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Wilderness

GB 2006. R: Michael J. Bassett. B: Dario Poloni. K: Peter Robertson. S: Kate Evans. M: Mark Thomas. P: Ecosse Films. D: Toby Kebell, Ben Mckay, Sean Pertwee, Luke Neal, Alex Reid, Stephen Don u.a.
90 Min. Legend ab 4.12.06

Sp: Deutsch (DTS 5.1, DD 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Trailer.

Dem Durch-Schnitt verpflichtet

Von Andreas Brezing Erfrischende B-Movies schöpfen Charme aus dem Umstand, die Knappheit ihrer Mittel in prägnant-reduzierte Diskurse ummünzen zu können. Hierbei spielt es keine Rolle, ob ein visuell-ästhetisches, dramaturgisch-erzählerisches oder ein mental-thematisches Prinzip radikalisiert wird.

Der Horrorthriller Wilderness bietet durchaus nervenanspannende, schnörkellose Unterhaltung und vermag zu fesseln – unter dem Aspekt der Radikalität kann er jedoch nicht immer punkten. Die britische Produktion verweigert sich eindeutiger Stellungnahmen und somit einer hervorstechenden Nischenexistenz und zieht es stattdessen vor, anspielungsreich in die Breite zu zitieren.

Das blutige Genre-Pastiche bezieht ihr handlungsbestimmendes Gewaltpotential aus dem Aufeinander-los-lassen rivalisierender Sträflinge und läßt zunächst die üblichen Knast-Klischees in einer Jugendvollzugsanstalt purzeln – die Knastrituale um Hackordnung und Demütigung treiben einen »Fisch« in den Tod. Mit der Strafvollzugskatastrophe der JVA Siegburg wurde hierzulande kurzzeitig das Schicksal eines »Fisches« ins Bewußtsein gerufen. Angst haben heißt Fisch sein. So werden im Gefängnis die Opfer genannt, die abgezogen werden und ihre Rolex-Replikate abgeben müssen, die sich verstecken, um nicht geschlagen zu werden. Die tanzen müssen mit einer Klobürste im Hintern.

Die Konsequenz jenes »Selbstmordes«, die im Film ein Knastbruder vulgär, aber zutreffend mit dem Bonmot »Scheiße rollt immer nach unten« antizipiert, führt die in einem Aufwasch als schuldig verurteilten Zellengenossen auf »die Insel«. Der als Resozialisierungsmaßnahme gedachte Aufenthalt in der vermeintlich unbewohnten Wildnis läßt die schweren Jungs jedoch anders als geplant Buße tun – Auftritt des unsichtbaren bestialischen Killers.

Der Trailer läßt in seiner verdichteten Form (»Fühlst Du Dich schon resozialisiert«) das subversive Potential der Erzählung erahnen, doch im Film wird letztlich auf eine nachhaltige »Message« verzichtet. Im Gegensatz zu forcierteren Horror-Schockern, als Beispiel sei die Neuauflage von The Hills Have Eyes angeführt, bleibt der sozialkritische Ansatz von Wilderness rundweg Legitimationsstrategie genretypischer Gewalt, die überdies, verglichen mit den furiosen Exzessen des Wes Craven-Remakes, den Puls von Genre-Fans nicht übermäßig in die Höhe schnellen lassen dürfte. So verlieren nicht nur die Protagonisten nach und nach den Respekt vor dem vierköpfigen Hunderudel, das als Vorhut der Bestie Angst und Schrecken verbreiten soll.

Nein, dieser Spielfilm läßt einige Chancen ungenutzt, sich als konsequentes B-Movie für die Analen des »New British Horror« zu empfehlen. Während The Descent ganz clever das männliche Prinzip zu eliminieren versucht, vertraut Wilderness seiner eigenen Anlage nicht und schleust umständig einige »Chicks« in die »Men's World« ein.

Das intertextuelle Spiel kalkuliert zwar phasenweise nicht unklug mit der Intensität seiner Referenzen, doch als einheitliche Melange betrachtet, kann die zweite Regiearbeit von Michael J. Bassett seinen Vorbildern nicht das Wasser reichen. Elemente, wie der aufgespießte Tierkopf aus Lord of the Flies, der Lagerkoller aus dem (maßlos überschätzten) Cabin Fever, die Orientierungslosigkeit aus Blair Witch Project und die Kampfansage an die unsichtbare Bedrohung aus Predator werden willkürlich aufgegriffen und wieder fallen gelassen. Insbesondere im (zugegeben unfairen) Vergleich mit dem Schwarzenegger-Vehikel, dem nunmehr der Rang eines Klassikers zugesprochen werden kann, wird der Mangel an Kompromißlosigkeit sowie an ontologischer Unterfütterung ersichtlich. Es sei lediglich an das Ende dieses Actioners von Wildnis-Kenner John McTiernan erinnert, der minutenlang ohne Worte und in prächtiger Optik einen archaischen Showdown inszeniert, welcher schließlich mit den legendären existentialistisch gefärbten Dialogzeilen (»What the hell are you?« / »What the hell are you?«) ad absurdum geführt wird. Wilderness wartet zwar eher mit archaischem Waffenarsenal (spitze Stöcke, Feuer, Klingen, Zähne) auf, der überhöhende Schlußsatz: »Wir alle sind auf der Insel gestorben« erfolgt jedoch, ohne daß zuvor der eigentliche Äußerungsakt der Wildnis-Metapher entsprechende Geltung erfahren hätte: die menschenfeindliche Natur als gesetzesloser Ort, der die »Bestie Mensch« zum Vorschein bringt. In Wilderness gibt es keine einzige Figurenentwicklung, alle Charaktere sind statische Typen. Den Bösewichtern wird lediglich gestattet, ihren bereits attestierten pathologischen Neigungen nachzugehen; der neurotische Feigling bleibt feige; der einsame Held jault zwar einmal wie ein einsamer Wolf auf, doch dieser Akt reicht bei weitem nicht aus, um den Wahnsinn à la Apocalypse Now zu aktualisieren.

Wilderness verfolgt außer der Menschenhatz kein zentrales Anliegen. Der Film verweigert sich (weitgehend) der radikalen »Zerstücklungskunst« von Splatterfilmen, der insinuierte Natur- vs. Kulturdiskurs bleibt unberücksichtigt, der ironische Gestus pädagogischer Gruppenfindungsprozesse wird durch die teilweise arg unmotivierten Gruppentrennungen pulverisiert, um für Fischfleisch zu sorgen – die interessanten Aspekte werden rigoros der engstirnigen zehn-kleine-Negerlein-Dramaturgie unterworfen.

Was bleibt ist schaurige Unterhaltung, sicher kein Familienfilm, aber eben auch kein echter Trip für Adrenalin-Junkies. 1970-01-01 01:00

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