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Unser Krieg

D 2007. R,B: Michael Kuball. P: arte.
400 Min. absolut Medien ab 27.4.07

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Booklet, Bonusfilm.

Some Nazis

Von Mark Stöhr Jede Generation hat und hatte ihren eigenen Blick auf den deutschen Faschismus. Der Blick wird nüchterner, je länger die Ereignisse zurückliegen, ist aber immer noch zensiert von Didaktik und Angst. 1995 sendete arte eine fünfteilige Kompilation von Amateurfilmen aus den Jahren 1936 bis 1945. »Unser Krieg« zeigt das Grauen, aber auch die Normalität im Grauen aus der privaten Binnenperspektive – fast ohne pädagogische Sehhilfe. Sie ist nun in einer DVD-Edition erschienen.

Irgendwann 2005 im vollbesetzten Saal des Hamburger Kinos Metropolis. Beklommenes, manchenorts enttäuschtes Schweigen. Gerade waren die letzten Bilder von Lutz Hachmeisters Das Goebbels-Experiment (2004) über die Leinwand gelaufen. Das Versprechen war groß im Vorfeld: unkommentierte Originalbild- und Tonaufnahmen aus der NS-Zeit, unterlegt mit Tagebuchnotizen von Joseph Goebbels. Hier sollte das unkontrollierte Böse aus der braunen Vorzeit zum Auditorium der Gegenwart sprechen. Sollte. Der Regisseur war unabkömmlich, dafür standen dem Publikum zwei Rechercheure des Projekts Rede und Antwort. Die Diskussion begann schleppend, die üblichen Sachfragen. Dann erhob sich ein Mann mittleren Alters, er war sehr erregt und nannte den Grund: Die unvermittelte Goebbels-Perspektive des Films sei ihm unerträglich gewesen, zudem arbeite er als Lehrer und wolle sich nicht ausmalen, was für einen Schaden ein solches Werk bei seinen Schülern anrichten würde. Die Älteren unter den Zuschauern nickten, die Jüngeren staunten. Staunten über die scheinbare Furcht vor einem Dämon, der sich wie die Larve eines mörderischen Insekts im Kopf einnisten und das Verhalten manipulieren könnte – als sei das damals so gewesen. Und über die Aufregung angesichts eines Films, der genügend Bewegungsmelder eingebaut hatte, um die ablehnende Haltung der Nachgeborenen deutlich zu machen.

Die Beschäftigung mit dem NS-Regime verlangt immer noch eine Vor-, Zwischen- und Nachrede über das Selbstverständliche: die Verurteilung. Ist ein Blick möglich, der die Verurteilung mitdenkt, und trotzdem unverschleiert, gar neugierig sein darf? Die Amateurfilm-Kompilation von Michael Kuball – Aufnahmen von Privatpersonen, Filmtagebücher von Soldaten, subversive Filme von der -Heimatfront und aus den Kameras des Widerstands – bietet dazu zumindest eine kleine Gelegenheit. Sie zeigt den -Alltag zwischen den Kampfpausen, den Alltag der Bombennächte, auch alltägliche -Momente des Glücks inmitten der -Kata-strophe und die Katastrophe selbst.

Junge britische Pfadfinder sind 1936 zu Besuch in Deutschland und werden Zeugen der Militarisierung im Straßenbild – »And there some Nazis« – ein Lebensmittelhändler filmte die feierlichen Aufmärsche und Umzüge zum »Tag der deutschen Kunst« in München, sechs Wochen vor Beginn des Krieges. Als er da ist, muß ein Telegrammbote in einem anderen Filmdokument für die Kamera noch einmal den Stellungsbefehl überbringen und der Sohn der Familie noch einmal in Uniform das Haus verlassen. Die Engländerin Rosie Newman wagt sich während der Luftangriffe auf die Straßen Londons, derweil ein deutscher Pilot Einblicke in seine Bomberstaffel gibt, die von Frankreich nach England fliegt. Jahre später, die Deutschen haben sich Richtung Osten gemordet: Der Widerstandskämpfer Tadeusz Franiszyn schleicht sich mit einer 8mm-Kamera heran an das KZ Plaszow bei Krakau, ein griechischer Amateur filmt in Athen unter Lebensgefahr den Aufstand gegen die deutschen Besatzer. Und dann ist da Götz Hirt-Reger, der beim Rußlandfeldzug der Wehrmacht dabei war und den Frontalltag filmte, erst vom Panzerspähwagen seiner Aufklärungskompanie aus als privater Erinnerungssammler, später dann in offizieller Funktion im Propaganda-Corps. Damals ein junger Mann, für den der Krieg auch ein großes Abenteuer war. Selbst heute noch – er kommentiert die Aufnahmen aus dem Off – spricht er nicht ohne Sentimentalität über die Jahre, beschreibt die Bilder ganz phänomenologisch, als handle es sich um Urlaubssouvenirs. Der Plauderton ist prekär, und doch läßt man sich für einen -Moment auf die Perspektive ein: Sein Krieg, seine Erinnerungen, etwas Aufregenderes und Prägenderes hat er danach nicht mehr erlebt. Einen Moment nur gucken, jenseits von Verstehenwollen oder -können. Dann setzt die Verurteilung des Nachgeborenen wieder ein. 1970-01-01 01:00

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