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Cannibals – Welcome to the Jungle

Welcome to the Jungle. USA 2007. R,B,K: Jonathan Hensleigh. K,S,D: John Leonetti. P: Bauer Martinez Studios, Valhalla Motion Pictures. D: Sandy Gardiner, Callard Harris, Richard B. Morris u.a.
79 Min. Galileo Medien ab 25.4.08

Sp: Deutsch (DD 5.1, DD 2.0), Englisch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Featurettes, Trailer.

Die Amerikanisierung des Dschungels

Von Sven Jachmann Die zeitgenössische Renaissance des Splatterfilms drückt sich nicht bloß in der schlichten Entität zahlreicher Neuinterpretationen der klassischen Gattungsvertreter aus, sondern geht auch einher mit einer sukzessiven Transformation der ihnen zugrundeliegenden Sujets und Motive, der man mit neuen Kategorisierungsversuchen, wie etwa dem sogenannten »Torture Porn«, beizukommen versucht. Cannibals – Welcome to the Jungle ist kein genuines Remake, dennoch drängt sich der Vergleich zu Ruggero Deodatos 1980 enstandenen Kannibalenfilm Cannibal Holocaust förmlich auf: Hier wie dort begibt sich eine Gruppe, in diesem Fall zwei sehr gegensätzliche adoleszente Pärchen, in die Tiefen des Dschungels; hier wie dort sind sie Vertreter westlicher Hegemonialmächte, angetrieben nicht nur vom Willen, ein Geheimnis zu lüften, sondern auch aus dessen Aufklärung entsprechendes Kapital zu schlagen, und hier wie dort bekommt der Zuschauer das quasi unverfälschte Destillat dieser Expedition präsentiert: nämlich die unbearbeiteten Aufnahmen des verschollenen Grüppchens, obgleich ungeklärt bleibt, wie dieses Rohmaterial in die Hände eines findigen Produzenten gelangen konnte, um einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Die Differenzen zeitigen sich allerdings bereits an den mutmaßlichen Ähnlichkeiten des Plots und seiner Stilisierung: Die beiden Pärchen sind keine Wissenschaftler, die das Andere, Naturwüchsige und deshalb zu Kolonisierende im unerschlossenen Territorium zu finden hoffen, sondern leicht zu begeisternde Mittzwanziger, denen vor allem der schnelle Ruhm und noch mehr das schnelle Geld vorschweben, nachdem sie vom mysteriösen Verschwinden Michael Rockefellers in Neuguinea, immerhin ein Sprößling des US-Vize-Präsidenten Nelson Rockefeller, unterrichtet wurden, der scheinbar eingeborenen Kannibalen zum Opfer gefallen ist. Aber auch die Authentifizierungsstrategie, die behauptete Echtheit des Filmmaterials und seine Aufbereitung, wandelt sich von einer Beobachterposition zweiten Grades in den unmittelbaren Blickwinkel: In Cannibal Holocaust filmt sich ein Forschergruppe selbst bei der Suche nach den Hinweisen auf das Verschwinden einer zuvor ausgezogenen Forschergruppe, welche im brasilianischen Urwald das Leben eines mutmaßlichen Kannibalenstammes dokumentieren wollte. Nachdem das Filmmaterial ausfindig gemacht wird und der dokumentarische Blick ersten Grades bereits drastisch die Existenz der Kannibalen unter Beweis gestellt hat, folgt nun die Perspektive zweiten Grades: die Sichtung des vorgefundenen Filmmaterials, in dem sich die Anthropologen enthemmten Schlächtern gleich herrisch an ihrem Objekt verlustieren: Folternd, mordend und vergewaltigend drängen sie das Andere auf seine zu kolonisierende Position, bis die blutige Rache, das finale Gefressenwerden, erfolgt. »Now we know, who the real cannibals are«, spricht es zum Schluß ein verstörter Kollege stellvertretend für den nicht minder verstörten Zuschauer aus, und der Kapitalismus-Diskurs lugt bereits um die Ecke.

Der wird in Cannibals – Welcome to the Jungle nicht unterbunden, jedoch zeitgenössischer Seherfahrung angepaßt; es braucht scheinbar keine zwischengeschaltete Instanz mehr, weder um die Authentizität des Gezeigten zu untermauern, noch um es kritisch zu kommentieren. Denn wie in The Blair Witch Project wird das Material unbearbeitet, also »unverfälscht« präsentiert, aber dennoch wird dieser Eindruck von einer personalen Erzählerinstanz beständig torpediert. Zu viele unlogische Schnitte verweisen auf die Künstlichkeit des Produkts (genauso wie die Akteure selbst, wenn sie regelmäßig die Kamera untereinander weiterreichen), zu viele Momente werden von der Kamera erfaßt, in denen jeder überlebensympathisierende Mensch nur noch seine Füße in die Hand nehmen oder zumindest endlich das Handtuch resp. die Kamera werfen würde. Was echt sein könnte, diktiert einzig nur noch die Wahrnehmung der medialen Materialität, nicht derjenige, der sie auch noch verbalisieren muß, und diese Wahrnehmung ist nunmal nach 27 Jahren Cannibal Holocaust wesentlich geschulter.

So setzt sich die Spaltung der Perspektivierung, im Gegensatz zum Vorbild, gruppenintern fort: Rationalität vs. Hedonismus wird nun nicht mehr über zwei Forschergruppierungen verhandelt, sondern bereits im Kern verortet: Die hier präsentierte Gruppe bricht auseinander, nachdem das Hedonistenpärchen, lange Auseinandersetzungen über die spontan beschlossene Expedition vorausgehend, die Schnauze voll hat, den Proviant raubt und auf eigene Faust die Suche nach Rockefeller fortsetzt, wohingegen das Rationalistenpärchen zunächst erstmal mit der Suche nach dem Hedonistenpärchen beschäftigt ist, bevor es ebenfalls getötet wird. Diese unterschiedlichen Verläufe sind denn auch von den Kameras exakt aufeinander abgestimmt, will meinen, nach dem Überfall auf das erste Pärchen, setzt die Kamera des zweiten ein.

Und an dieser Stelle wird die Spaltung, die bisherig vielleicht plotimmanent erscheinen mochte, genremanifest: Genaugenommen haben wir es mit einem Hybrid, möchte man den »Torture Porn« denn als Subgenre anerkennen, zu tun: Im Gerüst des Kannibalenfilms schleicht sich der »Torture Porn« ein, und trotzdem referieren beide nicht mal entfernt in ihrer Präsentationshemmung auf die Kernelemente des jeweiligen Typus. Keine Folterungen, keine obligatorischen Freßszenarien, nirgendwo. Stattdessen: amerikanisch konnotierte Jugendliche im Urwald der Menschenfresser, deren Beschaffenheit ihren forschungsfreudigen Vorgängern indes in nichts nachsteht, obgleich bzw. weil ihre Herkunft scheinbar die Hybris diffus begleitet: Grenzkontrollen werden mit einem lapidaren »I’m an American« quittiert, und das ist in etwa dasselbe Un- bzw. Selbstverständnis, welches schon in Hostel die Figuren in die Bredouille trieb. Die Party wird also in den Dschungel verlagert, und sollte sie noch etwas Geld abwerfen, umso schöner, aber hierzu braucht es kein anthropologisches Erkenntnisinteresse mehr, sondern lediglich eine imaginierte Unantastbarkeit, derer es in der Vorstellung der Figuren wohl einzig bedarf, um die Figur Rockefellers ausfindig zu machen. Aus organisatorischer Sicht jedenfalls kann das Vorhaben nur den sicheren Tod bedeuten: Die Nahrungsmittel sind auf ein Minimum beschränkt, auf einen Dschungelführer wurde verzichtet, und der Sonnenaufgang ist gleichbedeutend mit Katerstimmung. Was die Gruppe antreibt, ist ihr scheinbar unbeirrbarer Glaube, schon allein über die Rückversicherung ihrer nationalen Identität keiner Gefahr ausgesetzt zu sein.

Anders gesagt: Dem Dschungel droht nicht die globale Verdinglichung, sondern eine Amerikanisierung. Das Vergehen der Jugendlichen ist nicht ihre rationalistische Perspektive auf das Fremde, sondern die Perspektive ihrer Herkunft, und das erklärt dann auch die rückhaltenden Schauwerte des Films: Daß ihre Abstrafung nicht graphisch erfaßt wird, mag dann das rächende Äquivalent zur von ihnen drohenden lebensweltlichen Okkupation sein. So wird dem Körper durch Marter nicht mehr Identität zugeschrieben, sondern er verschwindet, wird vom Dschungel unsichtbar verschlungen, so wie sich spiegelbildlich die Dominanz eines Lebensstils unsichtbar vollzieht. Ob dies nun allerdings beißenden Sarkasmus oder schnöden Konservatismus bedeutet, will noch entschieden werden. 2008-01-21 13:34

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