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Die große Reise

Le Grand voyage. MA/F 2004. R,B: Ismaël Ferroukhi. K: Katell Djian. S: Tina Baz Le-gal. M: Fowzi Guerdjou. P: Humbert Balsan. D: Nicolas Cazalé, Mohamed Majd, Jacky Nercessian u.a.
102 Min. Arsenal ab 2.2.07

Sp: Deutsch (DD 2.0), Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Trailer.

Go East

Von Lisa John »Ich hab' mir etwas überlegt: Du fährst mich nach Mekka. Deshalb war ich auf der Botschaft und habe für dich ein Visum für Saudi-Arabien beantragt. Wir fahren am Sonntag, wenn Gott will.« Rédas Vater, der vor dreißig Jahren von Marokko nach Frankreich ausgewandert ist, hat sich in den Kopf gesetzt, mit dem Auto die etwa 5.000 km lange Reise von Aix-en-Provence nach Mekka anzutreten und so seine Pflicht als gläubiger Moslem zu erfüllen. Sollte eigentlich sein ältester Sohn die Rolle des Fahrers übernehmen, verliert dieser dummerweise kurz vor Abreise den Führerschein, und so muß sein jüngerer Bruder Réda den Chauffeur für seinen Vater spielen. Der nicht religiöse Réda befindet sich mitten im Schuljahr und muß bald ein zweites und damit letztes Mal das Abitur in Angriff nehmen. Er setzt durch diese Reise nicht nur seine Möglichkeit auf Bildung, sondern auch die Beziehung zu seiner Freundin aufs Spiel, von der man nur ein Foto zu sehen bekommt. Trotzdem ergibt sich Réda widerspruchslos seinem Schicksal und akzeptiert die Anweisungen seines Vaters.

Begegnungen auf ihrer Reise scheinen dabei stets von Verständigungsschwierigkeiten geprägt zu sein, sowohl sprachlicher als auch zwischenmenschlicher Natur. Wortkarge Anhalter werden zu unbekannten Zielen mitgenommen, Grenzbeamte zetern in fremden Sprachen. Eine prominente Rolle nimmt Mustafa ein, ein türkischer Moslem, der eine Zeit lang in Frankreich gelebt hat. Er vertritt dem Islam gegenüber eine eher lockere Haltung, trinkt Alkohol und kann Rédas Sehnsucht nach seiner nicht-muslimischen Freundin nachvollziehen. Beinhaltet die Figur Mustafa zunächst die Hoffnung auf einen Kompromiß zwischen dem westlich geprägten Réda und seinem streng religiösen Vater, ist eines Morgens nicht nur er, sondern auch das Geld der Reisenden verschwunden und somit auch die Illusion eines für beide akzeptablen Mittelwegs.

Trotz der anfangs nicht vorhandenen Kommunikation zwischen Vater und Sohn, deren Fehlen durch lange, schweigsame Einstellungen und das zurückhaltende Spiel von Nicolas Cazalé als Réda und Mohamed Majd als dessen Vater verdeutlicht wird, findet mit der Zeit eine zarte Annäherung statt, die am Ende des Films einen versöhnlichen Charakter annimmt. Die allmähliche Annäherung beider scheint sich in der ständig wechselnden Landschaft zu spiegeln. Sie erreicht jedoch nie wirklich ein Infragestellen der strengen religiösen Überzeugungen des Vaters. Er kann seinen Sohn ohne den geringsten Widerspruch zum Chauffeur seiner persönlichen Pilgerfahrt machen, wobei er billigend in Kauf nimmt, daß dieser wegen der Reise sein Abitur verpassen könnte. Der quasi nicht vorhandene Protest des Sohnes gegenüber seinem Vater mag in einem westlich geprägten Zuschauerkreis auf Verwunderung stoßen, er verdeutlicht jedoch gut die enorme Autorität, die in dieser Familie herrscht. Der Vater genießt hier patriarchale Rechte, die ein »Familienoberhaupt« in einer säkularisierten Gesellschaft (als Christ mangels einer seine Rolle legitimierenden Religion) nicht mehr in diesem Maße geltend machen kann. Der in der westlichen Gesellschaft aufgewachsene Réda erlebt diese bedingungslos geforderte Autorität als Widerspruch zu seiner Umgebung, woraus sich das Konfliktpotential des Films nährt.

Die große Reise, der zurecht bei den 61. Internationalen Filmfestspielen in Venedig als Bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde, stellt in mancher Hinsicht ein typisches Road Movie dar, sehen sich die Figuren auf ihrer langen Fahrt doch immer neuen Herausforderungen gegenübergestellt, die gemeinsam gemeistert werden und die Protagonisten zusammenwachsen lassen. Während jedoch die Hauptfiguren dieses im Amerika der 1960er Jahre entstandenen Genres auf ihrer Reise häufig ihre Vorstellungen von Freiheit und Unabhängigkeit zu verwirklichen suchten, bedeutet die Fahrt für Réda hingegen eher einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung: weg vom westlichen, aus Sicht des Vaters sicher übersteigerten Individualismus, hin zu einer Gemeinschaft, deren Zusammenhalt seit Jahrhunderten durch religiöse Traditionen erneuert wird. 2007-10-05 19:27

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