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Tideland

GB/CDN 2005. R,B: Terry Gilliam. K: Nicola Pecorini. S: Lesley Walker. M: Jeff Danna, Mychael Danna. P: Capri Films Inc., Recorded Picture Company. D: Jodelle Ferland, Janet McTeer, Brendan Fletcher, Jeff Bridges, Jennifer Tilly u.a.
120 Min. Concorde ab 25.10.07

Sp: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Audiokommentar, Dokumentation »Getting Gilliam«, Making of, Deleted Scenes, Behind the Scenes, B-Roll, Infos zu Cast & Crew, Fotogalerie, DVD-ROM-Part.

Zwischen Schönheit und Groteske

Von Sven Jachmann Terry Gilliams Figuren sind Meister der Verdrängung. Ob gepeinigt von Schuld, diffusen Selbstsinnsuchen oder unwirtlichen Realitäten sind sie doch meist gezwungen, ihr Heil in der Fantasie zu finden. Wenn der duckmäuserische Angestellte Sam Lowry in Brazil sein Glück erträumen muß, um den Repressalien eines totalitären Staates zu entfliehen und seine vermeintliche Bestimmung zu finden, die letztlich gar keine ist, oder Baron Münchhausen im »Zeitalter der Aufklärung« unter Bombenhagel, seiner zutiefst realen Kehrseite, vor einem verängstigten Publikum all seine Lügengeschichten zum Besten gibt, dann reiht sich das junge Mädchen Jeliza-Rose, die Hauptfigur aus Tideland, mit ihrem unumstürzbaren Willen zur Weltflucht in diese Phalanx der Gilliamschen Träumer nahtlos ein.

Die Gründe sind mehr als einleuchtend: Hat man erstmal verdaut, wie pragmatisch sie den Drogentod ihrer Mutter übersteht, nur um wenige Filmminuten später, nachdem sie mit ihrem Vater in das verfallene Farmhaus ihrer Großmutter geflohen ist, die scheinbar ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilt, nach einer weiteren Überdosis auch seinem Ableben beiwohnen zu müssen, allein und mitten in den Weiten der frühherbstlichen Felder, bleibt nichts mehr als irritiertes Verständnis für ihre pathologischen Akte: der Anthropomorphisierung ihrer drei Freunde, abgetrennte Puppenköpfe, die allesamt im Laufe des Films verlustig gehen werden; der Vereinnahmung der Leiche des Vaters, die beständig vor sich hinfault, später gar konserviert, aber eben auch dennoch als Ansprechpartner fungieren wird; ihrer stetigen Lektüre und teilweise wörtlichen Zitation aus Carrolls »Alice in Wonderland« und der kruden Liaison mit dem erwachsenen und geistig behinderten Bruder der verrückten Hutmacherin. Natürlich gibt es keine verrückte Hutmacherin, sondern lediglich zwei entrückte Charaktere, die als einzige Nachbarschaft hier ihr mehr als klägliches, weil vereinsamtes Dasein fristen. Nämlich ein Geschwisterpaar, er, Dickens, mißhandelt, sie, Dell, misanthropisch, cholerisch und nekrophil veranlagt. Eine gebrochene Existenz im Tideland, die alles, was sie verlieren könnte, zwanghaft ausstopfen muß. Und das betrifft nicht nur Tiere, sondern auch Jelizas Vater, Dells früheren Geliebten, wie sich herausstellen wird, genauso wie Jelizas Großmutter.

Der Film folgt nun permanent ihrer Perspektive. Ständig wird die schäbige Realität mit Jelizas Fantasie kontrastiert. Und das provoziert immer wieder das Gefühl der radikalen Beklemmung: Wie schlimm ist der Verlust einer eben bloß imaginären Freundin, wie gesagt ein abgeschnittener Puppenkopf, zu werten, wenn er in ein Erdloch stürzt? Was soll man von einer irgendwie romantisierten Beziehung zwischen einem unbedarften Kindmann und einem mental völlig ihrer Fantasie überantworteten Mädchen halten, wenn ihre Zweisamkeit langsam an die Grenzen der Pädophilie stößt? Wenn Dickens seinen streng gehüteten Sprengstoff präsentiert, mit dessen Hilfe endlich der gefräßige Schienenhai, in Wirklichkeit nichts mehr als jene Bahnschienen, die Jeliza überhaupt erst in diese Einöde führten, seiner Schranken verwiesen werden soll? Oder anders gefragt: Wieviel kindliche Imagination kann der Rezipient ertragen, wenn abzusehen ist, daß all das Präsentierte keinen guten Ausgang nehmen wird?

Gilliam wäre nun nicht Gilliam, würde er nur schlicht ein Panoptikum des Wahns entwerfen. Der Bruch mit der geschulten Wahrnehmung der Realität scheint hier inszenatorisches, narrativisches, in letzter Instanz auch poetologisches Prinzip: die Kamera meist schräg und dabei leicht tänzelnd, als würde sie fortwährend einen Kampf zwischen Schönheit und Groteske ausfechten; der Plot manchmal zu zerfranst, geradezu hilflos, jedenfalls keine gute Orientierungshilfe für die Suggestion eines funktional sortierten Handlungsverlaufs, der immer wieder an den Kern der Geschichte erinnern läßt; die Freiheit und Schönheit der Natur, die sich dichotomisch zur Enge und dem Verfall des Landhauses verhält, Jelizas Fantasie zu erweitern hilft, gleichzeitig aber auch ihre Einsamkeit ausdehnt – all diese Elemente stehen im Dienste der Figurenentwicklung, ihren Perspektivierungen, und verabreichen ihnen Facetten, mit deren Hilfe erst die ganze Tragik hinter diesen Biographien faßbar wird.

Wir sehen also die Welt durch Jelizas Augen, und weil diese Welt nicht schön ist, wird sie eben schön gemacht. Im Gegensatz zu ihr wissen wir das vorgeführte Elend recht bald zu dechiffrieren und gelegentlich auf seine Ursprünge zurückzuführen. Ihr hingegen sind lediglich wenige Momente vergönnt, in denen die Illusion die Realität nicht mehr beherrschen kann. Etwa wenn sich Dell doch nicht als trauernder Geist und Dickens nicht als todesmutiger U-Boot-Kapitän, sondern beide sich als ganz normale Verrückte erweisen, die ihre Verletztheit sublimieren. Von einem Kind ist in dieser Lage jedenfalls keine kathartische Entwicklung zu erwarten. Deswegen scheint alles in diesem Film ihrer Wahrnehmung untergeordnet zu sein, und vielleicht führt auch das zu dem bitteren Beigeschmack des mutmaßlich befreienden Endes. Daß Jelizas Rettung erst durch ein apokalyptisches Inferno, »dem Ende der Welt«, möglich wird, der Sprengung der Bahnschienen, der Erlegung des Schienenhais, dem Tod zahlreicher Menschen und daß dieser Moment erneut ihrerseits von der Illusion vereinnahmt wird, Dickens habe endlich sein Ziel erreicht. Als sie sich mit einer verletzten Passagierin anfreundet, können wir nur ahnen, ob sie dadurch eine Freikarte ins häusliche Glück oder in die diagnostizierte Psychose erhalten hat. Die Kindheit jedenfalls scheint vorbei.

Eine Erwähnung noch zum Schluß: Daß dieses Meisterwerk, im Gegensatz zur desaströsen Parallelproduktion Brothers Grimm, zwei Jahre nach seiner Premiere hierzulande lediglich eine DVD-Auswertung erfährt, ist schlicht und ergreifend eine Schweinerei. 2007-11-05 11:16

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