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Loft

Rofuto. J 2005. R,B: Kyoshi Kurosawa. M: Gary Ashiya. K: Akiko Ashizawa. S: Masahiro Onaga. D: Miki Nakatani, Etsushi Toyokawa, Hidetoshi Nishijima, Yumi Adachi u.a.
115 Min. Rapid Eye Movies ab 5.10.07

Sp: Deutsch (DD 5.1), Japanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Behind the Scenes, Trailer.

Filmgespenster

Von Stefan Höltgen Die Geisterfilme des japanischen Regisseurs Kiyoshi Kurosawa stechen aus der Menge der so genannten »J-Horror«-Produktionen heraus. Kurosawa kommt es nie darauf an, einen möglichst gruseligen Effekt durch Kombination von Formalästhetiken, Spannungsdramaturgie und Erzählkunst zu erreichen. Sein Geister-Konzept, könnte man sagen, funktioniert basaler und zugleich intellektuell-distanzierter als das seiner Genre-Kollegen. Die Geister in Kurosawas Filmen sind stets Mahner, die auf vergangenes oder bevorstehendes Unheil hinweisen. Demzufolge ist die Reaktion derjenigen, die auf sie stoßen, auch nie allein das blanke Grauen, sondern immer auch eine moralische Kehrtwende, die bis hin zur Erleuchtung führen kann. In seinem neuesten Film, Retribution, der auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest zu sehen gewesen ist, hat Kurosawa dieses Prinzip einmal mehr in wunderschöne (und wundersame) Kinobilder gegossen. Sein Vorgänger Loft ist jetzt bei R.E.M. auf DVD erschienen.

Loft scheint sich auf den ersten Blick nicht sehr weit von Kurosawas zentralem Erzählparadigma zu entfernen. Der Film zeichnet die Geschichte der jungen Schriftstellerin Reiko nach, die von Tokyo aufs Land zieht, weil ihr die Großstadt physische und psychische Probleme bereitet. Sie imaginiert, schwarzen Schlamm zu erbrechen, fühlt sich eingesperrt, leer und depressiv. Ihr Lektor bietet ihr ein Haus jenseits der Stadtgrenze an, in das sie einzieht. Dem Haus gegenüber befindet sich ein Labor der Universität, in dem ein Archäologe mit der Restauration einer 1.000 Jahre alten Mumie beschäftigt ist, die in der Nähe des Anwesens aus einem Teich geborgen wurde. Durch dieses Wissen beunruhigt, beginnt Reiko, in ihrer neuen Wohnung seltsame Aktivitäten wahrzunehmen, die noch zunehmen, nachdem sie die Mumie bereitwillig für ein paar Tage bei sich unterbringt. Ihr begegnet der Geist einer jungen Frau – wie Reiko bald herausfindet: der vorherigen Bewohnerin ihres Hauses, und der Verdacht erhärtet sich, daß sowohl ihr Verleger als auch der Wissenschaftler aus dem Labor von Gegenüber in ein Verbrechen verstrickt sind. Als Reiko mit letzterem eine Beziehung einzugehen beginnt, tritt die Wahrheit langsam zutage.

Wie schon bei Seance verwebt Kurosawa in Loft seine Geistererzählung an eine Kriminalgeschichte. War in ersterem Film der kriminalistische Plot jedoch der dominante, so wird er nun mehr und mehr zu einer die Charaktere des Films figurierenden Funktion. Selten hat man den Eindruck, hier müsse wirklich ein Verbrechen aufgedeckt werden – die den beiden männlichen Protagonisten innewohnende Schuld ist allzu offensichtlich. Und so geht es in Loft auch mehr um die Frage, wie diese offensichtliche Schuld sichtbar gemacht werden kann. Da sind zum einen die Geister und ihre Leidensgeschichten – die Vormieterin Reikos aber auch die uralte Mumie, die höchstwahrscheinlich das Opfer eines grausamen Schönheitsrituals geworden ist, an dessen Ende ihr selbst verschuldeter Tod stand. Aus der nahen und fernen Vergangenheit weisen die Geister der beiden Frauen auf das ihnen angetane Unrecht hin und veranlassen die Figuren in der Gegenwart zur Klärung der Schuld. Wer Kurosawas Filme kennt, weiß jedoch, daß man es selten mit einem »einfachen« Happy End zu tun bekommt. Oft sind mehrere Enden aufeinander geschichtet, die Zug um Zug einen je anderen Blick auf das Vorangegangene provozieren.

Das eigentlich Originelle an Loft ist, daß Kurosawa, dessen Filme immer schon sehr spielerisch mit den Darstellungs- und Genrekonventionen des Geisterfilms umgegangen sind, hier nun eine transzendentale Position einzunehmen scheint. In nicht wenigen Szenen »simuliert« er einen konventionellen Spannungsaufbau etwa durch die Verwendung lauter werdender Musik, die dann jedoch plötzlich abbricht, ohne, daß »etwas« geschehen wäre. Mit der Montage, gerade, wenn der Rhythmus suggeriert, daß nun »etwas« gezeigt werden soll, verfährt er ähnlich – er schneidet auf eine andere Szene um und läßt die zuvor aufgebaute Erwartungshaltung des Zuschauers ins Leere laufen. Als wolle er zeigen, wie ähnlich Kino und Gespenster einander als »Medien des Zwischenraumes« sind, führt Kurosawa uns die Filmizität seiner Geistererzählung schließlich sogar vor Augen. Als Reiko den ihr immer wieder erscheinenden Mädchengeist durch einen Wald bis hin zu jenem See verfolgt, aus dem schließlich ihre Leiche geborgen wird, beginnt sich das Bild des Gespenstes stückweise aufzulösen, als blättere eine lichtempfindliche Schicht nach und nach von ihrem Trägermaterial ab. In dem Maße, wie Reiko »Licht in das Dunkel« des Kriminalplots trägt, verschwinden die Schattenwesen.

Überdies ist Kurosawas Loft wie auch seine Vorgänger ein sehr stilles, beinahe schon kontemplatives, doch immer noch gruseliges Filmereignis. Vor allem in seiner Zusammenarbeit mit dem Komponisten Gary Ashiya (der auch für Kure und Seance die Musik schrieb) und Kameramann Akiko Ashizawa (stand bei Retribution hinter der Kamera) entwickelt sich eine spezifisch filmische Handschrift, die unverwechselbar (geworden) ist. Irgendwo zwischen der hochartifiziellen und nicht wenig selbstverliebten L’art-pour-l’art-Ästhetik des thailändischen Regisseurs Pen-ek Ratanuarang und seines Kameramanns Christopher Doyle und der »Film als Film und Film über Film«-Cineastik des späten Godard ließe sich Kurosawas Stil ansiedeln – ein Kino zwischen Asien und Europa, wie von nicht wenigen Kritikern beobachtet wurde. Sie laden gerade den westlichen Zuschauer dazu ein, Kontakt mit den japanischen Geistermythen, aber auch dem japanischen Geisterkino aufzunehmen, ohne sich darin allzu fremd zu fühlen. 2007-10-15 11:40

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