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Züri brännt

CH 1980. R,B,S: Thomas Krempke, Ronnie Wahli, Markus Sieber, Marcel Müller. K: Jean Richner. M: Shift, Barbara Fuchs, Schläggstengel, TNT, Bucks. P: Videoladen.
100 Minuten. Videoladen ab 1.6.05

Sp: Deutsch/Schweizerdeutsch (DD 5.1). Ut: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Bf: 2,35:1 anamorph. Ex: 6 Kurzfilme, Booklet u.a.

Biedermann und die Brandstifter

Von Kyros Kikos Am 1. November 1980 wurde in der roten Fabrik, dem alternativen Kulturort der damaligen Zürcher Jugendbewegung, die Weltpremiere von Züri brännt gefeiert. 25 Jahre später ist dieses einzigartige Zeitdokument erstmals auf DVD erschienen.

»Es dauerte lange, bis Zürich brannte. Und als es endlich Feuer gefangen hatte, fand es keine Nahrung. Denn Beton tönt hohl und will nicht brennen.«
Bis Ende der 70er Jahre döste die Schweiz in einem biederen und braven Dämmerzustand, und ihre selbstgefällige Wirtschafts- und Bankenmetropole Zürich schien ein zufriedener Ort und ein ruhiges Pflaster zu sein. Ende 1979 gärte es allerdings schon. Die politisierte Jugend der Stadt begann, gegen den verstaubten Mief des konservativen Bürgertums aufzubegehren, leerstehende Häuser zu besetzen, Freiräume und Alternativen einzufordern und wuchs damit in kurzer Zeit zur Bewegung an.

Am 30. Mai 1980 demonstrierten Jugendliche vor der Zürcher Oper gegen den geplanten 62 Millionen teuren Umbau des Hauses und forderten stattdessen bezahlbaren Wohnraum, alternative Kulturstätten und ein autonomes Jugendzentrum. Die Straßenkämpfe beim »Opernhauskrawall« waren die heftigsten Unruhen, die Zürich je erlebt hatte, und der Auftakt für eine Reihe von Demonstrationen, Besetzungen und politischen Aktionen, die den »heißen Sommer« 1980 kennzeichnen sollten. Zürich brannte.

Und immer mit der Kamera dabei waren die Leute vom Videoladen, die als Teil der Protestbewegung gleichsam von Innen heraus filmten: Bei den Zusammenstößen mit der »Trachtengruppe Urania« (so der Spott über die Stadtpolizei Zürich, die damals im Haus Urania residierte), in den besetzten Häusern, den Gruppendiskussionen, den Aktionen und den Vollversammlungen.

Der Videoladen, entstanden 1976/77, war eine Gruppe von acht Leuten aus dem Umfeld des Publizistischen und Soziologischen Instituts der Uni Zürich, die neben der gemeinsamen Begeisterung für das Medium Video auch die Einsicht der Notwendigkeit einer Gegenöffentlichkeit teilten. Als die Ereignisse auf der Straße zu eskalieren begannen, drehte der Videoladen quasi nonstop. Aus den über 100 Stunden Bildmaterial wurden in einem wochenlangen Schnittmarathon die 100 Minuten von Züri brännt.

Herausgekommen ist dabei ein anarchisches und (selbst)ironisches Videopamphlet, das durch eine erstaunliche Dynamik und den Mut zu einer reflektierten, aber radikalen Subjektivität besticht. Es ging dem Videoladen keinen Moment darum, eine journalistisch ausgewogene Dokumentation zu produzieren, sondern die Bewegung so darzustellen, wie sie von der Gruppe selbst empfunden und verstanden wurde. Assoziation statt Argumentation.

Durch eine einfallsreiche Montage, die sich Erklärung und Chronologie verweigert, wird Dokumentarisches, Satirisches, Text, Sprache und Musik zu einer mitreißenden Mischung zusammengestellt. Dabei unterstützt die schäbig-verwaschene Schwarzweiß-Ästhetik der Bilder der ersten mobilen Videokameras (sogenannte Portapaks im 1/2-Zoll Format, Japan Standart 1) trefflich die Darstellung von Zürich als triste, verkehrsüberflutete Betonwüste und fördert zudem den Eindruck des Authentischen.

Auf der Tonebene sind die eingesprochenen Kommentare von Silvano Speranza bemerkenswert. Kämpferische Lyrik, polemische Anklagen gegen ein ignorantes Bürgertum und kluge Selbstreflektionen der Bewegung verdichten sich zu einer Sprachqualität, wie sie in Schweizer Produktionen nur selten vorkommt.

Daß dieses spannende Dokument Zürcher Zeitgeschichte diesen Sommer als DVD erschienen ist, ist insbesondere den produktionsverantwortlichen René Baumann, Anna-Lydia Florin, Tereza Schmid und Fred Truniger zu verdanken. Neben der restaurierten Fassung von Züri brännt enthält die DVD mit sechs Kurzfilmen, vom Videoladen zwischen 1979 und 1984 produziert, sehenswertes Bonusmaterial. Zudem ist im beigelegten Booklet nebst Informationen zu den damaligen Videopionieren auch der Text von Markus Sieber abgedruckt, der 1981 als Begleitbroschüre zu Züri brännt erschienen war. Sondergimmick: Der Text kann auch als pdf-Datei von der DVD heruntergeladen werden. 1970-01-01 01:00

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