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Wir waren niemals hier

D 2004. R,K,S: Antonia Ganz. M: Honkas, Campingsex, Mutter, Max Müller. P: Die Eigene Gesellschaft, HFF München. D: Max Müller, Frank Behnke, Kerl Fieser, Florian Koerner von Gustorf u.a.
102 Min. absolut Medien ab 1.6.07

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Diverse Super8 Filme von Max Müller, Musikvideos, Fotos und Zeichnungen, Trailer.

Mama is a Rolling Stone

Von Sascha Seiler Wir waren niemals hier, Antonia Ganz' Porträt der Band Mutter, ist jetzt bei Absolut Medien auf DVD erschienen.

Mutter sind eine von der Popgeschichte vergessene Band, könnte man behaupten. Doch tatsächlich wollte auch früher niemand ihre Platten kaufen, und irgendwie ging ihr Stern auch im Kontext des vielzitierten Diskurspop der 1990er Jahre nicht recht auf. Antonia Ganz zeigte 2005 auf der Berlinale ihren Dokumentarfilm Wir waren niemals hier, der nun auf DVD erscheint und im Mülleimer der Geschichte wühlt, auch wenn viele hier widersprechen würden: Mutter waren immer da.

So kommen in Wir waren niemals hier prominente Pop-Köpfe wie Jochen Distelmeyer, Chef-Intellektueller der deutschen Popmusik, und Diedrich Diederichsen, Chef-Intellektueller der deutschen Popkritik, zu Wort, die beide restlos begeistert von Mutter waren und Max Müller, den kreativen Kopf der Band, als Genie abfeierten. Zugegeben: Viele der im Film eingespielten Fragmente erinnern an Punk-Proberäume Anfang der 1980er, auch die Sachen von der 2005er Tournee, doch was zeichnet die besten Musik-Dokus aus? Daß man sich eben reinfühlen kann in die Musik der dargestellten Bands. Was keinen interessiert sind schließlich die endlosen MTV-Reportagen früherer Tage über Bands, von denen man eh tagtäglich in der Presse lesen kann. Daher: Entrümpeln des Mülleimers der Geschichte und schauen, was so alles zum Vorschein kommt.

Detektivisch erschleicht sich der Nicht-Mutter-Kenner langsam seine Informationen. Distelmeyer und Diederichsen finden's klasse, Alfred Hilsberg, seines Zeichens Ikone des deutschen Indierock überhaupt, der ja eine Zeitlang alles, also auch Mutter, unter Vertrag nahm, reagiert ein wenig gereizt, wenn er auf die Band angesprochen wird. Er unterstellt ihnen eine Verweigerungshaltung, mit der Hilsberg ja eigentlich seinen ganzen Ruf begründet hat. Hätten sie doch nur damals nach »Hauptsache Musik« nicht so dickköpfig reagiert und da weitergemacht…

Aber weiter: Max Müller ist der kleine Bruder von Wolfgang Müller, seines Zeichens einer von Deutschlands größten Künstlern, Vordenker der Tödlichen Doris, Autor des großartigen Island-Lexikons, jemand, der eine zeitlang überall mitgemischt hat, wo es um die Schnittmenge von Avantgarde-Pop und Avantgarde-Kunst ging. Seinem kleinen Bruder gegenüber nimmt er im Film eine fast väterliche Rolle ein, so wie er über ihn spricht.

Der Name Florian Koerner von Gustorf sollte aufhorchen lassen. Der Mutter-Schlagzeuger, anfangs noch als rüpelhaft aussehender Skin mit Hakenkreuz-Slip gezeigt, arbeitet heute nebenbei als Filmproduzent und produzierte Filme wie Die innere Sicherheit, Mein langsames Leben oder zuletzt Christian Petzolds Yella. Großartig in die Kellerkonzerte von damals und heute (»Echt, zwanzig Leute sind da? Hätt' ich jetzt nicht mit gerechnet«) reinmontiert: die Verleihung des deutschen Filmpreises durch Julian Nida Rümelin, als von Gustorf tanzend die Bühne stürmt.

Und dann, 2001, erscheint am 10. September das Album »Europa gegen Amerika«, dessen Coverabbildungen unter anderem zeigen, wie ein Micky-Maus-Ohren tragender George W. Bush die Weltkugel verspeist, unterlegt mit dem Spruch: »Das ist der Todfeind«. Im Hintergrund sieht man brennende Hochhäuser. Auf der Platte dann die Textzeilen: »Der Krieg ist vorbei / ein neuer Krieg beginnt.« Im Kontext der 9/11-Prophetie-Debatte wird dieses Beispiel immer wieder ignoriert, dabei ist es fast so gut wie die beiden Rapper, die auf ihrem Plattencover das WTC in die Luft sprengen.

All das sind vergessene oder kaum beachtete Geschichten von den Rändern der Kultur. Einigen Menschen, etwa Distelmeyer, werden sie viel bedeuten, den meisten sind sie völlig unbekannt. Doch zu entdecken gibt es viele dieser kleinen Geschichten in Antonia Ganz' Film. Natürlich ist er auch eine Hommage und erreicht nicht das kritische Potential des genialen Dig!, obwohl er ästhetisch in eine ähnliche Richtung geht. Die Musik der Band allerdings bleibt einem auch nach dieser wunderbaren Dokumentation seltsam fremd; ob das am Film oder der Band liegt, ist schwer zu sagen. Da hilft nur, die Platten zu kaufen. Leider, aber immerhin, fast gänzlich nur als mp3-Download erhältlich. 1970-01-01 01:00

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