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Die Stunde des Wolfs

Vargtimmen. S 1968. R,B: Ingmar Bergman. K: Sven Nykvist. S: Ulla Ryghe. M: Lars-Johan Werle. P: Svensk Filmindustri, AB. D: Max von Sydow, Liv Ullmann, Ingrid Thulin, Erland Josephson u.a.
84 Min. Arthaus ab 21.2.06

Sp: Deutsch (DD 1.0), Schwedisch (DD 1.0). Ut: Deutsch (forced). Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Produktionsnotizen, Trailer u.a.

Manchmal ist eine Minute eine Ewigkeit

Von Stefan Höltgen Johan kann nachts nicht schlafen, weil ihn die Dämonen nicht lassen. Er wird von Nachtmahren verfolgt, die erst verschwinden, wenn die Sonne aufgeht. So verbringt er die Nacht in der Dunkelheit seiner Hütte, die auf der Insel Baltrum steht, zusammen mit seiner Frau Alma, und zählt die Sekunden. Wie quälend langsam die Zeit für beide vergeht, verdeutlicht Ingmar Bergman in seinem 1968 erschienenen Film Vargtimen (dt. Die Stunde des Wolfs), indem er Johan die Sekunden einer Minute zählen läßt. Während diese verstreichen, scheint es so, als rücke die Dunkelheit der Hütte um beide herum immer näher und drohe das kleine Öllämpchen zu ersticken.

Die Geschichte von Johan und Alma, die Die Stunde des Wolfs erzählt, basiert auf einem Tagebuch, das Alma einem Filmteam vorstellt – Wochen nachdem Johan auf mysteriöse Weise verschwunden ist. In diesem Buch hat er die schönen Momente der beiden festgehalten – etwa wie der Kunstmaler Johan sich vornimmt, seine schwangere Frau jeden Tag zu malen, oder wie beide, nachdem Johan von einem Ausflug auf die Insel zum Haus zurückgekehrt ist, einander unter flatternden weißen Bettlaken an der Leine vor dem Haus küssen. Solche intimen Augenblicke beschwören einen insularen Sommer, der scheinbar endlos ist.

Doch mehr als diese Momente, sind es Johans bedrohliche Imaginationen einer illustren Gesellschaft, die auf der anderen Seite der Insel in einem verfallenen Schloß leben, die das Tagebuch füllen. Diese Menschen verfolgen Johan – sie sind die Bestandteile seiner Lebensgeschichte, die er mit der Heirat Almas hinter sich gelassen zu haben glaubt. Vor allem eine ehemalige Geliebte namens Veronica Vogler wird immer wieder genannt. Die Beziehung und Trennung von ihr war für Johan ein schweres Trauma, und die Schloßgesellschaft scheint alle einzelnen Aspekte dieses Traums zu personifizieren: Die Sehnsucht, die Vergänglichkeit, die Eifersucht, den Neid – ja sogar einen den Namen der Geliebten aufnehmenden »Vogelmenschen« gibt es, der Johan verfolgt.

Alma weiß nicht, wie sie Johan helfen kann – sie wird vielmehr selbst Opfer von Visionen. Als eines Tages eine alte Frau bei ihrem Haus auftaucht und sie auf das unter Johans Bett versteckte Tagebuch hinweist, vermischen sich für sie – wie auch für den Zuschauer – die Grenzen von Einbildung und Wirklichkeit. Ab jetzt begleitet Alma ihren Mann zu den Treffen im Schloß, sieht dieselben Personen über die Insel geistern wie er und erlebt die Verfolgung und (wahrscheinliche) Ermordung Johans durch die Alptraumwesen vis-à-vis mit.

Ingmar Bergman hat – das haben zahlreiche Kritiker falsch aufgefaßt – mit Die Stunde des Wolfs keineswegs einen Horrorfilm inszeniert. Zwar verfügt der Film über die Struktur und das Motivinventar eines Films dieses Genre, doch ist die Erzählung ganz klar in der Realität verankert, entbergen sich die Figuren und Geschehnisse deutlich als Zerrbilder einer Psychose. Alma selbst nennt den Grund zweimal, warum nicht nur Johan, sondern auch sie diese Zerrbilder wahrnimmt: »Ist es nicht so, daß eine Frau, die lange mit einem Mann zusammenlebt, im Laufe der Jahre diesem Mann ähnlich wird? Wenn sie ihn liebt, beginnt sie, zu denken wie ihr Mann, zu sehen wie er. Es heißt, daß sich dadurch ein Mensch verändert.« Dies fragt sie nicht nur Johan, der darauf nicht antwortet, weil er – wohl nach seiner Beziehung zu Veronika Vogler – weiß, daß Alma Recht hat, sondern sie fragt es auch uns, die Zuschauer, in der letzten Einstellung des Films.

Der Blick in die Kamera ist konstitutiv für die Erzählhaltung des Films.

Bergman rahmt seinen Film durch eine Interviewsituation, in der Alma mit dem Interviewer spricht und ihm die Geschichte Johans erzählt. Doch außer in der allerersten Einstellung des Films, in der das Bild noch schwarz ist und ein erläuternder Prätext auf dem Schirm erscheint, hört man den Interviewer oder die Filmcrew nicht, und es ist der Zuschauer, mit dem Alma spricht. Der Film selbst macht uns – je mehr Zeit vergeht – zum Verbündeten der Visionen von Alma und Johan. Wir sehen die Gestalten aus Johans Tagträumen und werden Zeugen seiner Erlebnisse in Rückblenden. Das ohnehin stark kontrastreiche Schwarzweiß-Bild des Films wird in solchen Flashbacks noch stärker mit Schwarz gesättigt, wirkt wie solarisiert. Wie in einem Stummfilm erleben wir, wie Johan einen kleinen Jungen erschlägt und im Meer versenkt, und hören dazu jene atonale Orchestermusik (die streckenweise an die Werke Bartoks erinnert), die sonst nur selten in die Stille des Films einbricht.

Den Höhepunkt des Films bildet jene obskure Feier, zu der der Schloßherr Johan und Alma einlädt. Hier verdichten sich etliche Motive des Bergman'schen Œuvres. Vor allem seine Vorliebe für Mozarts »Zauberflöte« findet sich hier – wenn auch in nuce, als ein Puppentheater, in dem die Puppen wie miniaturisierte Menschen aussehen. Im Verlaufe dieser Feier werden die peinlichen und pikanten Details aus Johans Vergangenheit enthüllt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Alma, die das eigentliche Ziel der Demütigungen ist, erträgt dies mit Fassung, weil sie sich der Liebe Johans sicher ist. Doch gerade nach diesen Ereignissen ändert sich ihre Beziehung; Johan wird ablehnend, bösartig, ja aggressiv. Er schießt auf Alma mit einer Pistole, die er von einem der Schloßbewohner bekommen hat, und flieht ins Schloß, um Veronika Vogler zu finden. Was er dort findet, ist sein Ende. Die angeschossene Alma folgt ihm, kann aber nur noch hilflos zusehen, wie ihn die Nachtmahre in das tiefe Sumpfland ziehen.

Die Stunde des Wolfs ist dem nur wenige Jahre später erschienenen Schreie und Flüstern sehr ähnlich. Wie in diesem verwendet Bergman auch hier Elemente des Fantastischen, um eine psychische Extremsituation zu inszenieren: War die Frage in Schreie und Flüstern, wie sich Lebenslügen im Angesicht des Todes offenbaren, so wirft Die Stunde des Wolfs die Frage danach auf, wie ein Lebenspartner die psychische Dissoziation des Gegenübers erlebt. Ein Motiv, an dem Bergman auch in seinen künftigen Filmen festhalten wird und das etwa in Die Seeligen (1997) zu einem realistischen Höhepunkt gelangt.

Die Stunde des Wolfs ist, weil er über einen solch unkenntlichen Gegenstand erzählt, ein äußerst minimalistischer Film. Fast vollständig wird er vom Spiel Max von Sydows und Liv Ullmanns getragen. Letztere führt hier den Höhepunkt ihres Kunstschaffens vor. Von der unbeschwerten, fast mädchenhaften Frau am Filmbeginn über die vor Angst fast gelähmte bis hin zu einer von existenziellen Fragen und Trauer bestimmten Frau am Filmende (in der Rahmenhandlung) reicht ihr Spiel. Die Dominanz der Nah- und Großaufnahmen der Gesichter verlangen den Schauspielern viel Können ab. In ihnen ruht die psychologische Authentizität des Stoffes.
Bergmans Film ist ein Kleinod des europäischen Autorenfilms, das jahrzehntelang nur in gelegentlichen TV-Ausstrahlungen zu sehen gewesen ist und dort mit einer – wie der Vergleich mit der neuen Untertitelung des Originals zeigt – schon fast sinnentstellenden Synchronisation.

Die Aufbereitung des 4:3-Bildes auf der Kinowelt-DVD ist exzellent geglückt. Ein Film, der derartig von seinen Kontrasten und seinem tiefen, symbolischen Schwarz lebt, verträgt keine Kompressionsartefakte und kein Bildrauschen. Hier hat Kinowelt ganze Arbeit geleistet.

Leider verfügt auch diese DVD – wie schon vorangegangene der Bergman-Edition – über kein nennenswertes Zusatzmaterial. Hatte die US-Veröffentlichung von MGM neben einem Audiokommentar von Marc Gervais noch ein Featurette namens »The Search for Sanity« (Interviews mit Liv Ullmann und Erland Josephson) als Beiprogramm, so fügt Kinowelt neben zwei Texttafeln mit Regisseur-Biografie und Produktionsnotizen von Hauke Lange-Fuchs lediglich Trailer zu weiteren Veröffentlichungen hinzu. Eine andere Unsitte ist es, daß vom laufenden Film aus die Untertitel und die Tonspur nicht mehr zu wechseln sind. Damit wird eine der wesentlichen Techniken der DVD nicht ausgenutzt, die es gerade angesichts der verzerrenden deutschen Synchronisation verunmöglicht, schnell die Untertitel ein- und auszublenden, ohne erst zum Menü zurückgehen zu müssen und den Film zu unterbrechen. 1970-01-01 01:00

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