licht den ohnehin dunklen, grauen und braunen Farbtönen des Raums eine kalte Nuance verleiht, deren Anblick allein frösteln läßt. Die Story des Films, der mittlerweile drei Sequels erfahren hat, ist hinlänglich bekannt: Die Männer, die ihr Leben selbst nicht mehr zu schätzen wußten, müssen ein »Spiel« spielen, dessen Regeln ein krebskranker Serienmörder aufgestellt hat und das sie an den Rand ihres Verstandes führt. Am Ende kommen beide um, weil sie die Beschaffenheit des Raumes und seiner »Ausstattung« falsch eingeschätzt haben.

Saw ist nun von Kinowelt auf Blu-ray erschienen. Blu-ray ist das Nachfolgeformat der DVD und ist vor allem dadurch gekennzeichnet, daß es über eine etwa viermal so hohe Bildauflösung und wesentlich mehr Speicherplatz als das Vorgängermedium DVD verfügt. Diese Tatsache scheint einen Film wie Saw, der ja gerade nicht durch hochartifizielle, bunte und kontrastreiche Settings bestimmt ist, auf den ersten Blick nicht zu einem prädestinierten Inhalt für das Format zu machen. Und doch ist es gerade die aseptische Schmutzigkeit von Wans Film, der die Hochauflösung sehr entgegen kommt. War der Horror der 1970er Jahre wie oben noch gesagt, durch einen »authentischen« Schmutz gekennzeichnet, so ist in Filmen wie Saw der Dreck nur noch eine Allusion daran, in seiner Verteilung und als dramaturgisches Hilfsmittel überaus künstlich, ja, hyperrealistisch. Die Patina, mit der alles in jenem Waschraum überzogen ist, gehört zum diegetischen Spiele-Setting, ist eine Reflexion über das Wesen des Horrorfilms, macht den Inhaftierten, die ja eingesperrt sind, gerade weil sie sich über die Fairnisse des Lebens und Sterbens erhaben fühlen, klar, daß sie sich in einem Horror-Setting befinden, in welchem die Regeln der normalen Welt keine Gültigkeit besitzen.

Nachvollziehen ließ sich diese selbstreflexive Dramaturgie bereits auf den Vorgängermedien, auf denen Saw zu sehen gewesen ist: im Kino und auf DVD. Neu und gewinnbringend an der Blu-ray-Präsentation des Films ist hingegen, daß der Film nun eine dispositive Entsprechung gefunden hat, die den Konflikt zwischen Horrorwelt und Normalität auf ihrer Oberfläche verhandelt. Im Kino war man zu sehr von der Größe und der Ausnahmesituation des Kinosaals gefangen; auf DVD ist der Film so »klein« wie jeder andere auch und spendet Trost durch die doch noch vorhandenen minimalen optischen »Stolpersteine«. Aber egal, wie genau man bei der Blu-ray auch hinschaut, man kann sich an keinem Detail des Films mehr stoßen. Es gibt keine Kompressionsartefakte, keine Blockbildungen oder Verlaufskonturen, über denen der Blick straucheln und von der sich die vielleicht allzu stark affizierte Rezeption distanzieren kann. In High Definition bleibt das Betrachterauge förmlich an den Details kleben, verliert sich in der unendlich fein ziselierten Schönheit des Drecks, läßt vielleicht sogar die allzu bekannte Erzählung des Films hinter sich und entdeckt dann jenen Horror, der in der hyperrealistischen Künstlichkeit des Schmutzes liegt. Saw auf dem neuen Medium zu sehen, entlockt dem Film noch einmal ganz neue und andere Facetten und Qualitäten und macht vielleicht deutlich, worin die Tortur des »Torture Porn« wirklich liegt: Es ist eine Tortur der Sinne, die gar keine originelle Erzählung mehr benötigt, um sich in den Untiefen der Häßlichkeit zu verlieren. 2008-02-25 13:28

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