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Jean-Luc Godard Collection No. 2

Weekend (F/I 1967), Maria und Joseph (F/CH 1985).
203 Min. UFA ab 13.11.06

Sp: Deutsch (DD 2.0 Mono), Französisch (DD 2.0 Mono). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild, 1.66:1 anamorph. Ex: Trailer.

Je vous salue, Jean-Luc

Von Eleonóra Szemerey Obwohl gerade einmal zwei Wochen nach Erscheinen der ersten erfreulicherweise schon die zweite Godard-Sammelbox von Tobis und Ufa folgte, ist es seither verdächtig still geblieben um die Kollektion. Daß die No.3 nun schon seit fast einem Jahr aussteht, ist schade, paßt aber irgendwie zu der eher chaotischen Annäherung der beiden bisherigen Publikationen ans Werk des Auteur. Ähnlich verwirrend wie im Falle der ersten ist auch die Zusammenstellung der zweiten Box, wobei die Filme auf dieser »lediglich« knapp 20 Jahre auseinanderliegen und »lediglich« eine Schaffensphase unkommentiert überspringen. Was Weekend auf der einen und Maria und Joseph inklusive Anne-Marie Miévilles Kurzfilm Das Buch der Maria auf der anderen Platte verbindet – außer der schicken Verpackung und der Tatsache, in Deutschland zuvor noch nicht auf DVD erschienen zu sein? Nun ja. Sagen wir: die stilistische und inhaltliche Komplexität sowie die kompromißlose Ehrlichkeit der beiden doch sehr unterschiedlichen Filme.

Weekend ist wohl der aggressivste gesellschafts- und selbstkritische Essay Godards und sein letzter Kinofilm vor den Pariser Maiereignissen von 1968 sowie seiner anschließenden Videophase. Im Gegensatz zu dem, was der Titel suggerieren mag, bietet er alles andere als Zerstreuung und Entspannung, vielmehr verstört und quält er bewußt und beharrlich, stellt sich selbst, seinen Bildern und Tönen, seinen Protagonisten und Zuschauern eine dringliche Frage nach der anderen, ohne sie jedoch abschließend beantworten zu können. Weekend läßt den Zuschauer erschöpft zurück.

Dabei beginnt er nahezu klassisch, mit der Vorstellung des wohlhabend gelangweilten Ehepaars Corinne und Roland, die lediglich ein gemeinsames Interesse daran hindert, sich gepflegt gegenseitig umzubringen: das Geld von Corinnes Vater. Um dieses zu bekommen, fahren die Beiden an einem Samstagvormittag los, wagen sich aus der Stadt aufs Land und müssen miterleben, wie sich an einem »motorisierten Wochenende« Zeit und Raum um sie in Gewalt und Chaos auflösen. Die zunehmend absurden Auswüchse der französischen Konsumgesellschaft der 1960er Jahre schleudern gerade ihre treuesten Vertreter zuerst aus ihrem geliebten Auto, dann aus dem begonnenen Plot und schließlich den Film selbst aus jeglicher chronologischen oder kausalen Konvention. Sichtlich verzweifelt und doch erbarmungslos schleift Godard seine Figuren durch ein blauweißrotes Inferno, in dem die vermeintliche Zivilisation implodiert zu sein scheint; er läßt sie durch Begegnungen mit Kunst und Kultur, mit Geschichte und Politik ihre Selbstsucht und Ignoranz beweisen und die (selbst-)zerstörerische Barbarei der Bourgeoisie schließlich im nicht minder blutrünstigen Mao-Hippie-Widerstand ersticken. Dabei zerfällt der Film in zunehmend groteske Fragmente mit Gedanken über Politik und Moral; in exzentrische Bilder, die in einer knapp zehnminütigen Parallelfahrt und einem dreifachen Kreisschwenk kulminieren; in Töne, die die schrille Kakophonie des modernen Lebens schmerzhaft authentisch wiedergeben; und in tiefsinnig widersinnige Zwischentitel, die »von der französischen Revolution zu gaullistischen Weekends« überleiten, den Film als einen »auf dem Schrotthaufen« gefundenen charakterisieren und zuletzt das »Ende des Kinos« verkünden. Die eigensinnige Montage zerstört und stiftet Sinn, der Auteur gönnt sich keine Atempause auf seiner Suche nach der Wahrheit hinter dem Sicht- und Hörbaren, und der Zuschauer stolpert erschöpft hinterher – über brennende Autoleichen, brennende Schriftstellerinnen, brennende Zweifel. Während Godard seine Ansicht, daß die kapitalistische Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist, unmißverständlich klarmacht, entwirft er in Weekend keine Gegenwelt mehr: Er läßt zwar Mozart und Malcom X Seite an Seite mit kulturkritischen Müllmännern und kannibalistischen Kommunisten zu Sprachrohren der Ängste und Sehnsüchte seiner Zeit werden, läßt aber auch die eigene Ohnmacht und Desorientierung durchscheinen und die Welt schließlich in Perspektivlosigkeit und Zynismus untergehen. Ein konsequentes Ende für eine explosive Kollage, in der Sinn nicht mehr von Horror zu unterscheiden ist.

In den Folgejahren zieht er sich ähnlich radikal auf die Videoarbeit zurück, wie er sich und seine Gedanken zuvor in seinen Filmen exponiert hatte – macht durch die (vorerst) endgültige Dekonstruktion der Story auch seinem Kino als solchem ein Ende. Erst nach Jahrzehnten und nur schrittweise kehrt er mit seinen Essays auf die Leinwände zurück. Aus dieser Zeit stammen die Filme der zweiten DVD. Mit Maria und Joseph (welch unpassende Übersetzung der Rosenkranz-Gebetszeile »Je vous salue, Marie«) liefert die Kollektion ein schon vor seiner Premiere 1985 höchst umstrittenes Godard-Werk: Denn auf den ersten Blick bietet er gerade im Vergleich zu den analytischen Videos durchaus genug konventionelle Anreize – wie einen zwar episodischen, aber doch in sich schlüssigen Plot, attraktive Darsteller und ansprechende Naturfotographie – um den »ahnungslosen« Zuschauer ins Kino zu locken und ihn sodann mit seiner unorthodoxen Herangehensweise an die Geschichte der jungfräulichen Empfängnis zu schockieren oder gar vom Glauben abzubringen. So waren nicht nur aufgebrachte Cannes-Besucher und katholische Moralaktivisten, sondern auch Papst Johannes Paul II höchstpersönlich schnell zur Stelle, um den »ahnungslosen« Zuschauer vor dem Kinoketzer zu beschützen. Sie verurteilten und verboten seinen Film und sprachen gemeinsam Gebete, um die beleidigte Jungfrau zu versöhnen.

Weniger Aufregung gab es um den ersten Teil der Kompilation, um Miévilles Das Buch der Maria. Anders als Godards Beitrag behandelt ihr Kurzfilm ein durch und durch säkulares Problem und zeichnet besonders feinfühlig nach, wie die kaum mehr als zehnjährige und doch so erwachsene Marie die Trennung ihrer Eltern emotional verarbeitet. Die Regisseurin übersetzt familiäre Dissonanzen in asynchrone Bild-Ton-Kollagen und desorientierende Montagesprünge; Momente der Harmonie gestaltet sie hingegen als barocke Stilleben oder Genrebilder und unterlegt sie mit Chopins Klavierkonzerten. Der innere Kampf des äußerlich überraschend gefaßten Mädchens manifestiert sich in drei Schlüsselszenen, in denen Miéville großes Verständnis beweist: einer fingierten, potentiell tödlichen Augenoperation am Frühstückstisch, dem Rezitieren unheilvoller Baudelaire-Zeilen vor unsichtbarem Publikum und einem ausgedehnten, expressiven Tanz zu einer Mahler-Symphonie. Das Buch der Maria endet viel zu bald in einer geradezu godardesken, zwischen banaler Gegenständlichkeit und großem Mysterium schwankenden Detailaufnahme: Nachdem sie ihr Abendessen Beethoven singend und messerschwingend dirigiert hat, bricht Marie in einer bedeutungsschwangeren Geste ein Ei an und nimmt somit die runden Motive des nachfolgenden Films vorweg.

Eines dieser Motive, der Basketball, gehört zu den zahlreichen Steinen des Anstoßes zeitgenössischer Maria und Joseph-Kritik, denn Godard entwirft eine ganz in ihrer Entstehungszeit verankerte Jungfrau: Sie ist Tochter eines Tankstellenbesitzers, geht mit einem Taxifahrer namens Joseph und treibt zu allem Übel auch noch Sport. Die grundlegende Geschichte dürfte bekannt sein – ihre Ausgestaltung hingegen überrascht: Wer hätte sich Erzengel Gabriel schon als derbst fluchenden, prügelnden Turnschuhträger vorgestellt, der dauernd seinen Text vergißt? Godards wohl spirituellster Film pflegt trotz biblischen Themas die gewohnt radikale Meditation; von der ersten Szene an geht es um Sprache und Bedeutung in gleichem Maße wie um Außerirdische und Scheiße. Durchdacht werden das Verhältnis von Leib und Seele, von Einheit und Fragmentierung, von Glaube und Zweifel; Erleuchtung und Demut sind ebenso Themen wie das Mysterium der Empfängnis, Sein und Nichtsein. Wieder einmal vereint der Auteur das Profane mit dem Göttlichen, das Ernste mit dem Komischen, scheut in seiner nervösen Energie weder vor Selbstironie noch vor Paradoxien zurück, um den Antworten auf die altbekannten und neu gestellten Fragen näherzukommen. Neben höchst gegenständlichen Bildern weiblicher Nacktheit und Fruchtbarkeit befragt Godard atmosphärische Aufnahmen von Himmelskörpern und Landschaften, feiert und reflektiert seine Rolle als Voyeur und Regisseur in verräterischen Perspektiven, montiert unmögliche Blickwechsel und läßt Sätze wie »Vater und Mutter müssen sich auf mir zu Tode ficken, dann wird Luzifer sterben« mit Bibelzitaten aus dem Mund des jungen Jesus aufeinanderprallen.

Wie verstörend Maria und Joseph bei erster Betrachtung auch sein mag, so nimmt er die Problematik der biblischen Geschichte doch unvergleichlich ernster und geht sie viel ehrlicher an, als es manch ein biblisch angehauchter Feelgood-Ausstattungsfilm um die Geburt Christi tut. Und gewährt dem göttlichen Geheimnis in einem vieldeutigen Schlußbild die gebührende Unergründlichkeit: Mit einer leinwandfüllenden Detailaufnahme von Marias lippenstiftrotem, geöffnetem Mund, der nur undurchdringliche Schwärze preisgibt, entläßt Godard seine Zuschauer nach einem narrativ wie symbolisch geöffneten Ende zu ihren eigenen Gedanken über physische und metaphysische Mysterien. 2007-11-07 13:11

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