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Was übrig bleibt

D 2005. R,B,K,S,P: Justus Pasternak. M: Friedrich Paravicini.
90 Min.

Sp: Deutsch. Ut: Unbekannt. Bf: 1.33:1. Ex: Unbekannt.

Friesisch herb

Von Mary Keiser Wer sind wir in den Augen anderer? Je besser einer seine soziale Rolle spielt, desto mehr applaudieren die anderen, da sie es einfacher haben, ihn einzuordnen und vor allem einzugliedern. Fällt er dagegen aus der Rolle, wird es anstrengend, weil sich die Mitmenschen nun selbst ein Bild machen müssen.

Der Dokumentarfilm Was übrig bleibt spielt mit den Projektionen, die die Bewohner eines mehr oder weniger abgeschlossenen Mikrokosmos' auf einen Außenseiter werfen. Auch als der einstmals auf dem holsteinischen Gut Knoop lebende Exsträfling und Pferdeknecht Otto Drechsler schon längst aus dem gemeinsamen Alltag verschwunden ist, bleibt sein aus diesen Fremdzuschreibungen entstandener Geist gegenwärtig. Jeder Einwohner des Gutes erinnert sich, spinnt seinen eigenen Faden zu dem Netz aus Geschehnissen um den verschollenen Hilfsarbeiter.

Doch ihre skurrilen Anekdoten sagen letztendlich mehr über sie selbst als über den mysteriösen Drechsler, ob der distinguierte Gutsherr sich nun als gütiger und gerechter Monarch präsentiert, ausgerechnet der beängstigend rachsüchtige Arzt über blutige Vergeltungsschläge nachdenkt oder die einsameren unter den Befragten einfach nur froh sind, etwas erzählen zu können. Ein anderer Außenseiter schlägt als Mittler die Brücke zu den kauzigen Einheimischen: der Sohn des Gutsbesitzers, der den Hof ebenfalls vor langer Zeit verlassen hat, und für den es eine Reise in vertraute und gleichzeitig ferne Vergangenheit ist. So kann er gegensätzliche Positionen einnehmen, die des anerkannten Insiders, der die Mentalität und aus seiner Jugend noch manche Abgründe der Menschen kennt, sowie die des Beobachters, der seine Herkunft aus großem Abstand zu betrachten vermag.

Regisseur Justus Pasternak wagt sich mit seiner kuriosen Fährtensuche mitten in die abenteuerliche Gerüchteküche einer Dorfgemeinschaft. Dabei versucht er nicht, die Anwesenheit der Kamera zu leugnen, sondern weiß sie im Gegenteil als ohnehin unvermeidbare Provokation zu nutzen, um die Befragten augenzwinkernd zu immer neuen Informationen und Spekulationen über Otto Drechsler zu verführen. Dessen Persönlichkeit wird dadurch immer schillernder, obwohl es letztendlich nicht darum geht, warum er eigentlich im Gefängnis gesessen hatte, wie er mit Hausfrauen oder Prostituierten umgegangen ist, ob er alles gestohlen hat, was auf dem Hof nicht niet- und nagelfest war, ob er beim Zirkus war, seine Wohnung in Brand gesteckt hat oder ob er am Ende wirklich tot ist. Viel wichtiger ist es zu erleben, wie die verschrobenen, zum Teil liebenswerten, zum Teil geradezu furchteinflößenden Charaktere gemeinsam ein bizarres Bild dieser Gestalt aus der Vergangenheit stricken. Spaß mit einem Hauch von Trash kommt vor allem auf, wenn der ein oder andere keine Hemmungen zeigt, sich um Kopf und Kragen zu reden, sei es über Drogenkonsum, leichte Mädchen oder Mordfantasien. Selbst der Psychiater des Verschwundenen zeigt sich überraschend hilfsbereit, Auskunft über dessen Gemütszustand zu erteilen.

Was dagegen ohne schmückendes Gerüchte-Beiwerk von Otto Drechsler übrig bleibt, ist einerseits ernüchternde Realität, andererseits aber auch die Erkenntnis, daß er selbst nicht unbeteiligt an der Ausgestaltung seines Mythos war. Die Geschichte eines alten Mannes, der die Grenzen zwischen gesellschaftlich akzeptierten und stigmatisierten Orten mehrmals überschritt, vom Gefängnis in die enge Dorfgemeinschaft des Gutshofes, bis in das letzte Abseits, ein Altenheim, dabei nie wußte, welche Rolle er eigentlich zu spielen hat. Am Ende übrig bleibt der Zuschauer, amüsiert und zugleich verschreckt von den sozialen Abgründen und in jedem Fall überrascht von der Unmittelbarkeit des Films.

Die DVD ist zu beziehen bei Justus Pasternak: j.pasternak@arcor.de 1970-01-01 01:00
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