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Immenhof – Die fünf Originalfilme

Die Mädels vom Immenhof (BRD 1955), Hochzeit auf Immenhof (BRD 1956), Ferien auf Immenhof (BRD 1957), Die Zwillinge vom Immenhof (BRD 1973), Frühling auf Immenhof (BRD 1974).
432 Min. Carol Media ab 21.9.07

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Keine. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Booklet, Vier Postkarten, Dokumentationen, Interviews, Bildergalerie.

Über die Unschuld vom Lande

Von Oliver Baumgarten Als sich direkt nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Trümmern liegende Städte, familiäre Verluste und die immer deutlicher ins Bewußtsein gerückte Schuld der Deutschen in einer kollektiven Depression ausgedrückt hatten, da waren einige der intensivsten und klügsten deutschen Filme entstanden. In das politische Vakuum der Besatzung hinein hatten Helmut Käutner und Wolfgang Staudte, Gerhard Lamprecht und Robert A. Stemmle ihre Filme in einer Klarheit formuliert wie lange vorher und nachher nicht mehr. Mit Gründung der beiden deutschen Staaten verloren sich besonders im Westen diese Qualitäten sehr schnell. Die deutsch-deutsche Grenze als Nahtstelle zwischen Ost und West ließ auch den Film sehr schnell als Träger von Botschaften fungieren, und so ging es in beiden neuen Staaten um das schnelle Vergessen von Schuld und Elend – hüben durch die Predigt demokratisch-kapitalistischer Tugenden und drüben durch Ablenkung mittels gezielter Systemkritik.

Die Mädels vom Immenhof aus dem Jahre 1955 stellt aufgrund seines immensen Publikumserfolgs ein Paradebeispiel dafür dar, welchen Blick aufs Leben man in der jungen, aufstrebenden BRD so gemeinhin gepflegt hat. Es ging vor allem ums Vergessenmachen, ums Verdrängen der jüngeren Vergangenheit. Nicht umsonst sind die Helden der so erfolgreichen Immenhof-Filme, ebenso wie die Heldin der zeitgleich entstandenen Sissi-Filme, junge Mädchen: Unschuldig, naiv und kindlich erfrischend tollen Dick und Dalli, die beiden an Ursula Bruns’ Roman angelehnten Mädels vom Immenhof, über blühende Wiesen und Felder. Die Gnade ihrer späten Geburt macht sie zu liebenswerten Vertreterinnen einer neuen deutschen Generation, frei jeglichen Verdachts und absolut reinen Gewissens. Die Deutschen träumten sich damals in die Unschuld dieser Figuren hinein, und Kinderschauspielerinnen wie Heidi Brühl (»Dalli«) und Angelika Meißner (»Dick«), aber auch »Sissi« Romy Schneider (1955) oder »Rosen-Resli« Christine Kaufmann (1954) mußten als Trägerinnen dieser nationalen Projektion dienen.

Die Mädels vom Immenhof spielt als Heimatfilm in der Gegenwart, also 1955, und erzählt vom schleswig-holsteinischen Ponygestüt Immenhof, auf dem Oma Jantzen mit ihren drei Enkeltöchtern lebt und dessen Existenz bedroht ist. Als in den Sommerferien Schnöselcousin Ethelbert aus der Stadt zu Besuch kommt, dreht sich allerdings alles zum Guten. In dieser klassischen Heimatfilm-Konstellation inklusive des unvermeidlichen Gegensatzes von Stadt und Land, der – dem Verdrängungsmechanismus entsprechend – dem Ländlichen durch die scheinbare Absenz aller Kriegsverfehlungen stets das Gute, das Reine, das Ursprüngliche zuordnet, in dieser Konstellation also interessiert besonders die Figur des Jochen. Dieser Jochen, Pächter des Vorwerks von Immenhof, ist nämlich ein gestandener Mann und besitzt als solcher natürlich eine Vorgeschichte, die seine Psychologie, seinen Charakter prägt. Ein gestandener Mann 1955 muß eine Kriegsvergangenheit haben, da kann sich nicht einmal ein Heimatfilm herumwinden. Und so gibt es im Film eine Szene, die Jochens Vorgeschichte derart beiläufig behandelt, daß man aufpassen muß, sie nicht zu verpassen – ein kleines Meisterstück dialogischer Verknappung, aus der implizit hervorgeht, daß Jochen ein Kriegsheimkehrer ist, ein ehemaliger Soldat also und damit jemand mit der für damalige Verhältnisse vermutlich unverfänglichsten Vergangenheit. Spätestens dadurch ist klar: Jochen ist ein Guter, einer wie wir alle, jemand, der gelitten hat wie alle anderen und deshalb zur Identifikation taugt. Er rettet am Ende natürlich das Gestüt und nicht nur das: Er bringt auch das verzogene Stadtkind Ethelbert auf den richtigen Weg. »Auf Dich kommt es an«, beschwört ihn Jochen in einer Szene, »nicht auf die anderen!« Ein Schlüsselsatz des Wirtschaftswunders, im Guten wie im Schlechten, und Jochen spricht ihn im Film aus wie eine Zauberformel gegen die Geister der Vergangenheit ebenso wie gegen die Gespenster des sozialistischen Ostens. So gesehen funktioniert Die Mädels vom Immenhof eben auch im Sinne einer westdeutschen Politik, wie sie damals mit Nachdruck betrieben wurde.

Drei erfolgreiche Immenhof-Filme entstehen in den 1950ern, nach Die Mädels vom Immenhof noch Hochzeit auf Immenhof (1956) und Ferien auf Immenhof (1957), und zwei weitere im Zuge der Heimatfilm-Renaissance in den 1970ern: Die Zwillinge vom Immenhof (1973) und Frühling auf Immenhof (1974). Alle fünf sind nun in einer DVD-Box erschienen, und mag für die einen bloße Nostalgie Grund genug dafür sein, sich die Filme erneut anzuschauen, so könnte die hier angedeutete Fülle an Hinweisen auf längst vergangene Befindlichkeiten vielleicht Ansporn für die anderen sein. 2007-10-29 14:55

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