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Schreie und Flüstern

Viskningar och rop. S 1973. R,B,P: Ingmar Bergman. K: Sven Nykvist. S: Siv Lundgren. M: Johann Sebastian Bach, Frédéric Chopin. D: Harriet Andersson, Kari Sylwan, Ingrid Thulin, Liv Ullmann, Anders Ek, Erland Josephson u.a.
88 Min. Arthaus ab 6.1.06

Sp: Deutsch (DD 1.0), Schwedisch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Produktionsnotizen, Trailer u.a.

Un(v)erträgliche Nähe

Von Stefan Höltgen Ende der 60er Jahre beginnt Ingmar Bergman seine filmischen Psychogramme zu intensivieren und das Medium Film dabei als »erkenntnisförderndes« Instrument einzusetzen. Der teilweise experimentelle Gestus von Narration, Montage und Mise-en-Scène in Die Stunde des Wolfs war bereits deutlich als horrible Parabel auf den psychischen Untergang seines Protagonisten zu verstehen. In Schreie und Flüstern von 1972 erzählt Bergman von drei Schwestern Agnes, Maria und Karin, von denen erstere im Sterben liegt. Die beiden anderen und die Haushälterin Anna kümmern sich um die Frau. In den Konfrontationen miteinander offenbaren sie ihre teilweise traumatische Vergangenheit, ihren Haß und ihre Hilflosigkeit. Und auch hier ist es wieder die filmische Technik, die das vordergründige Verhalten der Figuren zu desavouieren und die »wahre« Geschichte zu erzählen scheint.

Bergman fügt das Drama episodisch in den Sterbeprozeß ein, der damit als Rahmenhandlung dient. Die sehr problematische und belastete Beziehung der Sterbenden zu ihrer Mutter und die nahezu symbiotische Beziehung zur Haushälterin Anna als Ersatzmutter (die selbst ihre Tochter verloren hat), die verzweifelte Liebe Marias zu dem Arzt David, mit dem die Beziehung in die Brüche gegangen ist, und die gescheiterte Ehe der anderen Schwester bilden etwa gleich lange Einschübe in den Film. Sie werden durch Rotblenden ein- und ausgeleitet, bilden Zeit- und Raumreisen und stehen doch narrativ und visuell in unmittelbarer Verbindung zum Geschehen der Rahmenhandlung.

Von großer Intensität und Eloquenz ist in Schreie und Flüstern Sven Nykvists Kameraarbeit. Indem er kaum je weitere als halbnahe Einstellungen verwendet, intensiviert er die Beziehungen der Figuren zueinander auch auf der optischen Ebene. Es scheint fast so, als wären die Protagonisten Gefangene im Bild, dessen Rahmen ihre Körper aneinanderpressen, obwohl sie doch emotional auseinanderstreben. Selbst Maria, die stets auf Berührungen und Zärtlichkeiten aus zu sein scheint, um den Kontakt zu Karin zu reetablieren, wird diese Nähe zu viel. Kurz vor Ende, als sie nach dem Tod Anges' die notwendige Distanz wiedergefunden hat, offenbart sie jene kalte und distanzierende Logik, die David in einer der Rückblenden-Szenen bereits erkannt hat.

Wie bei Bergman üblich macht das Schauspiel einen Großteil der Wirkung des Films aus – wenn hier auch das Setting zu einem wichtigen Widerpart wird. Die Figuren wirken in der fast komplett in Blutrot eingerichteten Wohnung wie emotionales »Schlachtvieh« – in der Mitte das Sterbebett als Ort des Schmerzes (und eine derart eindringliche Sterbeszene, wie die hier von Harriet Andersson gespielte hat man selten in einem anderen Film gesehen) und der Wahrheit. Denn nach ihrem Tod kehrt die Frau noch einmal in ihr Sterbebett zurück und bittet ihre Schwestern zu sich. Beide wenden sich unter Vorwänden, Angst und Ekel von ihr ab und einzig ihre »Ersatzmutter« ist bereit, sich ihrer anzunehmen (was Bergman in einer wunderschönen Pieta inszeniert).

Wie dieses Bild zum Schluß von Schreie und Flüstern verdeutlicht, spielt Bergman hier bewußt mit religiösen Themen und Motiven. Die Privatheit der Sterbeszenen wird jäh unterbrochen, als der Tod eingetreten ist. Die Leiche wird für ihre letzte Reise vorbereitet in einer stillen Sachlichkeit, die zuvor unmöglich gewesen wäre. Der Auftritt des Pfarrers Isak, der der Toten die letzte Weihe gibt, wird zu einem erschütternden Bekenntnis der Unmöglichkeit zu Glauben. In einer Fragen-Kaskade an die Tote nach der Existenz und Güte Gottes bittet der Geistliche unter Tränen um ihr Gebet und gesteht hernach, daß ihr Glaube stets größer als der seine gewesen ist.

Schreie und Flüstern, mit dem (nach Schande und Passion) eine Phase in Bergmans Schaffen endgültig Konturen gewinnt, in welcher er die Psychopathologien seiner Figuren ins Extreme fortschreibt, verwendet das Medium Film intensiv wie selten zuvor, um seine Leidensgeschichte(n) plastisch vor Augen zu führen. Die extreme Reduktion der Handlungsorte, die auffällig inszenierten Blenden und die häufigen Blicke der Figuren in die Kamera verleihen dem Film essayistische Züge. Bergmans »Essay über die Wahrheit im Angesicht des Todes« zählt auch nach über dreißig Jahren noch zu den erschütterndsten cineastischen Erfahrungen.

Kinowelt bringt den Film in gewohnt seriöser Aufmachung und tadelloser Reproduktion von Bild und Ton heraus. Zwar nehmen sich die Extras mit ein paar Produktionsnotizen und einer Biographie Bergmans etwas spartanisch aus, doch dafür entschädigt die sehr schöne Menügestaltung der DVD, die Schlaglichter auf den Film mit dem minimalistischen Glockenspiel-Soundtrack unterlegt. 1970-01-01 01:00
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