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Mein Leben als Terrorist – Hans-Joachim Klein

NL 2005. R,B: Alexander Oey. K: Jackó van't Hof. S: Chris van Oers. P: Submarine.
71 Min. Neue Visionen ab 14.9.07

Sp: Deutsch (DD 2.0), Ut: Englisch. Bf: 16:9. Ex: 35-minütiges Bonusmaterial.

Querschläger der Geschichte

Von Oliver Baumgarten »Jeder Stein wo abgerisse, werd von uns zurückgeschmisse« – Frankfurt am Main im Februar 1974: Die von Linken besetzten Häuser an der Bockenheimer Landstraße 111-113 sollen geräumt werden, die Polizei rückt an, Wasser spritzt, es setzt Tritte und Prügel, Steine fliegen, Alexander Kluge läßt die Kamera mitlaufen, Joschka Fischer ist dabei ebenso wie ein Großteil des Habermasschen Instituts für Sozialforschung. Und mittendrin: Hans-Joachim Klein, Kfz-Schlosser mit Wut im Bauch und besten Verbindungen zur linken terroristischen Szene. Im Film von Alexander Oey steht er da, 31 Jahre später in Frankfurt, und deutet auf die Uni: »Das ist der Grund, warum ich Gauloises rauche«, sagt er im Grundton der Selbstverständlichkeit. »Habe ich damals angefangen, um unter den Studenten nicht aufzufallen.«

Hans-Joachim Klein lebt heute in der Normandie. Er ist dorthin zurückgegangen, nachdem er neun Jahre gesessen hatte, verurteilt für die Beteiligung an einem Überfall auf das OPEC-Hauptquartier in Wien Dezember 1975. Drei Tote, 70 Geiseln, eine spektakuläre Flucht mit einem Flugzeug nach Algerien: Als Teil dieser internationalen »Revolutionären Zelle« hat Klein das gemeinsam mit dem berüchtigten Terroristen Carlos alles zwar mitgeplant, doch miterlebt hat er es nur unbewußt, nachdem ihn gleich zu Beginn der Aktion ein Querschläger außer Gefecht gesetzt hatte. 23 Jahre lang gelangt es ihm anschließend, in der Normandie unterzutauchen, finanziell unterstützt u.a. von Persönlichkeiten wie Jean-Paul Sartre und Simone Signoret. Der niederländische Regisseur Alexander Oey begleitet Klein nun 2004 auf dessen Weg zurück nach Frankfurt, wo er alte Wegbegleiter trifft und noch einmal Orte seiner Vergangenheit aufsucht.

Mit großer Offenheit, verpackt in lapidarem Humor und in einem irren Artikulationstempo erzählt Klein seine Geschichte, die in ihm gearbeitet hat, die aufgeräumt scheint und in ihrer Strukturiertheit daliegt wie eine Selbstbedienungstheke. Regisseur Oey greift großzügig zu und konfrontiert Klein mit Kumpanen aus der alten Frankfurter Hausbesetzerzeit, neben denen er mühelos zu bestehen vermag. So setzt Oey ihn plötzlich seinem alten Freund Daniel Cohn-Bendit aus, und gegen den vitalen Hans-Joachim Klein wirkt dieser nach dessen jahrzehntelangem linken Diskurskampf wie ein müder, ausgebrannter Krieger. Mein Leben als Terrorist bietet spannende Ansätze, um Motivationen und Emotionen einer linken Generation aufzuschlüsseln, deren politische Überzeugung sie zur Überschreitung grundlegendster moralischer Grenzen brachte. Wie schizophren diese Einstellungen sich zum Teil entwickelt haben, läßt Klein in seinen Erzählungen immer wieder durchblicken. Als er in Frankfurt an einem Gebäude vorbeigeht, dem ehemaligen amerikanischen Arbeitsamt, erzählt Klein, wie er es einst abgefackelt hat, dabei aber aufpaßte, nicht die Bibliothek zu zerstören. Denn, so erzählt er ganz leutselig, »ich habe mich sehr gescheut, Bücher anzuzünden – auch wenn es amerikanische waren.« 2007-10-22 10:50
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