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Shoah

F/ PL 1985. R,B: Claude Lanzmann. K: Dominique Chapuis, Jimmy Glasberg, William Lubtchansky. S: Ziva Postec, Anna Ruiz. P: Historia, Les Films Aleph.
566 Min. absolut Medien ab 13.10.07

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Keine.

Der Spurentilgung auf der Spur

Von Sven Jachmann Die deutsche Vergangenheitsbewältigung besitzt zahlreiche Kulminationspunkte, deren Kitt aus der Versöhnung des Unversöhnlichen seine bruchlose Konsistenz speist: sei es der Historikerstreit oder die Walser-Affäre, der Kniefall von Bittburg oder Möllemanns Israelattacken, Hitler – Eine Karriere oder Der Untergang, der Kosovo-Krieg oder das Zentrum gegen Vertreibung – die Kultur Deutschlands hat in Bezug auf den Nationalsozialismus viele Exempel der Schuldfrage hervorgebracht, deren Grundlagen eigentlich einem einzigen Effekt dienen: die Differenz zwischen Tätern und Opfern einzuebnen. Unumstößliche Grenzen freilich, und Lanzmanns Film erhärtet ihre Säulen, indem er sich auf die Suche nach dem begibt, was ihre Chance und größte Gefahr zugleich darstellt: den Spuren der Vergangenheit im Gegenwärtigen.

Spuren finden sich überall: die saftig grünen Wiesen im anliegenden Wald von Chelmno, unter denen die Asche tausender ermordeter KZ-Insassen begraben liegt; der Rangierbahnhof Auschwitz, welcher nun und weiterhin für den geregelten Schienenverkehr genutzt wird; das unauffällige Schild am einstigen Zwischenbahnhof Treblinka, wo der polnische Lokführer mit der Geste des Halsabschneidens den Deportierten zeigte, daß sie hier nur noch den Tod zu erwarten haben; selbst dem am Lkw prangenden Firmenschild Saura auf der Autobahn in Duisburg ist die Mittäterschaft des Konzerns bei der Produktion und ihrer Optimierung der für die Endlösung benötigten Gaswagen eingeschrieben. Es sind Orte und Zeichen, die ihre Vergangenheit scheinbar mühelos abgetragen haben.

Die Arbitrarität von Signifikant und Signifikat wird hier, und vielleicht nur hier, zum grausamen Januskopf: Wenn Simon Srebnik, der als 13Jähriger die Ermordung seiner Eltern miterlebte und als einziger das Lager Chelmno überlebte, gedankenverloren über die besagte Waldwiese wandelt, dann wissen wir, daß er buchstäblich das Grab seiner Eltern betritt. Wenn Abraham Bomba in einem Salon seine damalige Aufgabe als Friseur in Auschwitz beschreibt, dann wissen wir, daß das Aufbrechen der hierin eingeübten Monotonie in den schrecklichsten Augenblicken den unvermeidlichen Tod für wenige Minuten hinauszögern konnte. Dies ist Lanzmanns Methode der Spurensuche: Bomba erzählt, wie er den Frauen unmittelbar vor ihrem Weg in die Gaskammern die Haare schnitt. Panikgefühle bei den Opfern hätten den Rhythmus des Betriebs gestört, deswegen mußte er sorgfältig, aber effizient vorgehen. Wer ordentlich zurechtgemacht wird, kann unmöglich anschließend getötet werden, so die Suggestion. Bis eines Tages eine gute Freundin und ihre Tochter vor ihm saßen. Nackt, ängstlich fragend, was denn nun mit ihnen geschehe. Eine Antwort konnte er ihnen nicht geben, der SS-Mann hinter ihm hätte keine Gnade gekannt. Zuvor hatte bereits ein anderer dieses Schweigegebot mißachtet, als plötzlich seine Frau vor ihm saß. Sie wurden beide bei lebendigem Leibe ins Feuer der Krematorienöfen geworfen. Alles, was Bomba also blieb, war eine etwas größere Sorgfalt beim Frisieren. Eine Minute vielleicht, in der jede Sekunde die letzte Möglichkeit zum Widerstand für einen ehrenvollen Abschied bedeutete. An diesem Punkt bricht er in Tränen aus, will das Interview beenden. Lanzmann insistiert, er müsse sprechen, er müsse es einfach. Von der zuvor geradezu einstudiert wirkenden Rolle Bombas als nüchterner Erzähler, der mit kräftiger, selbstsicherer Stimme von den grauenvollsten Erlebnissen berichtet, ist nichts mehr übrig. An anderer Stelle sehen wir Simon Srebnik vor einer Kirche inmitten der polnischen Dorfbewohner, die sich noch zu gut an den jüdischen Jungen erinnern können, wenn er allmorgendlich den SS-Männern auf dem Boot ein preußisches Volkslied vorzutragen hatte. Was für eine schöne Stimme. Und immer trug er Fußketten. Ein lieber Junge, alle mochten ihn. Lanzmann fragt, ob man die Juden vermissen würde. Es geht nun allen gut, lautet die Antwort. Ob man hier in der Kirche die jüdischen Dorfbewohner zusammengerottet hätte. Ja, heißt es, alle hatten Taschen und Koffer dabei. Darin befand sich ihr letztes Hab und Gut. Töpfe mit doppeltem Boden, in denen sie ihr Gold versteckt hätten. Nach wenigen Minuten wird der Antisemitismus wieder manifest. Schließlich ergreift der Priester das Wort. Ein Rabbi hätte ihm gesagt, daß ihre Vernichtung die göttliche Strafe für die Juden sei. Sie haben Christus ermordet. Mit verschränkten Armen und um Haltung bemühter Miene ist Srebnik wieder der 13jährige Junge, an dem sich ein weiteres Mal der Wille zur Auslöschung vollzieht. Er wird verbal vernichtet, und niemand scheint es zu bemerken.

Szenen wie diese sind auch für den Zuschauer nur schwer zu ertragen, aber an ihnen verdichtet sich fast programmatisch das, was Lanzmann zu beabsichtigen sucht: Es gibt keine Musikuntermalung, auch keine Archivaufnahmen von aufgehäuften, toten Leibern. Die Menschen erzählen nicht von ihren Mühen und Strategien des Überlebens in der Todesmaschinerie. Stattdessen werden sie zur letzten Stimme der Toten, und Lanzmann inszeniert seine Protagonisten nun so, daß sie für uns über die Konfrontation mit Orten und Handlungen qualvoll bezeichnen, was das ideengeschichtliche Programm Endlösung über die Vernichtung hinausgehend immer auch mitbedeutete: Spurentilgung.

Raul Hilberg erläutert, inwiefern die Nazis geringe Fantasie aufwenden mußten, um dieses Programm durchzuführen. Ghettoisierung, Enteignung, Zwangsassimilation besitzen eine tausendjährige Geschichte, aus deren Arsenal man sich leicht bedienen konnte. Das wirklich neue offenbart sich in dem Ziel der totalen Auslöschung: Aus »Ihr sollt nicht als Juden unter uns leben« wurde »Ihr sollt nicht unter uns leben«, bis es im Nationalsozialismus lautete: »Ihr sollt nicht leben«. Und dieses Novum implizierte organisatorische Fragen: Was sollte mit dem Besitz der Opfer getan werden, wie ließ sich ihre Vernichtung logistisch am effizientesten umsetzen, und wie konnte man es bewerkstelligen, dies alles unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle der restlichen Welt zu vollziehen? Hierfür gab es keine Vorbilder. Es ist kein Zufall, daß bis heute kein Dokument ausfindig gemacht wurde, in dem explizit von der Auslöschung der Juden die Rede ist.

Das Projekt Spurentilgung setzt sich im Gegenwärtigen fort, an allen Orten, die ihrer grausigen Vorgeschichte bereits enthoben wurden, in aller Souveränität und Rationalität, mit der die Opfer versuchen, ihre Erlebnisse noch irgendwie lebbar zu verarbeiten. Lanzmann nimmt sich alle Zeit, die es braucht, um das Unsägliche in Worte zu fassen, und in den minutenlangen Sprechpausen scheint immer wieder die Ahnung durch, daß keine Sprache dazu in der Lage ist, diese Aufgabe zu stemmen. Die Suche nach den Worten, ihre Intonation, das gestische Vortragen, die Abwesenheit der Bilder, die paradoxerweise erst durch Lanzmanns Bilder bewußt wird, all diese Elemente können nur Annährung an das sein, was nicht beleuchtet werden will, ob als zivilisatorisches Verbrechen oder als traumatische Erfahrung. Jeder Versuch bleibt Platzhalter, aber gerade daraus bezieht die Kamera ihre schreckliche Wirkung, wenn sie etwa im Schrittempo aus der Subjektiven einen Waldweg abfährt und uns die Stimme auf der Tonspur mitteilt, daß die Gaswagen ein bestimmtes Tempo nicht überschreiten durften, um sicherzustellen, daß bei der Ankunft am Zielort Massengrab mit keinem Überleben der während der Fahrt vergasten Juden zu rechnen sei. Platzhalter ist auch die versteinerte Miene, das verlegene Lächeln der Protagonisten, deren Gesichter in Nahaufnahme das Bild füllen. Das Gesicht und das Wort legen pars pro toto Zeugnis von der Vernichtung ab, erlauben ein Gefühl für die Identität der entindividualisierten, gesichtslosen Opfer und sind doch zugleich von einer verwirrenden Abwesenheit bestimmt, dem Versuch, die Erfahrung zur Nicht-Erfahrung zu transformieren. So wie auch die abgefilmten Orte »Nicht-Orte der Erinnerung« (Lanzmann) sind.

Die Sprache der Täter indes braucht kaum Bilder, um ihrer Verhärtung und immer noch präsenten Logik der Vernichtung überführt zu werden. Die meisten wollen anonym bleiben, die wenigsten gefilmt werden. Lanzmann stimmt zu, blendet anschließend die Namen ein, gelegentlich erfaßt die Kamera auch ein Straßenschild. Die versteckte Kamera gewinnt einen schemenhaften Ausdruck ihres Antlitz, fast so, als sei ihr Versuch der Spurenverwischung bereits erreicht. Keiner hatte etwas gewußt. Selbst der Assistent des Kommissars des Warschauer Ghettos besteht darauf, hunderter Tote täglich zum Trotz, für die Erhaltung des Ghettos zuständig gewesen zu sein. Der Mensch vergesse die guten Dinge nicht, die schlechten dafür umso schneller, versucht er sein lückenhaftes Gedächtnis zu erklären. Claude Lanzmanns Film zeigt eindrücklich, welche unterschiedlichen Motive für diese unterschiedlichen Verdrängungsleistungen vonnöten sind. Die Opfer müssen vergessen, der Täter will es bloß. 2008-02-01 15:53

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