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Wie in einem Spiegel

Sasom i en spegel. S 1961. R,B: Ingmar Bergman. K: Sven Nykvist. S: Ulla Ryghe. M: Erik Nordgren. P: Svensk Filmindustri. D: Harriet Andersson, Gunnar Björnstrand, Max von Sydow, Lars Passgard u.a.
89 Min. Arthaus ab 25.8.06

Sp: Deutsch (DD 1.0), Schwedisch (DD 1.0). Ut: Deutsch (forced). Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Produktionsnotizen, Trailer u.a.

Dichtung und Unwahrheit

Von Stefan Höltgen Ein Theaterstück wird aufgeführt: Ein Künstler, der es zu profan findet, ein Kunstwerk zu vollenden, steht vor einer Gruft. Daraus erscheint eine wunderschöne Prinzessin, die den Künstler auffordert, ihr ins Totenreich zu folgen. Alles, was er dafür aufgeben muß, ist sein Leben. Zuerst ist er nicht nur bereit dazu, sondern sieht in diesem Opfer sogar das einzig mögliche echte Kunstwerk. Als er sich jedoch fragt, wer jemals von der Größe seiner Tat erfahren wird und ob es sich lohnt, für die Ungewißheit der Ewigkeit die Gewißheit der Profaneität aufzugeben, zögert er. Die Stunde, in der es ihm möglich gewesen wäre, sich der Prinzessin anzuschließen verstreicht, und er bleibt in der Welt der Lebenden zurück.

Dieses Stück inszenieren die Geschwister Peter und Karin für ihren Vater David, der selbst Künstler, nämlich ein Schriftsteller ist. David fühlt sich betroffen und angegriffen von der Darbietung, ist doch selbst sein größter Wunsch, zu Lebzeiten als Autor akzeptiert zu werden – daß seine Bücher gekauft werden, interessiert ihn nicht, wohl aber die positive Resonanz der Rezensenten. David verbringt einen Monat mit seinen erwachsenen Kindern sowie Martin, dem Lebensgefährten Karins, auf einer Ostseeinsel. Er ist viel unterwegs und hat seit dem Tod seiner Frau nur selten die Gelegenheit, Karin und Peter zu sehen. Während sein 17jähriger Sohn selbst eine Dichterlaufbahn einschlägt, glaubt sich Karin von einer schweren psychischen Erkrankung zu erholen. Doch Martin, der gleichzeitig ihr behandelnder Arzt ist, und ihr Vater wissen es besser: Karin hat die Krankheit ihrer Mutter geerbt und ist dem Tode geweiht. Immer häufiger leidet sie an Visionen und glaubt, in dem Ferienhaus gebe es ein Tor in eine andere Welt, aus der sie die Ankunft eines Gottes erwartet. Ihre Krankheit bekommt schließlich gefährliche Züge, als sie über Peter herfällt. Als sie erfährt, wie es um sie bestellt ist, beschließt sie, in die Psychiatrie zurückzukehren um dort zu sterben.

Karins Krankheit ist jener titelgebende Spiegel, der den Gesunden vorgehalten wird. Diese selbst sind es, die sich in eine Welt voller schöner und bequemer Lügen zurückziehen, die ihrerseits auf einen Gott warten – der sinnlose Schlußdialog zwischen Peter und seinem Vater zitiert diesen Gott regelrecht herbei – und darauf hoffen, daß das Leben für sie weitergeht wie bisher, trotz Karins Krankheit. In ihren Visionen hat die Kranke luzidere Momente als es bei allen anderen im Wachzustand der Fall ist. Ihre Hoffnung, ihre Angst und schließlich die Panik, als sich ihr der von ihr erwartete Gott als monströse Spinne offenbart, sind die einzigen echten Gefühle in dieser Vierergruppe. David vertraut seinem Tagebuch an, kein Mitleid, wohl aber schriftstellerische Neugier angesichts Karins Zustand zu empfinden, ihr Freund heuchelt seine Liebe zu ihr nur, um Kontrolle über die Kranke zu behalten und ihr Bruder nutzt jede Gelegenheit dazu, sich selbst als unverstandenen pubertierenden Bohemien zu inszenieren. Die Gemeinschaft ist bestimmt von Lebenslügen und Dichterwahrheiten – nicht aber von Menschlichkeit.

Ingmar Bergman inszeniert dieses Drama, an dem nur vier Protagonisten beteiligt sind, streckenweise wie einen fantastischen Film. Als Erzähler steht er stets hinter Karin, illustriert ihre Visionen mit großer Eindringlichkeit und rückt immer wieder ihr Gesicht, das einzige Gesicht, in dem sich echte Emotionen spiegeln, in den Fokus. Wie in einem Spiegel erscheint auf diese Weise gleichermaßen als scharfe Kritik an der selbstgerechten Künstlertätigkeit wie am Zynismus einer Gesellschaft, die ihre gelangweilte Existenz am Leiden anderer spiegelt. Damit führt Bergman ein Thema ein, das er sieben Jahre später in Die Stunde des Wolfs noch einmal aufgreift: Dort fallen der Künstler und der Wahnsinnige jedoch in einer Person zusammen, und es ist unklar, welche Seite dieser Person für den Untergang verantwortlich ist, weil beide als gleichermaßen pathologisch hingestellt werden.

Abermals steht Harriet Andersson im Zentrum eines Dramas und ist in ihrer Präsenz so vordringlich, dass sie die anderen Darsteller beinahe zu Statisten ihre Spiels degradiert. Das ist nicht nur dem Drehbuch zu verdanken, welches Peter, David und Martin zu abhängigen Variablen von Karins Existenz macht, sondern vor allem ihrem großartigen Mienenspiel. Die Panik, als ihr Vater und ihr Lebensgefährte sie kurz vor Schluß des Films aus einer ihrer Visionen reißen, ist selbst nach über vierzig Jahren und auf dem kleinen Fernsehschirm noch markerschütternd. Mit Wie in einem Spiegel gibt Andersson also eine weitere Kostprobe ihres Könnens, das vor allem in der empathischen Wiedergabe des Leidens liegt.

Kinowelt veröffentlicht Wie in einem Spiegel in der deutschen und schwedischen Originalfassung mit nicht-optionalen deutschen Untertiteln. Abermals ist die Software auf der DVD so eingerichtet, daß es während des Films nicht ohne Rücksprung ins Menü möglich ist, die Tonspur zu wechseln. Eine andere Merkwürdigkeit dieser Edition ist die Ankündigung vor dem Film, daß Teile desselben aufgrund der Restauration in unsynchronisierter Fassung vorliegen. Bei der Sichtung der deutschsprachigen Fassung sind jedoch keine solchen Szenen zu finden. Die DVD verfügt über ein exzellentes Schwarzweiß-Bild und makellosen Ton. Trotz der erwähnten kleinen Merkwürdigkeiten stellt sie eine sehr gute Aufbereitung eines der selteneren Bergman-Filme dar. 1970-01-01 01:00

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